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Apr 271994
 

Wilhelmshaven verliert sein Gesicht

Die Zerstörung des historischen Wilhelmshavens muß aufhören

(hk) Immer dann, wenn es um die Entwicklung unserer Stadt geht, wird beklagt, dass Wilhelmshaven nicht über einen gewachsenen Ortskern verfügt, daß die Stadt kaum sehenswerte Gebäude hat usw. Diesen Klagen folgt dann meist ein Plan, wie die Stadt attraktiver gemacht werden kann.

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Foto: Klöpper

Daß diese Planungen auch oftmals den Abriß eines historischen Gebäudes, eines Platzes oder einer anderen Wilhelmshavener „Spezialität“ zur Folge hat, ist den Beobachtern der Wilhelmshavener Kommunalpolitik sicherlich nicht unbekannt. Aktuell stehen zwei Projekte vor ihrer Verwirklichung:

  1. Eines der ältesten Gebäude der Stadt, der architektonisch und historisch bedeutsame Bahnhof, soll Mitte des Jahres der Abrißbirne zum Opfer fallen. An seine Stelle soll ein monströses Gebäude entstehen – eine Neuauflage der städtebaulichen Peinlichkeiten wie Stadthalle, City-Parkhaus.
  2. Im Bereich Weser-/ Ahr-/Huntestraße hat Wilhelmshaven besonderes vor: Zwischen den Lotsen- und Feuerwehrhäusern soll ein Neubau entstehen, durch den die Zusammengehörigkeit der Gebäude inkl. der sich dazwischen befindlichen Garten- und Ackerfläche aufgelöst wird. Ein weiteres Stück Wilhelmshaven verliert sein Gesicht. Doch damit nicht genug: Auf der anderen Seite der Ahrstraße soll ein mehrstöckiges Wohnhaus entstehen und den Blick auf die jetzt noch bestehende Einheit zwischen Hafen und Kaiser-Wilhelm-Brücke zerstören

Dieses gefühllose Umgehen mit dem wenigen, was die Stadt zu bieten hat, hat eine lange Geschichte.

…den Nerv getroffen

Mit brachialer Gewalt ließen unsere Verwaltungs- und Ratsleute vieles niederreißen, was mit der Geschichte unserer Stadt zu tun hatte. Ob es die Kasernenanlagen (Jachmann und Gökerstraße) oder Brücken (Rüstringer Brücke / 1. Einfahrt), das älteste Haus der Stadt (Elsässer Hot), traditionsreiche Gebäude wie die Bockwindmühle und der Schützenhof in Schaar, im Stadtgebiet gelegene Bauernhäuser, die Seekartenstelle, der Wasserturm im ehemaligen Stadtteil Sedan, das älteste Haus in Heppens, der Abriß der Rüstringer Brücke, der Abriß der alten Waage und des Packhauses in Rüstersiel, der Abriß von Inhausersiel….
Der Wilhelmshavener Schriftsteller Hartmut Hertrampf beklagt in seinem neuen Buch „Wilhelmshaven … den Nerv getroffen“ *), angereichert mit kleinen Anekdötchen, die Zerstörung des alten Wilhelmshavens. Wir zitieren daraus einige Passagen:

„Dabei wurde das Gebiet südlich des Wilhelmplatzes, einst Keimzelle der preußischen Gründung, praktisch abgeschrieben. Die historischen Reste der alten Hauptpost und des einstigen Wilhelmshavener Rathauses fielen der Spitzhacke zum Opfer. (…) Doch leider fanden die heimatgeschichtlich Denkenden keine Berücksichtigung. Radikal wurde abgeräumt.
Selbst die hutzelig kleine, so erinnerungsträchtige, spitzgiebelige Gerichtsschänke, verängstigt eingeklemmt zwischen zwei stattlichen wilhelminischen Fassaden, direkt neben dem alten Rüstringer Amtsgericht, mußte verschwinden. (—) Fast wie eine Missetat beurteilten Wilhelmshavener den Abriß des „Elsässer Hofes“, der wahrhaftig nicht nur für die Marktstraße ein schützenwertes Baudenkmal war, sondern ein Verlust für die ganze Region. (…) Unter dem Drang nach öffentlichen Gebäuden um den Rathausplatz herum, mußte das Rüstringer Realgymnasium, das mit zur Högerschen Gesamtvorstellung gehörte, einer Hauptpost weichen. Kaum faßbar, denn von dem mächtigen Schulbau war nur das Treppenhaus zerstört. (…) Alle diese schmerzlichen Vorgänge wurden noch übertroffen von einem Beschluß, die „Tausendmannkaserne, spätere Jachmannkaserne“, (…) dem technischen Hilfswerk für Übungssprengungen freizugeben; unfaßbar. Denn in dieser Kaserne wurde deutsche Geschichte geschrieben.“
Weitere Gebäude vom Abriß bedroht

Der beschlossene Abriß des Bahnhofs stellt den nächsten Knackpunkt für unser Umgehen mit der Geschichte unserer Stadt dar – doch damit nicht genug: Schon jetzt existieren Pläne, die Deichbrücke durch eine Klappbrücke zu ersetzen, die gesamte Bebauung am Großen Hafen (Lagerhäuser, Jahnhalle usw.) ist akut gefährdet.
Gegen diese fortschreitende Zerstörung des historischen Wilhelmshavens will sich in Kürze eine Initiative Wilhelmshavener BürgerInnen gründen. Peter Hopp, einer der Initiatoren dieser Initiative zum GEGENWIND: „Der drohende Abriß des Bahnhofs brachte für mich das Faß zum überlaufen. Es wird höchste Zeit, daß wir Wilhelmshavener und Wilhelmshavenerinnen aktiv werden, bevor weitere historische Bauwerke für immer aus dem Stadtbild verschwinden.“ Der GEGENWIND wird über die Aktivitätendieser Initiativgruppe ausführlich berichten.


 

*) Helmut Hertrampf: „Wilhelmshaven … den Nerv getroffen“ Erschienen 1994 im Verlag Lohse-Eissing, Wilhelmshaven, 280 Seiten, 22,80 DM .

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