Phänomen Konsum

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Apr 271994
 

Unser täglich Soma

(Selbst)Kritisch-Kreative Auseinandersetzung des Jugendtheaterclubs mit dem Phänomen Konsum

(iz) Diese Zeitung, die Sie gerade in der Hand halten, haben Sie sich mit großer Wahrscheinlichkeit im Rahmen einer Konsumhandlung angeeignet: in einer Gaststätte, im Kiosk oder in anderen Geschäften. Wir machen uns das als Redaktion zunutze, indem wir unsere Zeitung an ebensolchen Orten für Sie bereitlegen. GEGENWIND-Leserlnnen entsprechen als solche wohl nicht dem typischen „Homo consumens“ – das gleichnamige Stück des hiesigen Jugendtheaterclubs wird Sie trotzdem oder gerade deshalb interessieren.

Frank Fuhrmann hat als Theaterpädagoge spätestens mit diesem Stück unter Beweis gestellt, wozu wir TheaterpädagogInnen brauchen. „Homo consumens“ ist das vierte Stück des Jugendtheaterclubs, welches sich im Unterschied zu den vorangegangenen Produktionen nicht an einer literarischen Vorlage entlanghangelt, sondern allein Köpfen und Gefühlen der Mitwirkenden entspringt.
Der Einfluß bekannter künstlerischer Vorlagen ist dabei nicht verwerflich, sondern von Fuhrmann intendiert: die Jugendlichen sollen Vorhandenes nicht reproduzieren, sondern als Inspiration begreifen und mit der eigenen Gedankenwelt und Kreativität zu etwas Neuem verarbeiten. Dabei dominiert im ersten Akt oder besser Vorspann des Stückes der Einfluß von Huxleys‘ „Schöner neuer Welt“, in der Menschen künstlich produziert und so manipuliert werden – unter anderem mit der Glücksdroge „Soma“ -, daß sie im Interesse einer produktions- und konsumorientierten Gesellschaft, in der Sicherheit der ihnen zugedachten „Kaste“, funktionieren.

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Im zweiten Akt läßt sich eine Gruppe junger Wissenschaftler auf ein Selbstexperiment ein, um die Scheußlichkeiten der alten, auf Individualität ausgerichteten Gesellschaft zu erleben – vom Embryo bis zum Erwachsenenalter. Dabei wird deutlich, wie jeder (Auf)Schrei der Unzufriedenheit sofort durch Konsumartikel befriedigt – besser, unterdrückt wird. Die Fiktion verschmilzt mit unserer heutigen Wirklichkeit, die Huxley schon in den 30er Jahren vorausgeahnt hat. Unser täglich „Soma“ ist das Fernsehen, sind Genußmittel, ist die Anhäufung von Besitz, auf die wir von Geburt an geprägt werden.
Am Ende der Schulzeit, der Pubertät, bestimmen die Jugendlichen über ihren weiteren individuellen Lebensweg: Tierärztin will ich werden, Schauspieler, Fotografin – hochfliegende Träume. Im Übergang zum dritten Akt schlüpfen die Akteure in diese Rollen – oder aber in jene, die ihnen Schicksal oder Gesellschaft zugedacht haben. Diese Metamorphose findet auf der halbdunklen Bühne statt, und mit einem pfiffigen Trick werden die ZuschauerInnen von ihrem Voyeurismus, beim Ausziehen, Schminken und Ankleiden zuzusehen, abgelenkt und gleichzeitig entlarvt: unser auf viereckige Sichtweisen geprägter Blick konzentriert sich auf simultan abgespielte Videoclips.
Die Bühne wird hell, die Verpuppung ist abgeschlossen und die Individuen sind geschlüpft – aber es sind größtenteils andere als die Schmetterlinge, die zu sein sich die Larven erträumt haben. Das Schicksal hat zugeschlagen und statt schönen, reichen, angesehenen oder berühmten Menschen auch die Fixerin, die Pennerin, den Rollstuhlfahrer und psychisch Gestörte produziert. In der grauen konsumierenden Masse des Alltags beäugen sie sich gegenseitig, neidisch oder abschätzig, aber immer darauf bedacht, den sicheren Käfig ihrer Kaste nicht aufzugeben. So himmelt der Rollstuhlfahrer die schöne junge Frau an, die ihm nach außen heile Welt vermittelt – doch ihr Innenleben ist kaputt, sie leidet unter schwersten Eßstörungen, frisst alles in sich hinein und kotzt dann die Konsumwelt wieder heraus, bis ihre Speiseröhre geschwollen und blutig ist.
In all ihrer Verschiedenheit und Verschlossenheit können sie sich immerhin kurzfristig wirklich begegnen oder sogar solidarisch sein. Wie in Schnitzlers „Reigen“ treibt das Leben diese Charaktere aufeinander zu. Ein unsichtbarer Spielball, der die Träume von Wärme, Nähe und Menschlichkeit symbolisiert, wird quasi von einem zum nächsten geworfen, ohne daß eine/r ihn wirklich festhalten mag. Dieser Hauptakt ist das absolute Highlight des Stückes. Die schauspielerischen Leistungen sind beeindruckend und heben sich vom Hobby-SchülerInnenthater deutlich ab. Dies wurde nicht durch ein hartes, diszipliniertes Training erreicht, sondern durch die ganzheitliche Herangehensweise: die DarstellerInnen sind gleichzeitig AutorInnen, RegisseurInnen, Bühnen- und MaskenbildnerInnen.
Fuhrmanns theaterpädagogisches Konzept: nur sanft zu leiten, statt rigide zu lenken, das eigene Profilierungsinteresse als Autor und Regisseur in den Hintergrund zu stellen – zahlt sich in einer bemerkenswerten inhaltlichen wie künstlerischen Gesamtleistung der Truppe aus. Die AkteurInnen haben sich die Rollen, die Charaktere, selbst ausgesucht, die Monologe, die Maske selbst entwickelt – und sie haben sich wohl einfach dermaßen mit den Rollen identifiziert, das sie das sind, was sie da spielen – und deshalb so überzeugend spielen.
Frank Fuhrmann ist einer der wenigen Theaterleute der Ära Immelmann, die nicht gegen neue Leute ausgetauscht worden sind. Es wäre zu begrüßen, wenn seine Stelle nicht dem ständig in der Kulturszene wütenden Rotstift zum Opfer fiele.
Erfolgsentscheidend ist auch die musikalische Untermalung durch die Band“ Schwarze Zeiten“, deren Sound isoliert in Konzerten sicher nicht jedermanns/fraus Sache ist, im Kontext des Stückes durch Laut-Malereien die Abgründe menschlichen Daseins atmosphärisch gekonnt verdichtet. Dabei greifen „Schwarze Zeiten“ neben „richtigen Instrumenten“ auf „Wohlstandmüll“ zurück, um Töne zu erzeugen: alte Tonnen, Bettgestelle oder ausrangierte Gitterregale aus Supermärkten.
Haben die MitspielerInnen die Ergebnisse dieser Auseinandersetzung denn nun auch verinnerlicht? Das Bewußtsein hat sich sicher erweitert, aber „wir stellen fest, daß wir unser eigenes Konsumverhalten bislang nicht geändert haben.“ Wie denn auch, jahrelange Prägung läßt sich nicht in wenigen Wochen wegverarbeiten.
Wie bringt man so ein Stück zu Ende? Überraschend fallen sich all die kaputten Individuen plötzlich um den Hals und haben sich lieb. Ist das nicht zu kitschig? haben die jungen DarstellerInnen ihren Theaterpädagogen gefragt. Ist es nicht schlimm, wenn heutzutage die Darstellung von Menschlichkeit und Zärtlichkeit als kitschig gilt? fragte Fuhrmann zurück.

Wer sondern bereit ist, ein manchmal quälendes und anstrengendes Stück wirklich an sich ranzulassen, sollte die Chance wahrnehmen: Mi. 4.5./ Fr. 6.5./ Sa. 7.5. / So. 8.5., jeweils 20 Uhr im Jungen Theater, Rheinstr. 91.

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