Selbsthilfe

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Okt 211998
 

„1000 Wege in die Sucht…“

Die Arbeit der Drogenselbsthilfegruppe JES

(noa/ub) Die Situation für Abhängige von illegalen Suchtmitteln wird sich zum Jahresende durch die Änderung des Betäubungsmittelgesetzes dramatisch verschlechtern. Mindestens 50 derzeit noch substituierte Drogenabhängige in Wilhelmshaven wird dann der Ersatzstoff Kodein entzogen. Die Selbsthilfegruppe JES will helfen, die Lebenssituation der Abhängigen zu verbessern.

JES – das steht für Junkies, Ex–User und Substituierte. Bundesweit gibt es die Drogenselbsthilfeorganisation in 44 Städten. JES Wilhelmshaven wurde 1990 mit maßgeblicher Hilfe des mittlerweile verstorbenen Künstlers Olaf Marxfeld gegründet. Angeschlossen an die Aidshilfe arbeiten hier zu- meist ehemals selbst Abhängige ausschließlich ehrenamtlich. Sie wollen denen, die von den illegalen Drogen wegkommen wollen, Wege aus der Sucht aufzeigen. Aber sie bieten auch Hilfestellung für die, die (noch) nicht an ein Leben ohne Drogen denken. Denn, so Gaby de Winter, Geschäftsführerin der Wilhelmshavener Aidshilfe, gegenüber dem Gegenwind: „Drogengebraucher besitzen ebenso wie alle anderen Menschen ein Recht auf Menschenwürde, sie brauchen es nicht erst durch abstinentes und angepasstes Verhalten zu erwerben“.

JES unterscheidet nicht zwischen Betroffenen, die gegen ihre Abhängigkeit kämpfen, und denen, die mit ihrer Sucht leben. Nicht die Abstinenz ist das Endziel von JES, sondern die soziale Integration von Suchtmittelabhängigen. Gaby de Winter und ihre MitstreiterInnen wollen zunächst die oftmals unerträglichen und unmenschlichen Umstände beseitigen, unter denen Drogenabhängige leben müssen. Sie sollen sozial und psychisch stabilisiert und ihre Lebensverhältnisse verbessert werden.

Auch ehemals Drogenabhängige haben, trotz bekanntlich hohen Wohnungsleerstands in Wilhelmshaven wenig Chancen, eine Wohnung anzumieten. Nur durch Überspielen ihres noch elenden Äußeren („gerade überstandene Krebserkrankung“ oder Ähnliches) bekommen sie ein Dach über dem Kopf. JES will den Kontakt zur so genannten „Normalbevölkerung“ auf- und so Vorurteile abbauen. Ein Schritt in diese Richtung war die Veranstaltung „Jetzt reden wir!“ am 21.7.98 in der „Perspektive“ (siehe Bericht im Gegenwind 148). Allerdings, so muss auch de Winter eingestehen, fanden überwiegend nur szenebekannte Leute den Weg zu dieser Veranstaltung. Erfreulich, dass die Presse intensiv darüber berichtete.

Drogennutzer sollen vor HIV-Infizierung und anderen Krankheiten geschützt werden. Laut Gaby de Winter haben sich 80% aller HIV-Erkrankten in Wilhelmshaven durch unsaubere Spritzen infiziert. Eine ungewöhnlich hohe Zahl: Im bundesweiten Durch- schnitt liegt der Anteil der durch „needle-sharing“ (gemeinsames Benutzen des Spritzenbestecks) Infizierten knapp über 60%.

JES verteilt an Drogennutzer eine Informationsbroschüre mit Tipps zum sicheren und sauberen Spritzen sowie kostenlose Spritzenpakete mit Kanülen und Spritzen, Ascorbin zum Auflösen des Heroins, Alkoholtupfern, Watte und Venencreme. Die Bezirksregierung Weser-Ems hat dafür in diesem Jahr 4.300 DM Projektfördermittel zur Verfügung gestellt.

Gaby de Winter: “ Bei den Drogenabhängigen in Wilhelmshaven wird immer noch überwiegend mit Insulinspritzen gefixt. Wir weisen darauf hin, dass diese Spritzen die Adern kaputtmachen. Und in vielen Apotheken kann man Spritzen nur in großen Vorratspaketen erwerben. Die Apotheker weigern sich, Spritzen einzeln abzugeben. Drogenabhängige Kunden sollen so vergrault werden“.

Die JES-MitarbeiterInnen gehen zu den Drogenabhängigen an bekannten Szenetreffs. Ein schwieriges Unterfangen, denn, so de Winter: „Die Polizei überwacht mit Kameras den Szenetreff an der Börsenstraße, und die Drogenabhängigen haben Angst, bei der Entgegennahme von sauberem Spritzbesteck gefilmt und gleich anschließend nach Drogen gefilzt zu werden.“

JES Wilhelmshaven hat sich seit seiner Gründung besonders für Substitutionstherapien mit verschiedenen Ersatzstoffen wie Kodein, L-Polamidon oder Methadon eingesetzt. Mit Hilfe mehrerer Ärzte und Apotheker wurden lt. Aussage von JES phasenweise ca. 150 Personen mit dem bislang nicht unter das Betäubungsmittelgesetz fallenden Kodein behandelt. JES hebt hervor, dass die legale Verabreichung von Kodeinsaft an Drogenabhängige deren Lebenssituation entscheidend verbessern konnte. So sollen ca. ein Drittel der mit Kodein behandelten Abhängigen den Absprung von den Drogen geschafft haben. Viele von ihnen konnten wieder normale soziale Bindungen eingehen und einer beruflichen Tätigkeit nachgehen.

Am 1. Januar 1999 tritt das geänderte Betäubungsmittelgesetz in Kraft. Dann ist endgültig Schluss mit der legalen Kodeinsubstitution (s. Gegenwind 146 und 148). Nur ein hiesiger Arzt ist bereit, die (einfach zu erlangende) Voraussetzung für die dann noch zugelassene Substitution mit Methadon zu erlangen. Zudem kommen zukünftig nur noch HIV- bzw. Hepathitisinfizierte Abhängige ins Substitutionsprogramm. JES hingegen setzt sich für ein breit gefächertes Hilfs- und Therapieangebot ein. Gaby de Winter: „Wir sagen, es gibt 1000 Wege in die Sucht, also muss es auch 1000 Wege aus der Sucht heraus geben“. q

Kontaktadresse: JES c/o Aidshilfe, Bremer Straße 139 – Tel.: 04421 21149; Fax.: 04421 27939

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