Stadtjugendring

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Jan 281991
 

War’s das?

Vom Niedergang des Stadtjugendringes

(noa) Seit langem krebst der Stadtjugendring Wilhelmshaven vor sich hin. Zwar konnten wir im September 1989 (GEGENWIND 88, „Neuanfang?“) von einer gut besuchten Vollversammlung berichten, doch das scheint nur ein letztes Aufflackern gewesen zu sein.

Damals waren immerhin Vertreter von 13 der 28 im Stadtjugendring zusammengeschlossenen Verbände gekommen, offenbar beeindruckt von der Ankündigung des damaligen Vorstandes, zurückzutreten, wenn weiterhin keine Resonanz zu vernehmen wäre. Aktive Mitarbeit wurde dadurch aber nicht gewonnen, und es war nicht einmal möglich, einen neuen Vorstand zu wählen, so daß der alte Vorstand mit dem 1. Vorsitzenden Dieter Tiesfeld sich notgedrungen bereit erklärte, noch ein Jahr lang weiterzuarbeiten.

Eine neue Konzeption für den SJR

Eine Arbeitsgruppe, bestehend aus Vertretern der wenigen Verbände, die noch mitarbeiteten, versuchte, den Stadtjugendring zu retten. Die Konzeption, die diese Gruppe erarbeitete, sah zum einen formale Veränderungen vor: Statt eines Vorstandes wie bisher mit 1. und 2. Vorsitzenden, Kassenwart etc. ein Vorstandskollektiv mit Arbeitsteilung, Umwandlung des SJR in einen eingetragenen Verein mit Anerkennung der Gemeinnützigkeit, mittelfristig die Anstellung eines hauptamtlichen Geschäftsführers auf ABM-Basis, Besetzung der SJR-Sitze im Jugendwohlfahrtsausschuß der Stadt durch zwei Vorstandsmitglieder.
Auf der inhaltlichen Seite schlug die Arbeitsgruppe statt großer Veranstaltungen kleinere Aktivitäten vor, die darauf abzielten, neben den Jugendlichen, die in den Einzelverbänden organisiert sind, auch die jungen Leute anzusprechen, die keinem Jugendverband angehören, neben Veranstaltungen in verbandseigenen Räumlichkeiten also auch solche in privaten oder öffentlich geförderten Einrichtungen (z.B. Pumpwerk).
Dabei sollten Themen, die Jugendliche interessieren könnten (oder nach Meinung der Arbeitsgruppe interessieren sollten) – Okkultismus und Sekten, Kommunalwahl, Spielsucht, Wohnraummangel, Freizeitmöglichkeiten etc. – mit kompetenten Referenten diskutiert werden können; die Diskussionsveranstaltungen sollten jeweils mit einem kulturellen Angebot wie Film, Musikgruppen, Theater etc. verknüpft sein.

SJR ohne Leitung

Auf der Grundlage dieser Konzeption sollte auf einer Vollversammlung am 15. Oktober ein neuer Vorstand gewählt werden, doch die Sitzung war so spärlich besucht, daß sie nicht einmal die Selbstauflösung des SJR beschließen konnte. Die wenigen Anwesenden erklärten die Sitzung für „unterbrochen“ und beschlossen, sie im November fortzusetzen.
Vorsichtshalber formulierten sie schon einmal einen Antrag auf Auflösung sowie einen Antrag auf eine Satzungsänderung, die die Auflösung mit zwei Dritteln aller anwesenden Delegierten ermöglichte.
Dieter Tiesfeld. obwohl nun nicht mehr im Amt, lud auf den 26. November zur „Jahreshauptversammlung Teil 2“ ein, um einen letzten Versuch zur Reaktivierung des SJR zu starten, und ließ auch die „WZ“ trommeln: „Vom Interesse und dem Engagement der Beteiligten an der Versammlung am 26. November wird es abhängen, ob der Stadtjugendring in Wilhelmshaven vielleicht doch noch eine Zukunft hat“, lautete der Schlußsatz eines Artikels in der „WZ“ vom 1.11.1990 unter der Überschrift „Stadtjugendring steht vor der Auflösung“.
Daraufhin fanden sich am 26.11. doch einige Vertreter von Jugendverbänden im Jugendheim Kirchreihe ein, um den SJR als Dachorganisation der Verbände und Sprachrohr der Jugendlichen wiederzubeleben. Von den „alten Hasen“, die jahrelang aktiv gewesen waren, mochte sich jedoch keiner in den Vorstand wählen lassen, und so stellten sich schließlich Heike Riege (Baptisten) und Andreas Koût (Musikerinitiative), die an der Ausarbeitung der Konzeption beteiligt gewesen waren, Frank Pawlowski (Falken) und Arend-Roland Rath, den meisten GEGENWIND-LeserInnen schätzungsweise bekannt als Wirt des Cafe Seewärts und des Hotels Seeräuber sowie als Mitarbeiter der Perspektive, der erstmalig an einer SJR-Versammlung teilnahm und sich als Delegierter der Jusos vorstellte, zur Verfügung. Um die in der Konzeption geforderte Mindestzahl von fünf Vorstandsmitgliedern zu erreichen, wählte die Versammlung außerdem einen Delegierten in das Vorstandskollektiv, der krankheitshalber nicht dabei war, Uwe Brams von der SOS-Jugendberatung.
Brams hatte in der Arbeitsgruppe engagiert mitgearbeitet und auch vorab seine Bereitschaft zur Vorstandsarbeit und Tätigkeit im Jugendwohlfahrtsausschuß der Stadt signalisiert. Doch als er erfuhr, wie dünn besucht trotz allen Trommelns die Jahreshauptversammlung gewesen war, lehnte er es ab, die Wahl nachträglich anzunehmen, erklärte sich jedoch zur Unterstützung des Vorstandes in Form von Übernahme eines Arbeitsbereiches und zur JWA-Arbeit bereit.

Krach im neuen Vorstand

In der ersten Vorstandssitzung wurden U. Brams und A. Koût als JWA-Delegierte gewählt. Arend-Roland Rath widersprach diesem Beschluß vehement, zum einen unter Hinweis auf die Konzeption, die die JWA-Sitze an die Mitgliedschaft im Vorstand bindet, zum anderen mit der Eröffnung, daß er sich nur in den Vorstand habe wählen lassen, weil er in den JWA wolle und ansonsten kein Interesse an der Vorstandarbeit habe.

Da waren’s nur noch Drei

Nach langer Debatte fügte Rath sich schließlich der Mehrheitsentscheidung. Zur Überraschung der anderen Vorstandsmitglieder erklärte er jedoch zu Beginn der nächsten Vorstandssitzung, er fühle sich an den Beschluß nicht mehr gebunden; überdies sei es gar nicht wichtig, neue Delegierte in den JWA zu entsenden, die gegenwärtigen Delegierten sollten ihre Sitze behalten. Wieder gab es eine längere Diskussion, woraufhin Andreas Koût seinen Rücktritt von seinem Vorstandsamt erklärte. „Es ging stundenlang hin und her um Formalitäten statt um die Arbeit. So will und kann ich da nicht mitarbeiten“, so Koût.

Cui bono?

Über Raths Absichten und Ziele gibt es allerhand Spekulationen. Die wahrscheinlichste steht im Zusammenhang mit seiner Kandidatur in der bevorstehenden Kommunalwahl: Als Vorstandsmitglied des SJR kann man ja den eigenen Popularitätsgrad erhöhen. Da ist es allerdings wichtig, daß man „WZ“-fähige (sprich: nette, ruhige) Aktionen und Veranstaltungen durchführt, „Fragen stellt“, um „in Gesprächen mit Vertretern von Einrichtungen in Wilhelmshaven deren Berührungspunkte mit Jugendarbeit oder jugendspezifischen Problemen auszuloten“ und in der WZ berichten läßt, daß man das Pumpwerk besucht habe („WZ vom 28.1.91). Auch wenn’s nur ein Pups ist, Hauptsache, man steht in der Zeitung!

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