Irrenoffensive

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Okt 211998
 

„Irrenoffensive“

Ab November gibt es auch in Wilhelmshaven Psychose-Seminare

(noa) Etwa 60 Gäste folgten am 23. September einer Einladung der „Freien Sozialen Dienste Friesland e.V.“ zu einer spannenden Vortragsveranstaltung in der „Perspektive“. Regina Bellion schilderte, wie sie ihre Psychose ohne Medikamente, ohne Klinik, ohne Fachärzte, stattdessen mit Freunden und Freundinnen durchlebt und übersteht.

Bellions Vortrag bildete den Auftakt für eine Reihe von „Trialog“-Veranstaltungen, wie sie in Varel, dem Sitz des gastgebenden Vereins, schon seit Jahren regelmäßig durchgeführt werden. Der Begriff ist angelehnt an „Dialog“ und deutet an, dass es sich um ein Gespräch zwischen drei gesellschaftlichen Gruppen handelt: Psychisch Kranke, Angehörige und Fachleute „tauschen sich über ihre Erfahrungen mit Psychosen aus, versuchen diese Erkrankungen besser zu verstehen und die unterschiedlichen Bedürfnisse der Beteiligten zu integrieren.“ (Andreas Knuf, „Irrenoffensive“: Psychosen bändigen ohne Psychiatrie? in: PSYCHOLOGIE HEUTE 6/98) Unter dem Namen „Psychose-Seminare“ gibt es solche Treffen bundesweit, seit psychosekranke Menschen sich emanzipiert haben und „ihren Wahnsinn selbst beeinflussen“ (Knuf).

Psychosen gelten in der Schulmedizin als schwere Krankheiten, die dringend einer psychiatrischen Behandlung bedürfen (siehe auch Kasten). Regina Bellion beschrieb ihre Psychose in der „Perspektive“ so: „Die Realität entgleitet mir, meine Identität entgleitet mir, ich sehe, höre und rieche Sachen, die andere nicht wahrnehmen.“ Etwa jeder 100. Mensch erlebt irgendwann einmal psychotische Episoden. Man kann also davon ausgehen, dass in Wilhelmshaven 800 bis 900 Menschen immer wieder solche Erlebnisse haben.

„Ich habe jahrelang sehr viel Kraft darauf verwendet, meinen Zustand zu verheimlichen und normal zu wirken“, berichtete Regina Bellion. Irgendwann einmal ging das nicht mehr, und es folgte die Zwangseinweisung ins Psychiatrische Landeskrankenhaus. Diesen Weg gehen zahlreiche psychotische Menschen, und für die meisten folgt Dauermedikation mit z.T. bis zu fünf verschiedenen Arzneien, die zahlreiche unangenehme Nebenwirkungen haben, z.B. müde machen, den Blutdruck senken, den Appetit nehmen oder aber stark steigern. In den meisten Fällen ist dauernde Arbeitsunfähigkeit und Frühverrentung die Folge.

„Wir werden nicht vergast, wie es in einer früheren Epoche der Geschichte der Fall war, und man lässt uns auch nicht verhungern. Man lässt uns am Leben, aber als Trittbrettfahrer der Gesellschaft sind wir nicht allzu beliebt“, sagt Bellion. Und ihrer Meinung nach ist die klassische Psychotiker-Karriere wenig menschenwürdig. Sie gestaltet ihr Leben selbständig.

Wie sie ihre Psychose bändigt, klingt verblüffend einfach: Tägliche Vorsorgemaßnahmen bestehen darin, dass sie nachts schläft und tagsüber wach ist, dass sie regelmäßig isst, dass sie einer Beschäftigung nachgeht, die sie für sinnvoll hält – in einer Zeit mit zweistelliger Arbeitslosenquote bedeutet das für Psychosekranke meist nicht Erwerbstätigkeit, doch Untätigkeit, so Bellion, macht den nächsten psychotischen Schub wahrscheinlicher. Sie nimmt sich viel Zeit für sich selbst – „wenn ich mir diese Zeit nicht nehme, gerate ich leichter aus dem Gleichgewicht“ – und verbringt Zeit mit anderen Menschen. Der Kontakt mit anderen ist notwendig als Korrektiv; sie überprüft im Gespräch ihre eigenen Wahrnehmungen. Das ist immer notwendig, denn: „Die psychotischen Filme sind häufig viel intensiver, scheinen viel realer als die Realität.“

Weitere Hilfe bei der Kontrolle des Wahnsinns ist eine gleichmäßige Atmung, sind Tätigkeiten, bei denen sie ihren Körper spürt. Mit den Worten „die Identitätsentwicklung nachholen“ deutet Bellion an, dass sie im Gegensatz zur Schulmedizin, die die Ursachen der Psychose in Störungen des Gehirnstoffwechsels sieht, von einer lebensgeschichtlichen Verursachung der Krankheit ausgeht. Und sie hält es für wichtig, eine möglichst breite Wirklichkeit zu haben, sich also mit vielen Dingen und Menschen auseinander zu setzen, jegliche Einengung zu vermeiden.

Psychotische Schübe können trotz aller Vorbeugungsmaßnahmen eintreten. Sie müssen aber nicht unerwartet und plötzlich über einen hereinbrechen. Die „Selbstchecker“ im Bundesverband der Psychiatrie-Erfahrenen setzen sich mit ihren Erlebnissen und Erfahrungen im Vorfeld von Psychosen auseinander und sind vorgewarnt. Angehörige dieser Selbsthilfegruppe legen „Checklisten“ ihrer Frühwarnzeichen an, die ihnen u.a. durch Gespräche mit anderen Kranken bewusst werden. Bei dem einen kann das eine bestimmte Art Traum sein, bei der anderen sind es vielleicht Zwangsgedanken, die sich immer häufiger einstellen und schließlich in der Psychose gipfeln. Statt nun dem Wahnsinn ausgeliefert zu sein und in die Klinik eingeliefert zu werden, rufen sie dann ihre FreundInnen zur Hilfe. Wenn z.B. Regina Bellion ihre Freunde alarmiert, dass es „bald rund geht“, dann kann sie sich darauf verlassen, dass rund um die Uhr jemand bei ihr ist, dafür sorgt, dass sie wenigstens Flüssigkeit zu sich nimmt, sie davon abhält, den Nachbarn zu erwürgen oder die Wohnungseinrichtung zu zertrümmern, sich selbst das Leben zu nehmen oder jemand anderen schwer zu verletzen. Ihre längste Psychose dauerte zehn Tage – und sie besteht darauf, dass jede psychotische Episode durchlebt werden will und dann auch restlos abklingt, während ihrer Meinung nach eine mit Neuroleptika gedämpfte Psychose nicht zu Ende gehen kann.

Nach einer psychotischen Episode ist es laut Bellion wichtig, „den Sinn der psychotischen Erlebnisse wie den der Träume zu ergründen und unter Umständen das Leben neu zu ordnen“.

Die Psychose-Kranken, Angehörigen und Fachleute, die Frau Bellion in der Perspektive erlebt haben, konnten sich davon über- zeugen, dass dieses Konzept – bei ihr jedenfalls – funktioniert. Sie erlebten eine wache, durch und durch normale und sehr kompetente Frau.

Trialog jeden 2. Donnerstag im Monat, beginnend mit dem 12. November 1998, in der Ev. Familienbildungsstätte  („Elternschule“) in der Kantstraße 9

„Psychose, ein Begriff, der die schwersten Formen geistiger Erkrankungen (etwa Schizophrenie) abdeckt. Psychotische Patienten haben in der Regel Halluzinationen und verfügen über keine Einsicht. Es ist für sie schwieriger als für Neurotiker, den Anschein zu erwecken, daß sie normal funktionieren…“ (David Cohen, Lexikon der Psychologie, Weyarn 1997)

Etwas ausführlicher ist der Große Brockhaus: „Sammelbegriff für Erkrankungen, bei denen wichtige psych. Funktionen erheblich gestört sind. P. gehören zu den häufigsten psychiatr. Erkrankungen und sind von Neurosen, Persönlichkeitsstörungen und Oligophrenie zu unterscheiden.

Das psychot. Erleben und Verhalten ist v.a. durch grundlegende Veränderungen im Bezug zur Umwelt gekennzeichnet. Hierzu gehören Ichstörungen, bei denen z.B. eigene Gedanken als von fremden Personen stammend erlebt werden, Wahnstimmungen, aufgrund deren die Umwelt bedrohlich erscheint, Fehlurteile über die äußere Realität (Wahn) und Wahrnehmungsveränderungen (Halluzinationen). Neben unmotiviert erscheinenden Verhaltensänderungen oder skurrilen Verhaltensweisen können schwere Störungen der Affektivität (Depression, Manie), der Auffassung und des Gedächtnisses, Angstzustände und quälende Unruhe bestehen. Oft fehlt die Einsicht in die Krankhaftigkeit des eigenen Zustandes.

(…) Die Behandlung d. organ. P. richtet sich auf die Ursachen; bei den endogenen P. hat sich eine Kombination von Pharmako- und Psychotherapie, verbunden mit sozialen und berufl. Rehabilitationsmaßnahmen, als am wirksamsten erwiesen. Die Heilungsaussichten sind bei affektiven (manisch-depressiven) P. besser als bei Schizophrenie; die Selbstmordrate ist in beiden Fällen jedoch wesentlich höher als im Bevölkerungsdurchschnitt.“

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