Supertanker

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Jan 261993
 

Kopf im Schlick?

BUW fordert Einlaufverbot für beladene Supertanker

(buw/uw) Mit Milliardenaufwand sei die Verkehrssicherheit der Zufahrt für Großtanker nach Wilhelmshaven verbessert worden. Damit gehen Wilhelmshavener Hafenexperten und Politiker in der Öffentlichkeit hausieren. Die Bürgerinitiative Umweltschutz Wilhelmshaven (BUW) legt dagegen in folgender Stellungnahme dar, daß die Ursache von Ölkatastrophen an der mangelnden Betriebssicherheit von Supertankern liegt, und fordert Konsequenzen.

In seiner Neujahrsansprache hat Oberbürgermeister Eberhard Menzel die Öldesaster bei La Coruna und Shetland zum Anlaß genommen, den Seeweg für Großtanker nach Wilhelmshaven als den sichersten für die Rohölversorgung ostdeutscher Raffinerien zu loben. Leider hat er nicht mitgeteilt, woher er dieses Wissen hat. Der BUW ist jedenfalls keine Vergleichstudie bekannt, in der solches wissenschaftlich belegt wird.
Unabweisbar ist leider die Tatsache, dass auf allen Tankerzufahrten zu den Rohölimporthäfen Mitteleuropas – das sind Rotterdam, Wilhelmshaven, Brunsbüttel/ Hamburg, Rostock, Marseille, Genua und Triest – jederzeit eine erneute Tankerhavarie eintreten kann. Gerade die Strandung der ‚Braer‘ an den Klippen von Shetland zeigt exemplarisch, daß im Regelfall nicht verkehrsunsichere Schiffahrtswege (die Tankerdurchfahrt zwischen Fair Isle und Shetland ist 35 km breit) zu Ölkatastrophen führen, sondern betriebsunsichere Tanker.
Fahren solche Ölgefäße durch verkehrsreiche Gewässer wie die Deutsche Bucht oder durch eine schmale, gewundene Baggerrinne, wie das auf der Jade der Fall ist, dann kann schon die kleinste Betriebsstörung zur Katastrophe führen. Sicherheitsvergleiche z.B. zwischen den Tankerzufahrten nach Rostock und Wilhelmshaven täuschen darüber hinweg, daß Betriebsstörungen auf Tankern in beiden Zufahrten schnell zu Strandungen oder Kollisionen führen.
Wenn Wilhelmshavener Hafenfachleute und Politiker vom OB bis zum MdB Erich Maaß wirklich etwas für die Katastrophensicherheit tun wollen, dann sollten sie sich dafür einsetzen, daß Rohöltanker sich erst gar nicht durch enge und zudem verkehrsreiche Gewässer hindurchzuwinden brauchen.
Letzteres ist z.B. bei der Tankerzufahrt nach Wilhelmshaven der Fall: Bevor die Großtanker die Jade erreichen, gelangen sie an eine autobahnähnliche Verkehrskreuzung, bei deren Durchquerung sie zunächst einen von der Eibe westwärts gerichteten und ein paar Kilometer südlich einen ostwärts gerichteten Verkehrsstrom durchstoßen müssen.

Im Jahre 1979 hat ein Frachter im Kreuzungsbereich der Ostachse – nur 11 km nördlich von Wangerooge – den für Wilhelmshaven bestimmten Tanker ‚Hitra‘ gerammt. Zwei Öltanks wurden dabei aufgerissen und 1.600 t Gasöl flossen ins Meer. Südliche Winde haben damals das Öl von Küsten und Stränden ferngehalten, sodaß es auf hoher See verdunsten konnte.
Man hat also nicht grundlos in der achtziger Jahren eine Weitbereichsradarstation auf Helgoland in Betrieb genommen. Aber selbst die konnte den Zusammenstoß zweier Frachter im letzten Jahr – nach der einer sofort sank und fünf Menschen mit in den Tod riß – nicht verhindern. Die Kollision ereignete sich fast _ an der gleichen Stelle, wo zuvor schon die ‚Hitra‘ gerammt worden war.
Wer dieses Warnzeichen nicht wahrnimmt, der muß den Kopf im Jadeschlick stecken haben. Auf der Jade sind allerdings seit einigen Jahren keine ernsteren Tankerunfälle mehr passiert. Das hat zum einen daran gelegen, daß ihr Strombett mit einem Aufwand hunderter Millionen DM für 250.000 t Erdöl transportierende Supertanker hergerichtet wurde, diese aber dann fast völlig ausblieben. Dafür kamen kaum halb so große Tanker mit Nordseeöl bzw. noch kleinere mit russischem Öl, das sie über die Ostsee (und durch den Großen Belt) zur Jade transportierten. Diese Tanker hatten sehr viel weniger Tiefgang und konnten deshalb das Jadefahrwasser in seiner vollen Breite von 700 m ausfahren, ohne auf Grund zu laufen. Vollbeladene Supertanker stranden dagegen schon, wenn sie aus der nur 300 m breiten, ins Jadestrombett gebaggerten Fahrrinne ausscheren.
Dies ist, als diese Tankerriesen in größerer Anzahl nach Wilhelmshaven kamen, auch mehrfach passiert. So z.B. dem Tanker ‚Camden‘ , für den sieben Schlepper nichtausreichten, um ihn bei Hochwasser wieder freizuschleppen. Erst nach Heranziehung sechs zusätzlicher Schlepper aus benachbarten Häfen gelang es – unter vereintem Krafteinsatz von 27.600 PS – den Havaristen beim darauffolgenden Hochwasser wieder flott zu kriegen.

Feuerausbrüche, Umrammen eines NWO-Anlegers, Leinenbruch, Abtreiben von Liegeplätzen und Ölsauereien mußten damals der Öffentlichkeit immer wieder im Schongang beigebracht werden, bis mit dem Ausbleiben dieser störanfälligen Ungetüme Anfang der achtziger endlich Ruhe eintrat. Damit könnte es bald vorbei sein! Schon im letzten Jahr hat sich der Tankerverkehr auf der Jade vervielfacht und eine weitere Zunahme ( eine Obergrenze gibt es nicht) ist politisch gewollt.
Auch die großen Supertanker werden wohl bald wieder verstärkt die Jade ansteuern, denn in Schiffahrtskreisen rechnet man mit vermehrten Erdöltransporten vom Persischen Golf nach Ostasien, Nordamerika und Europa. Auf diesen langen Fahrtstrecken sollen wieder die ungeschlachten Tankerkolosse zum Einsatz kommen. Doch man gibt zu, daß die Supertankerflotte überaltert ist. Man gibt auch zu, daß in der Vergangenheit 90 % aller größeren Tankerunfälle auf den ‚Faktor Mensch‘ zurückzuführen waren und weist in diesem Zusammenhang auf die mangelhafte Ausbildung der Tankschiffbesatzungen hin. Eine schnelle Behebung dieser Missstände wäre nicht mal möglich, wenn man es ernsthaft wollte: Es gibt weder genügend Werftkapazitäten für eine schnelle Verjüngung der Welttankerflotte, noch werden derzeit genügend Fachkräfte für die Weltschiffahrt ausgebildet.

Daraus zieht die BUW den Schluß, dass zukünftig eine Vielzahl von sehr störanfälligen – weil mangelhaft gewarteten – Supertankern die Jade unsicher machen werden, wenn nicht bald was dagegen unternommen wird.
Da auf internationaler Ebene langfristig keine Besserung der Zustände zu erwarten ist, muß man eben vor Ort was tun: Schon vor mehr als fünfundzwanzig Jahren ist der Vorschlag gemacht worden, fernab der Küste und der Verkehrswege in der Deutschen Bucht eine Tankerlöscheinrichtung zu installieren und das Erdöl von dort aus über eine Pipeline an Land zu pumpen. Man hat damals abgewunken.
In den achtziger Jahren hat die BUW das Thema wieder aufgegriffen und darauf hingewiesen, daß Ölumschlageinrichtungen auf See inzwischen weltweit verbreitet sind und sogar auf Ölfeldern in der stürmischen nördlichen Nordsee zum Beladen der Tanker betrieben werden würden. Man hat das ignoriert.
Von einem Verzicht auf Erdölimporte oder der Problemverlagerung auf andere Ölimporthäfen mal abgesehen, bleibt der küstenferne Erdölumschlag nach dem Kenntnisstand der BUW weiterhin die am besten geeignete Maßnahme zur Vermeidung einer Ölkatastrophe in den hiesigen Küstengewässern.
Da dieser Vorschlag nur mittelfristig zu verwirklichen ist, schlägt die BUW als Sofortmaßnahme vor, ein Fahrverbot auf der Jade für alle Tankschiffe zu erlassen, die wegen ihres großen Tiefgangs auf die nur 300 m breite Baggerrinne im Jadefahrwasser angewiesen sind. Das würde praktisch bedeuten, daß nur teilbeladene Supertanker die Jade befahren dürften, die auf Grund ihres geringeren Tiefgangs eine mehr als doppelte Fahrwasserbreite zur Verfügung hätten.

Damit würde zwar keine nennenswerte Verbesserung der gegenwärtigen Situation eintreten, denn momentan kommen ja fast gar keine vollbeladenen Supertanker. Diesen wäre jedoch für die Zukunft ein Riegel vorgeschoben.

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