Glatze 1

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Jan 261993
 

Zu einfach

Kontroverse Diskussionen innerhalb der GEGENWIND-Redaktion löste das Stück „Glatze“ aus. Ausdruck davon ist die Tatsache, daß in dieser Ausgabe zwei Positionen darüber erscheinen.
Die Geschichte des Stückes ist schnell erzählt: Ein vietnamesischer Straßenhändler wird von einer Horde Skinheads erschlagen, die Bevölkerung sympathisiert mit den Mördern; am nächsten Tag wird ein junger Deutscher ermordet, und die Bevölkerung ist entsetzt; am dritten Tag wird ein Skinhead erschossen, der mit den Mördern nichts zu tun hatte.

Peter Dehler, der Autor, schreibt über das Stück: „Erst wollte ich ein Stück GEGEN Skinheads schreiben, dann wollte ich ein Stück FÜR Skinheads schreiben, dann wollte ich ein Stück ÜBER Skinheads schreiben – das Problem war immer: Ich weiß nicht, wer sie sind… “
So ähnlich ist es mir in den letzten drei Jahren anläßlich der verschiedenen Gewalttaten von Wilhelmshavener Skins gegangen. Wir haben in verschiedenen GEGENWIND-Artikeln die Skinheads als rechtsradikale Gewalttäter bezeichnet. Andererseits kenne ich Skinheads, die keine Rechtsradikalen -und keine Gewalttäter sind. Einige Jugendliche, mit denen ich z.T. beruflich zu tun hatte, traf ich im Mai 1992 am Tag der Kundgebung des Deutschen Kameradschaftbundes in der Marktstraße. Da ich wußte, daß sie sich im Dunstkreis eines mehrfach wegen schwerer Körperverletzung verurteilten rechtsradikalen Skinheads aufhielten, war ich sehr überrascht, sie auf der Seite der antifaschistischen GegendemonstrantInnen zu sehen.
Mir ist es zu einfach, in allen Kahlgeschorenen Jugendlichen mit Stiefeln und Bomberjacke sofort Faschisten zu sehen. Dafür weiß ich von zu vielen, daß sie keine sind. Die Frage der Sozialarbeiterin Juana an den angelnden Skinhead in „Glatze“: „Warum siehst du so aus wie die, wenn du  nicht dazugehörst?“ ist öfter auch schon meine Frage an Jugendliche, die so aussehen, gewesen.
Peter Dehler schreibt weiter über ‚“Glatze“: „Es wurde kein Stück FÜR – GEGEN – ÜBER die Skinheads. Es ist ein Stück über meine Fragen.“ Der angelnde Skinhead, etwas dumm und naiv, auf jeden Fall mitleiderregend, wurde vom selben Darsteller gespielt wie derjenige, der eingangs den Vietnamesen erschlagen hatte. Die Wirkung dieses Stilmittels beim Publikum ist dieselbe wie in der Realität: Die Verurteilung als Mörder.
Hätte ich mit Jugendlichen nicht beruflich zu tun, würde ich wahrscheinlich beim Anblick jedes kurzhaarigen Jungen in Stiefeln und Bomberjacke „Neonazi“ denken. Die entsprechend aussehenden Jugendlichen, mit denen ich arbeite, sind jedoch zum größten Teil Kids ohne festen Standpunkt, unfertig, auf der Suche, voll von Fragen, und sie haben einen Anspruch darauf, nicht aufgrund ihres Outfits in eine Schublade gepackt zu werden.

Anette Nowak

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