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Nov 221993
 

Dekadenz

August orgelt für Wilhelm

(hk) Stadtbekannt ist er ja, der August Desenz, der seit Jahren als Charlie Chaplin-Kopie für mehr oder weniger gemeinnützige Zwecke orgelt. Momentan sammelt August Desenz für Wilhelm – 10.000 DM hat er schon erorgelt.

Nun hat Desenz sich selbst geoutet: In einer Fernsehsendung über die Aufstellung des Wilhelm-Denkmals sagte er, daß er „stolz auf Wilhelmshaven und deren Namensgeber sei“, und begründete dies mit dem Satz: „Der Kaiser Wilhelm hat seine Untertanen nicht beklaut, aber die Gewerkschaft hat das gemacht.“ Dieser Ausspruch beweist, mit welcher geschichtlicher Unkenntnis der Herr Desenz den Leuten das Geld für Wilhelm aus der Tasche zieht. Wir wollen ihn nun nicht belehren – über die Finanzierung des Hauses Hohenzollern und die Finanzierung der Kriege sei Herrn Desenz ein Gang in die Stadtbücherei empfohlen – denn lesen hat noch nie geschadet. Doch Desenz‘ Wilhelm-Orgelei war für uns Anlaß, uns ein bißchen mit der Geschichte seiner Zunft zu befassen. Dabei fiel uns eine Geschichte in die Hand, in der die Funktion der Drehorgelspieler als „Stimme des Volkes“ deutlich wird. Zufälligerweise geht es darin auch noch um den Namensgeber unserer Stadt „Wilhelm I.“ – damals noch“ Prinz von Preußen“.

Berlin 1848

Das Militär und der Prinz von Preußen mußten nach den blutigen Märzkämpfen 1848 Berlin verlassen. In diesen Märzkämpfen hatte sich das Bürgertum das Recht auf Waffen tragen zur Verteidigung der Revolution erkämpft. Gleichzeitig trat die Arbeiterschaft immer entschiedener auf. Nun bekam das Bürgertum es wieder mit der Angst zu tun, denn mehr als die preußische Armee fürchtete man sich vor den Forderungen der Arbeiterschaft. Darum wollte man das Recht auf Waffentragen wieder an die Reaktion – den Prinzen von Preußen und die preußische Armee – zurückgeben. Das Bürgertum brachte seine Forderungen in einem Lied zum Ausdruck:

Komme doch, komme doch, Prinz von Preußen,
Komme doch, komme doch nach Berlin!
Unsere faule Bürgergarde
will nicht mehr auf Wache ziehen,
will nicht mehr das Kuhbein tragen,
will nicht mehr das Pöbel jagen,
und das Pöbel wird gemein,
schmeißt den Leuten die Fenster ein.

Diese Gesänge, auf Straßen und Plätzen vorgetragen, wurden von den Drehorgelmännern mit dem folgenden Vers parodiert:

Schlächtermeister, Prinz von Preußen,
Komme doch, komme doch nach Berlin!
Wir woll’n dir mit Steinen schmeißen
Und die Barrikaden ziehn.
(Quelle: Christian Petzet, Die Blütezeit der politischen Lyrik von 1840 – 1850. München 1903)

Wir fordern August Desenz nun natürlich nicht auf, sich in die Tradition der Drehorgelspieler des letzten Jahrhunderts zu stellen. Dazu paßt auch sein Outfit nicht. Doch genauso, wie es für das Geld von Leffers, Babatz, Adrian bessere Verwendungsmöglichkeiten als den Kauf einer Bronzestatue gibt, könnten mit Sicherheit einige Dutzend Wohlfahrtsorganisationen mit dem erorgelten Geld des Herrn Desenz, sinnvolle Arbeit leisten.

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