Ungefährlich: PVC

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Nov 221993
 

PVC-Odysee

PVC-Fan Rütters blieb bis heute eine Antwort schuldig

(iz) Mittlerweile sollte es sich rumgesprochen haben, daß PVC und andere Chlorchemikalien bei der Produktion, im Gebrauch und bei der Entsorgung umwelt- und gesundheitsschädlich und damit auch volkswirtschaftlich bedenklich sind. Es gibt jedoch hiesige Kommunalpolitiker und Medien, die ihr Ohr nur an der Industrie haben. Diese Erfahrung mußte jedenfalls die Schortenser Ratsfrau und stellvertretende Bürgermeisterin Utta Schüder machen.

Von einem Besuch bei der ICI im Mai dieses Jahres kehrte der Wilhelmshavener CDU-Ratsherr und Landtagskandidat Rolf Rütters mit der frohen Botschaft zurück, PVC sei nicht mehr als umweltschädlicher Baustoff eingestuft. Utta Schüder bat ihn um Mitteilung, woher er diese Information bezogen habe. Die Antwort vom 3.6.93 lautete:
„Sehr geehrte Frau Schüder,
herzlichen Dank für Ihre Anfrage. PVC ist gemäß Umweltrichtlinie Nds. MBl. 32/1992 nicht mehr als umweltschädlicher Baustoff eingestuft. Mit freundlichen Grüßen, Ihr Rolf Rütters.“

17.6.93 Schreiben von Utta Schüder an Rolf Rütters:
„Sehr geehrter Herr Rütters, vielen Dank für Ihre Mitteilung vom 3.6.93. Ich habe mir die von Ihnen genannte Umweltrichtlinie … besorgt, in der es um das öffentliche Auftragswesen geht. Ich fand keinen Hinweis darin, daß PVC „nicht mehr als umweltschädlicher Baustoff eingestuft“ wird. PVC, heißt es dort, soll nur dann beschafft werden, wenn andere geeignetere Stoffe nicht zur Verfügung stehen … Ich bin sehr daran interessiert zu erfahren, wie Sie bzw. Ihre Parteifreunde, die bei dem Besuch der ICI mit dabei waren, zu Ihrer Einschätzung gelangten, PVC sei nicht mehr als umweltschädlich eingestuft. Mit freundlichen Grüßen, gez. Schüder“

Keine Antwort. 29.7.93, Schreiben von Utta Schüder an Rolf Rütters:
„Sehr geehrter Herr Rütters, ich nehme Bezug auf meinen Brief an Sie vom 17.6.93 und wäre Ihnen dankbar, wenn Sie zu meiner Frage Stellung nehmen würden. Mit freundlichen Grüßen … „

Als Herr Rütters sich immer noch nicht rührte, wandte Frau Schüder sich an die Wilhelmshavener Zeitung: Leserbrief von Utta Schüder an die WZ vom 16.8.93:
„Sehr geehrter Herr Westerhoff,
zur Zeit läuft eine Pressekampagne der PVC-produzierenden Industrie, um das Image ihres Produktes aufzupolieren. Die CDU in Wilhelmshaven gibt sich dazu her, mit ungeprüften Argumenten Hilfestellung zu leisten. Es ist m.E. beschämend, wenn Ratsherren bzw. Landtagsmitglieder oder -kandidaten Wissen vorgeben und öffentlich verbreiten, das einer schlichten Überprüfung nicht einmal standhält.
Ende Mai war ein Bericht in der WZ über den Besuch von CDU-Vertretern bei ICI Wilhelmshaven, in dem begrüßt wurde, dass PVC in einer Niedersächsischen Umweltrichtlinie nicht mehr als schädlicher Baustoff eingestuft werde. Auf Nachfrage teilte mir der Ratsherr R. Rütters die Nummer dieser Richtlinie mit, die ich mir daraufhin kommen ließ. Hierin heißt es, daß Produkte aus PVC „nur dann beschafft werden (sollen), wenn andere geeignetere Stoffe … nicht zur Verfügung stehen.“
Zweimal fragte ich bei Herrn Rütters schriftlich nach ( . .. ), wie man zu der positiven Einschätzung von PVC gekommen sei. Ich erhielt keine Antwort. Jetzt auf telefonische Nachfrage gestand Herr Rütters ein, den Inhalt der Umweltrichtlinie überhaupt nicht zu kennen.
Fazit ist, daß PVC weiter ein Werkstoff ist, der wegen seiner Umweltbelastung vermieden werden soll (siehe auch „Natur“ 8/93, Seite 94), und daß die CDU Wilhelmshaven industriehörig und unkritisch ist. Ich bitte Sie darum, dieses Schreiben als Leserbrief zu veröffentlichen, um damit die falsche Aussage der CDU richtig stellen zu können. Mit freundlichen Grüßen … „

Nichts passierte. Frau Schüder erinnerte erneut an ihr Anliegen:
„Sehr geehrter Herr Westerhoff, ich beziehe mich auf mein Schreiben an Sie vom 16.8.93 und unser Telefongespräch vom Freitag, den 3.9., in denen ich Sie um Richtigstellung einer falschen Meldung in Ihrer Zeitung gebeten habe. Ich hätte gerne gewußt, wann diese Richtigstellung erfolgt. Im Falle, daß Sie die Richtigstellung ablehnen, bitte ich Sie um eine schriftliche Begründung. Mit freundlichen Grüßen …“

Ein Abdruck des Leserbriefes erfolgte nicht. Stattdessen mußte Frau Schüder sich noch veräppeln lassen. In der WZ vom 23.10.93 stand unter „Ganz persönlich“ (!?) zu lesen:

„Eine prinzipientreue Frau ist die Schortenser Grünen-Politikerin Utta Schüder. So will sie dem CDU-Politiker Rolf Rütters nicht die Feststellung durchgehen lassen, in einer niedersächsischen Baurichtlinie werde PVC nicht als umweltschädlich eingestuft und es gebe kein Beschaffungsverbot. Frau Schüder las nach und fand in der Umweltrichtlinie ( … ) zwar kein Verbot, aber ( … ) Hinweise, daß PVC nur einzusetzen (sei), wenn andere geeignetere Stoffe nicht zur Verfügung stehen. Das ist das Praktische an vielseitigen Amtspapieren: Sie bieten für jeden etwas.“

Wie die WZ zu dieser Interpretation des Sachverhalts gelangt, ist uns schleierhaft. Der GEGENWIND nimmt hiermit die Richtigstellung vor, indem wir ganz einfach das Originalzitat aus der Umweltrichtlinie abdrucken:

Auszug aus dem Runderlaß des Ministeriums für Wirtschaft, Technologie und Verkehr v. 5.5.92 „Öffentliches Auftragswesen; Berücksichtigung des Umweltschutzes (Umweltrichtlinien öffentliches Auftragswesen) – Im Einvernehmen mit den Ministerien für Umwelt, Inneres, Finanzen, Soziales und Landwirtschaft – Veröffentlicht im Niedersächsischen Ministerialblatt Nr. 32/1992, S. 1286-1290.
„Auf Polyvinylchlorid (PVC) und dessen Copolymeren aufgebaute Produkte/ Baustoffe sollten nur dann beschafft werden, wenn andere geeignetere Stoffe oder Verfahren nicht zur Verfügung stehen. Diese Regelung tritt zwei Jahre nach Veröffentlichung dieses RdErl. im Nds. MBl. in Kraft.“

PS: Das Hochbauamt der Stadt Wilhelmshaven ist jedenfalls wohl nicht so industriehörig – es hält sich, z. B. beim Einbau neuer Fenster, bereits an die Umweltrichtlinie. Da können wir nur gratulieren

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