Umweltsplitter

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Nov 272002
 

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Ratssplitter gibt’s diesmal nicht (die Ratssitzung findet erst am 27. November statt). Einige Umweltausschuss-Splitter vom 6.11. sind aber auch ganz schöne Brocken.

♦ Abwesend war Ausschussvorsitzende Gerda Kümmel, so dass ihr Vertreter Karlheinz Föhlinger die Leitung der Sitzung übernahm (Abt. Bock als Gärtner). Dieser hatte auch die Diskussion um den Einsatz von Herbiziden ins Rollen gebracht. Frau Kümmel soll nicht so begeistert von der Idee sein. Ob das was mit ihrem Fehlen zu tun hatte?


♦ Vernichtend genauer gesagt: unkrautvernichtend – war das Ergebnis der Diskussion um den Einsatz von „wuchshemmenden Mitteln“, sprich Herbiziden, im Stadtgebiet. Eigentlich war es eher ein Dialog zwischen Umweltdezernent Jens Graul und FDP-Ratsherr Dr. Michael von Teichman, der sich vehement gegen den Einsatz der Gifte äußerte, die im Prinzip seit den 80er Jahren schon megaout sind, was öffentliche Grünanlagen betrifft. Die damalige Abkehr von der Giftspritze sei, so Graul, „mit der heutigen Wirklichkeit nicht in Übereinstimmung zu bringen“. Die gesetzliche Lage habe die Wilhelmshavener Regelung inzwischen „überholt“: Das Pflanzenschutzgesetz von 1998 würde den Einsatz chemischer Mittel im Einzugsbereich von Gewässern und Kanalisation zwar grundsätzlich ausschließen, auf Antrag (bei der Landwirtschaftskammer) seien Ausnahmen jedoch zulässig, wenn es z. B. um die Verkehrssicherheit ginge. Die WEB würde jetzt einen solchen Antrag vorbereiten. Im Übrigen würden auf Friedhöfen schon seit langem wieder Herbizide eingesetzt, diese „Testfläche“ hätte die Öffentlichkeit bisher auch noch nicht wahrgenommen.
Auslöser für das Ganze war die ewige Nörgelei in der „WZ“, deren Meinung bei Rat und Verwaltung höchste Priorität genießt. Graul will dieser jedoch nicht das Feld „Sauberkeit und Ordnung“ überlassen (er verwies auf die vom Blatt organisierte „Aktion Frühjahrsputz“), sondern sich neben der Unkrautvernichtung auch der Sauberkeit an Containerplätzen und anderen Standorten verstärkt widmen.
Von Teichman, als Arzt mit den Gefahren der Umweltgifte für die menschliche Gesundheit vertraut, wies auf die Belastung von Mensch und Natur hin, wolle man wieder zur chemischen Keule greifen. Darüber hinaus sei es ein falsches Signal an die Bevölkerung, es nun der öffentlichen Hand gleichzutun – ein gewaltiger Rückschritt für das Umweltbewusstsein. Auch Grauls Argumente, für die manuelle Beseitigung fehle es an Personal, räumte er aus – das sei einzig ein Problem der richtigen Planung.
Für Graul ist die bevorstehende Entscheidung für den Chemieeinsatz „kein umweltpolitisches Roll-Back, sondern eine nüchterne Erkenntnis“. Die Stadt dürfe jetzt ja auch wieder Tausalze auf den Fahrbahnen verwenden, und man solle das Thema „ohne ideologische Glaubenskämpfe“ behandeln. Stickoxide seien viel schlimmer für die Umwelt. Usw. Graul glänzte dermaßen mit – weniger überzeugt als einstudiert wirkenden Plattitüden, dass man ihn ebenso gut in die Grünanlagen setzen könnte – das Unkraut würde vor Langeweile verwelken.
Als einzige außer Graul und von Teichman leistete Ratsfrau von der Ohe (SPD) einen bemerkenswerten Beitrag: Sie sei ja auch gegen Gift, aber wenn sie in F’Groden von der Autobahn abfahre, können sie überhaupt nichts sehen. (Also Testfall: Kann die Stadt auch Gehölze mit Herbiziden klein kriegen und dadurch den Rückschnitt sparen?) Und überall sei die Sicherheit von Kindern und alten Leuten gefährdet – wenn auf Radwegen das Unkraut sprieße und es regne – das sei ja wie Glatteis! (Recht hat sie. Überall lauern Gefahren. Ob Herbizide auch gegen Autos wirken?) Deswegen würde sie den Einsatz von „umweltfreundlichem Gift“ bejahen.
Unterm Strich ließ sich erkennen, dass da ein hochkompetentes Fachgremium zusammenhockt. Sachdienliche Beiträge sind möglichst zu vermeiden. Als wohltuende Ausnahme bei diesem brisanten Thema kriegt von Teichman .


♦ Von großer Sachkenntnis zeugte der Vortrag von Hilke Gnadt, Leiterin der Unteren Naturschutzbehörde, zum Thema „Grünpflege im Kurpark“. Sie stellte ihr Pflegekonzept vor, mit dem der historische Charakter des Kurparks als Landschaftspark wieder hergestellt werden kann, ohne wertvolle Natur zu zerstören.

Einschub der Redaktion zur Geschichte: Solche Landschaftsparks, die durch Sichtachsen, sorgfältig abgestimmte Flächennutzungen und passende bauliche Elemente interessante räumliche Eindrücke vermitteln, waren gerade Thema einer Ausstellung im Küstenmuseum. Die Wanderausstellung zeigte Parke aus ganz Niedersachsen, hinzu kam ein lokaler Schwerpunkt, der u.a. Stadtpark und Kurpark vorstellte. Im Laufe der Geschichte sind diese zu Beginn des 20. Jahrhunderts gestalteten Anlagen meist zugewachsen – sei es durch mangelndes Bewusstsein für den besonderen Sinn der Gestaltung, sei es durch knappe kommunale Kassen. Heutzutage haben naturnah „verwilderte“ Parks (wie der Stadtpark, seit langem Landschaftsschutzgebiet) eine ganz andere, wichtige Funktion. Sie sind die letzten Refugien für wild lebende Pflanzen und Tiere, vor allem solche, die größere zusammenhängende Areale für ihr Überleben benötigen. Zur Zeit der Entstehung der Parks konnte man es sich erlauben, Grünflächen künstlich zu gestalten, da es noch ausreichend ungenutzte Flächen gab. Heute sind diese fast vollständig unter Straßen und Gebäuden verschwunden, so dass die verbliebenen Parks die letzten Zufluchtstätten für bedrohte Natur in der Stadt sind.

Diesem Umstand hat auch Frau Gnadt Rechnung getragen. Sie hat zunächst den Kurpark kartieren lassen, wobei in bestimmten Bereichen eine erstaunliche Anzahl von Arten wie Goldhahnenfuß oder Lerchensporn entdeckt wurden, die auf der Roten Liste bedrohter Arten zu finden sind. Diese Bereiche sollen innerhalb des Pflegekonzeptes möglichst unberührt bleiben. Nur an Standorten lichtliebender Arten sollen Bäume eben so weit ausgelichtet werden wie nötig, um die erhaltenswerte Krautschicht gezielt zu fördern. Die Rote-Liste-Arten fanden sich übrigens stets dort, wo bislang keinerlei gärtnerische Pflege stattgefunden hat. Gnadt: „Das werden wir auch so beibehalten!“ Der übrige größere, intensiv genutzte Teil im Westen des Parks und rund um den Teich kann und soll hingegen nach einem gestalterischen Konzept gepflegt werden. Das Mobiliar (Bänke, Laternen) soll sukzessive durch historisch passendes ersetzt werden.
Umweltdezernent Graul unternahm noch einen schwachen Versuch, im Bereich der vorgesehenen Naturschutzflächen einen Kahlschlag zu provozieren: Die historische Sichtachse zwischen Wasserturm und Hindenburgtor müsse doch wieder hergestellt werden. Doch Frau Gnadt ließ sich vom Vorgesetzten nicht vorführen: Es müsse reichen, die Sichtbeziehung zwischen Friesenbrunnen und Musikmuschel wieder herzurichten. „Einen Kahlschlag im Bereich des Wasserturms werden wir so nicht machen. Der Eingriff in die Natur wäre zu groß!“ Für Fachwissen und aufrechten Gang verdient Frau Gnadt .
Durch Freischneiden von Flächen an der Kortekreuzung und an der Musikmuschel hat das Grünflächenamt übrigens bereits erreicht, dass der Kurpark „trinkerfrei“ ist. Ordentliche Bürger stören sich ja an gewissen Randgruppen, und wahrscheinlich passt das auch ins historische Konzept.


888 Noch nicht bestellt ist der ehrenamtliche Naturschutzbeauftragte, wie ihn das Niedersächsische Naturschutzgesetz zur Unterstützung der Unteren Naturschutzbehörden für alle Landkreise und kreisfreien Städte vorsieht. Der/die Beauftragte ist an keine fachlichen Weisungen gebunden, hat jedoch das Recht auf sämtliche Auskünfte, die er/sie für diese Tätigkeit benötigt – kann also auch ganz schön unbequem werden. Das Verfahren zieht sich hier jedenfalls schon ziemlich lange hin. Laut Graul gibt es noch „zu viele Bedenken“ gegen den Kandidaten der Wahl, aber sobald sich eine Mehrheit abzeichne … Föhlinger wiederum wartet auf ein Votum aus den Fraktionen. Von Teichmann erlaubte sich die Frage, wann die Mehrheitsbeschaffungsmaßnahmen denn abgeschlossen seien?

Die Splitter wurden eingesammelt von Imke Zwoch

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