Stadtkünstler

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Nov 221993
 

Einsichten eines Pausenclowns

Retrospektive des Wilhelmshavener Stadtkünstlers mit bitterem Nachgeschmack

(iz) Eine Stadt, die chronisch pleite ist und im allgemeinen gern am Kulturetat spart, leistet sich einen Stadtkünstler. Aus den 1.000 Mark, die sie sich das monatlich kosten läßt, sollte sie logischerweise ein Gewinnmaximum im Bereich Kultur, Kommunikation und Image herausschlagen. Umgekehrt soll der Künstler durch das Stipendium Gelegenheit erhalten, sich für einen begrenzten Zeitraum frei und ohne Sorge um den Lebensunterhalt der Kunst zu widmen. In Wilhelmshaven sieht die Praxis wieder mal ganz anders aus.

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BEWEGUNG – Fotografie von Peter Schneider

Am 1. Juni dieses Jahres reiste der Fotograf Peter Schneider hochmotiviert in Wilhelmshaven an, um sofort mit der Arbeit zu beginnen. Ein halbes Jahr läßt nicht viel Zeit, um eine Stadt und ihre Bewohner kennenzulernen, aus dem Blickwinkel eines Außenstehenden künstlerisch zu erfassen und das Ergebnis in Form von Ausstellungen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. In dem Bewußtsein, daß sein Stipendium aus den knappen Mitteln der Bürger dieser Stadt finanziert wird, wollte Schneider möglichst effektiv arbeiten.
Vor diesem Hintergrund bezog er die Wohn- und Arbeitsräume, die ihm laut Vertrag seitens der Stadt zur Verfügung gestellt werden sollten. Damit erhielt er sogleich Gelegenheit, diese Stadt, besser ihre Verwaltung und ihre Handwerksbetriebe, persönlich kennenzulernen. Wochen verbrachte er damit, die Räume tatsächlich nutzbar zu machen, zu organisieren und auf Handwerker zu warten. Das Labor (ein fußkalter Kellerraum ohne Stromversorgung) mußte er zunächst streichen, da der Staub des bröckeligen Putzes jeden Abzug verdorben hätte. Die Studioausstattung besteht aus freundlichen Leihgaben verschiedener Institutionen und Privatpersonen. Für das Labor mußte Schneider seine eigene Ausstattung aus der badischen Heimat herankarren, wobei er die Kosten (wie auch seine eigenen Umzugskosten) selber tragen mußte.
So wurde es Mitte Juli, ehe er mit der eigentlichen Arbeit beginnen konnte. Bei der erstmaligen Präsentation seiner Arbeiten in der „Perspektive“ – einer nicht-städtischen Kulturinstitution! – stieß er noch auf gute Unterstützung in Sachen Organisation, Ausstattung und Öffentlichkeitsarbeit. Die nachfolgenden Versuche der Zusammenarbeit mit städtischen Einrichtungen waren ein Desaster.

„Wußten Sie schon, dass Sie demnächst eine Ausstellung haben?“

Der Leiter der Kunsthalle, Bernd Küster, in seiner integrativen Funktion für städtische Kulturarbeit auch verantwortlich für die Betreuung des Stadtkünstlers, entschied zusammen mit dem Kulturamt und einem Mitarbeiter des Theaters über die Ausstellung im Foyer des Stadttheaters. Schneider wurde erst im Nachgang darüber informiert. Die weitere Organisation blieb ihm allein überlassen, bis hin zur Beschaffung der erforderlichen Bilderrahmen über einen privaten Sponsor. Die Stadt behielt sich vor, unter dem Wilhelmshaven-Logo zu der Ausstellung einzuladen und mit dem Grußwort des Oberbürgermeisters die Lorbeeren der Arbeit für sich einzuheimsen. Küster erschien weder zu dieser noch zu anderen Ausstellungseröffnungen des Stadtkünstlers. Schneider durfte dann täglich höchstpersönlich dafür sorgen, daß während der Ausstellungszeiten die Beleuchtung eingeschaltet wurde – das Theater fühlte sich erst nach 14 Tagen, nach mehrfacher Aufforderung und Einschaltung des Kulturamtes, dafür zuständig ..
Die Zusammenarbeit mit dem Stadttheater war auch ansonsten wenig erquicklich. Zunächst erhielt er, gewissermaßen als kurzzeitiges Ensemblemitglied, die Genehmigung, Fotos von Proben und Aufführungen zu machen. Angesichts der bemerkenswerten künstlerischen Qualität von Schneiders Arbeiten hätte auch das Theater davon profitiert. Anderntags erteilte ihm jedoch die verantwortliche Regisseurin einen Rausschmiß, da sie wohl den störenden Einfluß höher bewertete als die Vorteile einer kurzfristigen Zusammenarbeit verschiedener künstlerischer Disziplinen.
Insgesamt, so Schneiders Einschätzung, verblieben ihm nur 50 % seiner kostbaren Zeit für die eigentliche Arbeit, während der Rest dafür drauf ging, zu organisieren, sich herumzuärgern und die Knüppel aus dem Weg zu räumen, die ihm städtische Verwaltung und Einrichtungen zusätzlich zu mangelnder Kooperation noch zwischen die Beine warfen. So verweigerte die Kunsthalle z.B. einem Kaufinteressenten gegenüber die Auskunft, unter welcher Adresse Schneider zu erreichen ist.
Auf dem kürzlich stattgefundenen Wilhelmshavener Kunstmarkt suchte man Schneider vergebens. Die Rückfrage bei den Veranstaltern wurde geflissentlich übergangen . Tatsache ist, daß Schneider nie eine Einladung zur Teilnahme erhalten hat. Daß ihm auch in der Wilhelmshavener Zeitung als Organ städtischen Kulturklüngels vergleichsweise wenig Beachtung geschenkt wurde, ist kaum noch erstaunlich.
Trotz aller Hindernisse wollte Schneider in seiner Verantwortung gegenüber der Wilhelmshavener Bevölkerung das selbst gesteckte Pensum erreichen. Wohlgemerkt, in der halben Zeit, was bedeutet, neben wenigen Stunden Schlaf rund um die Uhr zu arbeiten und sich Nächte in seinem kalten Kellerlabor um die Ohren zu schlagen – mit einer Ausstattung, bei der jede Berufsgenossenschaft mit den Ohren schlackern würde.

Übrigens: Sein Kühlschrank funktioniert, nach längerer Auseinandersetzung mit dem zuständigen Handwerker, bis heute nicht, so daß die unzumutbaren Arbeits- und Lebensbedingungen durch die ausschließliche Ernährung mit haltbaren Fertigprodukten noch erschwert werden. Zieht man von seiner monatlichen Zuwendung die Ausgaben ab, die er für seine Arbeitsgrundlagen tätigen mußte (z.B. Transportkosten, Arbeitsmittel), so liegen seine verfügbaren Mittel für die eigentliche Lebenshaltung wohl unter dem Sozialhilfesatz.
Ergebnis seiner Bemühungen: 3 Ausstellungen (Perspektive, Stadttheater, Galerie M), in denen keine Arbeit doppelt erscheint. Eine nicht abgearbeitete Ideenliste. Fertigzustellen ist noch ein Katalog, wenigstens etwas, das er mit nach Hause tragen und für seine Zukunft verwenden kann. Da die Unterstützung seitens der Stadt sich allenfalls auf das Logo und das OB-Grußwort beschränkt hätte, verzichtete Schneider auf den hiermit verbundenen Zuschuß und hat die Sache in Eigenregie durchgeführt.

Blick zurück im Zorn

So kann das Image-Objekt Stadtkünstler nur zum Bumerang werden. Keiner wird ernstlich erwarten, daß Schneider sich in seiner Heimat oder anderswo positiv über den offiziellen Wilhelmshavener Kulturbetrieb äußern wird. Immerhin, er hat ein halbes Jahr durchgehalten – ein früherer Stadtkünstler ergriff schon nach drei Tagen die Flucht … Mit den Menschen, die er hier kennen gelernt hat, verbindet er durchaus positive Gefühle – sein Zorn bezieht sich allein auf die offiziellen Institutionen und Vertragspartner, von denen er sich zum reinen Verwaltungsobjekt degradiert fühlt.
Immerhin: wenn ein Stipendium dem Künstler Orientierungs- und Entscheidungshilfe für seine zukünftige Entwicklung sein soll, so ist Peter Schneider zu einer klaren Aussage gelangt. Sein Fazit nach einem halben Jahr Stadtkünstler in Wilhelmshaven: „Kein Bock mehr auf Kunst!“

Die Arbeiten von Peter Schneider sind noch bis zum 9.12.93 in der Galerie M, Weser-/ Einmündung Allerstr., zu sehen.

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