Greenpeace vs. ICI

Menü

 

 

Nov 221993
 

Gläsernes Abflußrohr

Greenpeace zieht Abwasserproben bei ICI

(ft) Oft hatte Greenpeace bei der ICI-Wilhelmshaven um Überlassung von Proben der Abwässer gebeten, die von der Firma in die Jade gepumpt werden. Doch weder Proben noch Ergebnisse wurden von der ICI preisgegeben. Ende Oktober holte sich Greenpeace selbst den Stoff, der aus den Rohren kommt.

gw118_iciAm Morgen des 25. Oktober 1993 versammelten sich einige Greenpeace-Aktivisten am Hooksieler Außenhafen, um Proben aus dem ICI-Abwasserrohr zu nehmen. Ziel der Aktion war es, zu überprüfen, ob Dioxine in den Abwässern oder der Umgebung der Einleitungsstelle nachzuweisen sind. Zwei Taucher versuchten an den unter der Wasseroberfläche gelegenen Rohrausgang zu gelangen. Strömung und schlechte Sicht verhinderten dieses Vorhaben. Beim ersten Tauchgang gelang es nur, ein paar Miesmuscheln für die Laboruntersuchung vom Brückenpfeiler zu kratzen und Wasserproben aus der Umgebung des Abwasserrohres zu entnehmen. Bei Niedrigwasser wollte Greenpeace einen weiteren Tauchgang starten.

Großeinsatz

Doch die ICI hatte inzwischen von der Aktion Wind bekommen und die Polizei alarmiert. Ein Autokorso von Polizei, Werkschutz und Betriebsfeuerwehr kreuzte im Hooksieler Außenhafen auf und nahm die Besatzung des Greenpeace-Schlauchbootes an der Kaimauer in Empfang. Die Polizei nahm die Personalien der Greenpeace-Aktivisten auf – Die ICI hatte Anzeige erstattet. Danach wurde es bunt im Hooksieler Außenhafen: 5 Wagen der Wasserschutz- und der Schutzpolizei, zwei Polizeischiffe und zu Wasser gelassene Schlauchboote der Polizei warteten auf das zweite Auslaufen des mit vier Personen besetzten Greenpeace-Schlauchbootes. Erfreut äußerte sich ein Polizist am Einsatzort über die Greenpeace-Aktion: So könne man doch endlich mal die gesamte Ausrüstung einsetzen. Auf der ICI-Löschbrücke ging derweil die ICI-Werksfeuerwehr in Stellung und lauerte auf die Taucher. Mit einem gezielten Strahl aus dem Löschrohr sollte eine Probeentnahme verhindert werden. Das Schlauchboot der Umweltschützer setzte sich Richtung ICI-Brücke in Bewegung – die Schützer von Staat, Recht und Ordnung mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln hinterher.

Zu gefährlich

Die Taucher konnten zwar noch ins Wasser gelassen werden, der Tauchgang selbst aber mußte abgebrochen werden, da die Polizeischlauchboote mit ihren Außenbordschrauben sich im Tauchbereich befanden und die ICI-Werksfeuerwehr ihr „Hoheitsgebiet“ mit dem Feuerwehrschlauch auf die Taucher und die Schlauchbootbesatzung gerichtet, verteidigte. Greenpeace brach daraufhin die Aktion ab – die Gefährdung der Aktivisten und des sich vor Ort befindlichen Kamerateams war zu groß. „Ich kann das einfach nicht verstehen. Für mich ist das ein Zeichen, daß das Unternehmen Dreck am Stecken hat“, so Manfred Krautter, Chemie-Experte von Greenpeace. Dreck am Stecken hat die ICI nach Aussage des ICI-Firmensprechers H.P. Kramer nicht. Der Greenpeace-Untersuchung sehe er „mit Gelassenheit“ entgegen. Nach Angabe der Firmenleitung wird der genehmigte Wert der Einleitungen weit unterschritten. Leider konnte Greenpeace nicht direkt den Rohrausgang beproben. Doch Proben aus der nächsten Umgebung der Einleitung wurden genommen und werden zur Zeit ausgewertet. „Wenn wir Dioxine finden, wenn unsere Untersuchungen den Nachweis bringen, daß ICI die Umgebung verschmutzt und belastet, dann werden wir alles Erdenkliche unternehmen, um die Einleitungen zu stoppen“, kündigte Manfred Krautter von Greenpeace an.

Kommentar:

Wem gehört das Wasser?

Darf die Polizei Leute, die in der Jade tauchen, um Gewässerproben zu entnehmen, so behandeln? Ist die Polizei ein Büttel der Industrie? Was für eine Anzeige mag die ICI erstattet haben? Ein Eigentumsdelikt? Ist das, was die ICI in die Jade pumpt deren Eigentum? Hier stellt sich die Frage, warum die Polizei aktiv geworden ist – ein Fall von Kompetenzüberschreitung und Willkür? Warum rückt die ICI mit Polizei, Werkschutz und Feuerwehr an, wenn sie nichts zu verbergen hat? Warum gibt die ICI keine Untersuchungsergebnisse der Abwässer bekannt? Wenn diese in Ordnung sind, wäre es doch eine positive Werbung, die Daten und Abwasserproben Greenpeace zur Verfügung zu stellen. Die Reaktion des Chlorchemiegiganten ICI weist darauf hin, daß die ICI Abwässer einleitet, von denen weder Bevölkerung noch Behörden Kenntnis bekommen dürfen. Der von der ICI in Werbeanzeigen und -broschüren angebotene „Dialog mit den Nachbarn“ wäre doch erst dann möglich, wenn die ICI ein „gläsernes Abflußrohr“ anbieten würden – also nicht mehr und nicht weniger, als die ehrliche Information der interessierten Bürger und BürgerInnen über das, was die ICI in Luft und Wasser an Schadstoffen abläßt.

Frank Tunnat

Sorry, the comment form is closed at this time.

go Top