Urfaust

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Aug 221995
 

Geballter Faust

Der „Urfaust“ als Open-Air-Spektakel am Rosenhügel: Gelungenes Experiment

(iz/noa/ts) „iih, Klassiker!“ Welchem Schülerherz entsprang nicht dieser Aufschrei, wenn wir uns mit Goethe oder Schiller abquälen sollten oder gar ins Theater geschleift wurden. Das Sommertheater der Landesbühne brachte die Erlösung: in ungewöhnlicher Umgebung und ohne übertriebene Ehrfurcht vor dem Dichterfürsten inszeniert, kam die durchaus spannende Story von Faust und Mephisto bei allen Generationen wirklich an.

Der Rosenhügel, der sonst außerhalb der Rodelzeit ein unbeachtetes Dasein führt, zeigte sich optisch wie akustisch als Naturbühne von seiner besten Seite. Der Blick von der Zuschauertribüne verliert sich über den Platz hinaus mehrere hundert Meter. Eine kleine, mehrfach nutzbare Rückwand der Hauptbühne direkt am Publikum half, den Blick einzufangen – ohne zu verpassen, was sich zeitgleich im Hintergrund anbahnte. Die nutzbare Raumtiefe wurde erst richtig deutlich, als die beiden Hauptakteure zu Pferde aus Richtung Neuender Busch herangaloppierten und als nach Einbrechen der Dunkelheit im Schlußakt der Scheiterhaufen an der Zuwegung entflammte.

Ungeteilt war die Meinung des Stammpublikums nicht gerade. „Zu sehr Volkstheater, teilweise zu albern,“ lauteten einige Kommentare. Geschmackssache und deshalb sicher nicht falsch. Obwohl der Urfaust im Gegensatz zu seinem anspruchsvolleren zweiteiligen „großen Bruder“ vom Verfasser auch als Volkstheater gedacht war. Wir fanden’s schon mal erfreulich, daß alle Beteiligten ihre wohlverdienten Theaterferien geopfert hatten, um das kulturelle Sommerloch zu stopfen. Warum muß es dann, zudem bei dieser Hitze, immer was Hochintellektuelles sein?

Niveaulos war es deswegen ja nicht. Goethes Message zum Verhältnis von Gut und Böse kam durchaus rüber, wurde durch spritziges Tempo, witzige Einlagen, ungewöhnliche Masken und Kostüme und Musik nicht erschlagen.

Mit dem fast heiligen Text wird nicht gerade zimperlich verfahren. Mephisto stellt sich mit dem Rock-Song „Sympathy for the Devil“ vor – O-Ton Goethe gesungen zu Original-Musik der Rolling Stones. Und immer, wenn des Dichters Worte allzu gestelzt klingen, wird ein Mitspieler stutzig: „Was hast du eben gesagt?“ Er läßt sich ein paarmal die Verse auf der Zunge zergehen, bis ihn sein Mitspieler ermahnt: „Das ist Text!“ Einige empfanden das, einschließlich der Anspielungen auf Schiller, als albernen Gag. Für uns war es eine Ermunterung an die Zuschauer, die distanzierte Ehrfurcht zu verlieren und dadurch kritischen Zugang zum Text zu finden, der so echt irgendwie gar nicht geil in unsere moderne Sprache passen will.

Unbestrittener Mittelpunkt war natürlich Mephisto. Eine Traumrolle auch für Uwe Rohbeck, dem sonst bescheidene und besinnliche Figuren zugedacht sind. Sein Outfit war nur das I-Tüpfelchen für die Gestalt, die Rohbeck temperamentvoll zwischen Bösewicht und Teufelchen zum Liebhaben ansiedelte, ohne in vorhandene Klischees zu fallen.

Mephisto resp. Rohbeck schlug das Publikum so in seinen Bann, daß es mehrfach zu – an deutschen Theatern ungewöhnlichem – Szenenapplaus kam. Eine Rückmeldung der Zuschauer stimmte wirklich nachdenklich. Als der Teufel sich in einem Monolog despektierlich über die Geldgier der Kirche ausließ, kam es fast zu stehenden Ovationen. Von einem – an diesem Abend – überwiegend älteren Publikum mit sicherlich vielen gläubigen Kirchgängern, die sich in diesem Kontext einer Kritik – an der Institution Kirche, nicht am Glauben – durchaus anschließen konnten.

Keinerlei Kritik? Nun ja, als beim Schlußapplaus nochmal der Mephisto-Song als Zugabe kommt, diesmal nicht auf den Original- Goethe-Text gesungen, hätte man statt eigener Verse (mit teilweise drastischer Sprache) auf den Text von Udo Lindenberg zurückgreifen sollen, der einfach den Stones-Text so genial sinngemäß ins Deutsche überträgt, daß danach nichts mehr kommen kann. Dazu hätte sogar Johann Wolfgang dem Udo persönlich gratuliert, wenn er dennoch unter uns weilen würde.

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