Methadonabgabe

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Nov 272002
 

Menschen zweiter Klasse?

Die augenblickliche Methadonabgabestelle ist selbst als „Übergangslösung“ untauglich

(noa) 20. November 2002, 7.45 Uhr: Zwei Gegenwind-Redakteure stehen frierend vor der ehemaligen Schlachthof-Kneipe und fragen sich, warum sie sich das antun. Die sechzehn Methadon-Patienten, die mit ihnen da stehen und warten, wissen, warum sie sich das antun – sie müssen hier täglich auflaufen, um ihr Methadon zu bekommen, das ihnen für einen Tag den Suchtdruck nimmt.

methadon 1Wahrscheinlich war es ganz gut, dass wir uns für unsere Recherche ausgerechnet den ersten richtig kalten Tag ausgesucht haben mit Scheibenkratzen vor der Abfahrt und wegen der milden Temperatur am Vortag mit viel zu dünnen Socken. Schließlich wollten wir erfahren, ob die Bedingungen für die Substituierten hier tatsächlich unzumutbar sind, wie WALLI-Ratsherr Tjaden im Rat der Stadt eine Kleine Anfrage begründete. Soviel vorweg: Ja, sie sind unzumutbar. An einem schönen Sommer- oder Herbstmorgen hätten wir das vielleicht gar nicht so richtig gemerkt.
So aber wurde es ganz deutlich: Die Pünktlichsten unter den Methadon-Patienten warten im Freien, bis die Ärztin kommt. Die kam an unserem „Versuchstag“ erst fünf vor acht statt Viertel vor. Einige der Substituierten hatten am Vortag nicht mitgekriegt, dass sie das angekündigt hatte – es sind im Augenblick weniger Leute als sonst mit Methadon zu versorgen, und da reicht es, wenn zehn Minuten weniger einkalkuliert werden. „Wenn wir nur eine Minute zu spät kommen, haben wir Pech gehabt, dann ist abgeschlossen, und wir kriegen nichts“, schimpften einige los. Klar, die Ärztin ist bis 8.15 Uhr da und fährt dann wieder weg, und wer bis zu diesem Zeitpunkt nicht angetreten ist, ist zu spät dran.
Relativ wenige Patienten sind es im Moment, weil einige ihren lange erwarteten Therapieplatz bekommen haben, wo sie versuchen wollen, nun auch vom Methadon wegzukommen. Einige bleiben auch weg, weil sie den Arzt gewechselt haben und in irgendeiner Praxis unter menschenwürdigeren Bedingungen ihr Medikament bekommen – vielleicht sogar „take home“, eine Wochenration, so dass sie nicht täglich kommen und es vor den Augen des Arztes schlucken müssen.
Die hier täglich antreten müssen, um Methadon zu bekommen, sind Patienten von Johann Janssen, der seit vielen Jahren einen großen Teil der Drogenkranken Wilhelmshavens medizinisch betreut, aus unterschiedlichen Gründen vor längerem aber aufgehört hat, sie zur Entgegennahme des Heroinersatzstoffes in seine Praxis kommen zu lassen. Seine kleine Praxis war mit den vielen Substituierten überlastet; für die Patienten, die in der Stadtmitte wohnen, ist es sehr aufwändig, täglich nach FGroden zu fahren; außerdem meint Janssen, dass die Stadt hier eine Verantwortung hat, die sie nicht wahrnimmt, die er ihr aber zurückzugeben versucht.
methadon 2Das Pförtnerhäuschen in der Weserstraße, das etwa ein Jahr lang als Methadonabgabestelle genutzt wurde, ist abgerissen worden, und seit April steht die ehemalige Schlachthof-Kneipe dafür zur Verfügung. Hier können die Patienten nach dem Eintreffen der Ärztin im ehemaligen Schankraum statt draußen Schlange stehen (stehen!, denn Mobiliar ist keines vorhanden) und auch ihre Hunde mit reinnehmen, was im Pförtnerhäuschen nicht möglich war. Ansonsten aber ist diese augenblickliche „Lösung“ schlechter als die vorige: Wurde dort regelmäßig saubergemacht, so starren hier die Fenster vor Dreck, und die Klos wurden verschlossen und sind nicht mehr zugänglich, nachdem sie einige Monate lang mehr und mehr verdreckt waren. Das Schlimmste aber ist die Kälte: Die Räumlichkeiten sind nicht beheizbar; als der Sommer sich verabschiedete, stellte das Gesundheitsamt einen kleinen Heizlüfter in die ehemalige Küche, wo die Drogenkranken einzeln eintreten und ihr Methadon einnehmen. So schimpfen sie: „Die Ärztin hat einen warmen Hintern, aber wir müssen uns einen abfrieren.“ – Nun, wir haben uns einige Minuten in dem Raum aufgehalten und mussten feststellen, dass es mit dem warmen Hintern der Ärztin nichts ist. Wenn dreiundzwanzigeinhalb Stunden keine Heizung lief, dann hilft der total unterdimensionierte Heizlüfter bestenfalls dazu, dass einem warm ums Herz wird; der Temperaturunterschied zwischen Schankraum und Küche betrug höchstens ein Grad.
methadon 3Doch die grimmige Kälte am 20.11., kombiniert mit der vermeintlichen Verspätung der Ärztin, sorgte dafür, dass einige sich ihren Zorn von der Seele redeten. Dass sie dabei teilweise die Falschen für ihre schlechte Behandlung verantwortlich machten, ist verzeihlich: Wann hat man schon mal Gelegenheit, sich so richtig auszusprechen? „Dass sich die Presse mal für uns interessiert! Aber das wird auch nichts nützen – wir sind für die da oben eben Menschen zweiter Klasse!“ – „Ich verliere meinen Job dadurch, dass ich wieder täglich kommen muss. Das ist Schikane!“ (Nein, aus Schikane fällt niemand von dem Privileg des „take home“ auf die tägliche Abgabe zurück, aber wenn man so wütend ist…)
Von denen, die wir hier getroffen haben, machen einige das schon seit über zehn Jahren mit. Sie haben alle „Übergangslösungen“ miterlebt und sind so frustriert, dass ihnen auf unsere Frage, wie sie sich ihre Behandlung und Versorgung denn wünschen, nur noch „zweitklassige“ Wünsche einfielen. Da ist schon eine Schere im Kopf, und mit einer wirklichen Verbesserung mag niemand mehr rechnen.
Anders die WALLI, die das Thema in die Ratssitzung vom 16. Oktober eingebracht hat. Sie hat sich außerdem an das Niedersächsische Ministerium für Frauen, Arbeit und Soziales gewandt und um Unterstützung für einen Antrag im Rat der Stadt Wilhelmshaven gebeten. Dieser Antrag, eigentlich vorgesehen für die Novembersitzung, wird nun zuerst im Ausschuss Soziales beraten und erst im Dezember im Stadtrat vorliegen. Wieder eine Verzögerung – aber das kennen die Betroffenen ja schon lange. „Schnellstmöglich“ (wie im Antrag gefordert) wird es also mal wieder nichts, aber vielleicht lässt sich eine Ratsmehrheit ja darauf ein, eine vernünftige Methadonabgabestelle auf Dauer einzurichten.

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