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Aug 221995
 

... lokal handeln

Das grüne Gewissen Brasiliens: José Lutzenberger im PUMPWERK

Das „grüne Gewissen Brasiliens“, José Lutzenberger, spricht und diskutiert am Dienstag, den 29.8 um 20.00 Uhr im Pumpwerk. Eine wohl einmalige Gelegenheit, den weltbekannten Ökologen und alternativen Nobelpreisträger zu erleben, und ein Muß für jeden, der sich mit Umwelt- und Zukunftsfragen beschäftigt. Thema der Veranstaltung: „Global denken – lokal handeln.“

Lutzenberger kommt auf Einladung des Solidaritätskreises Brasilien nach Wilhelmshaven. Die Veranstaltung wird von vielen Organisationen unterstützt. Der Bonner Journalist Siegfried Pater, bekannt durch seine Bücher und Filme über Brasilien, wird die Diskussion leiten. Die Zitate im Text sind seinem Buch entnommen: Jose Lutzenberger, Das grüne Gewissen Brasiliens. Es ist im Lamuv-Verlag erschienen.

José Lutzenberger (69) ist heute der einflussreichste Umweltschützer Lateinamerikas. Lutzenberger, der als Sohn deutscher Auswanderer in Brasilien geboren wurde, studierte Agrarchemie. Seinen hochbezahlten Managerjob bei der deutschen Chemieindustrie hängte er 1970 an den Nagel und ging nach Brasilien zurück. Seit dieser Zeit kämpfte er unermüdlich gegen die Umweltzerstörung in seinem Land. Für seinen langjährigen Kampf um die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen, besonders des tropischen Regenwaldes in Amazonien sowie der kleinbäuerlichen Landwirtschaft ohne Chemiegifte, wurde er 1988 mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet.

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Nachdem Lutzenberger 1990 völlig überraschend, wie er selbst zugeben mußte, zum brasilianischen Umweltminister berufen wurde, zögerte er keinen Augenblick. Er wollte nichts unversucht lassen, Einfluß zu nehmen auf die Umweltpolitik in Brasilien. Viele Umweltaktivisten wollen ihm den „Verrat“ nicht verzeihen. Trotz anfänglicher Erfolge wurden die Widerstände der internationalen Industrielobby immer stärker, die mit der Vernichtung des Regenwaldes ihr Geld verdient. Um sich moralisch nicht verbiegen zu lassen, sah er sich im März 1990 gezwungen, das Amt aufzugeben. Die meisten Politiker in Brasilien sind korrupt. „Diese Menschen kann man nicht beleidigen“, sagt Lutzenberger, „denn die Politiker wissen ja schließlich, daß sie korrupt sind“.

Nach Kenntnis der Regierungsstrukturen steht für Lutzenberger fest: „Das, was wir von außen machen, ist wichtiger, um so Druck auf die Regierungen ausüben zu können.“ Auf seiner kleinen Ökofarm im Süden Brasiliens arbeitet Lutzenberger seitdem weiter an seinem GAIA-Konzept, benannt nach. der griechischen Erdgöttin. Es beruht auf einer Art „Erdphilosophie“ , wonach die Erde nicht als Gegenstand, sondern als Organismus betrachtet wird. Lutzenberger hält diese Sichtweise für eine grundlegende Voraussetzung, die Erde vor dem ökologischen Kollaps zu bewahren. Seine Kritik an der herrschenden Wachstumsideologie formuliert er bildhaft am Beispiel eines rollenden Schneeballs. „Der Schneeball benimmt sich am Anfang ganz ordentlich und diszipliniert, solange er noch langsam rollt. Indem er rollt, muß er aber wachsen, weil der Schnee an ihm kleben bleibt. Indem er wächst, wird er schneller. Das endet unweigerlich in der Lawine und dann im großen Knall“. Diese Erkenntnis versetzt Lutzenberger in Unruhe. „Die neunziger Jahre sind ein entscheidendes Jahrzehnt“, sagt er, „In dieser Zeit muß es gelingen, die Weichen richtig zu stellen – sonst könnte es zu spät sein. Je länger notwendiges Handeln verschoben wird, desto schwieriger und teurer wird das Umsteuern.“

Lutzenberger beschäftigt nicht nur das Nachdenken über eine weltweit verfehlte Industrie- und Landwirtschaftspolitik. Er setzt auf praktische Alternativen und setzt diese auch erfolgreich um. Seine Erfahrungen entwickelt er beständig weiter. Er praktiziert selbst neue Anbaumethoden – ohne jeden Chemieeinsatz. Plantagenbesitzer und Kleinbauern in Brasilien berät er ebenso über nachhaltige und giftfreie Anbaumethoden wie Hopfenbauern in Bayern und zeigt, daß Umsteuern möglich ist. Lutzenberger nimmt erfolgreich Einfluß auf das Umweltverhalten von Industrieunternehmen. Im Rahmen des GAIA-Projekts werden Agrarökonomen und Kleinbauern in alternativer Landwirtschaft weitergebildet, die ihre Erfahrungen an anderer Stelle weitergeben. Ständig finden sich auf der GAIA-Farm Gruppen und Interessenten aus aller Welt ein, um zu lernen und Erfahrungen auszutauschen. So baut Lutzenberger ein Netzwerk von Erfahrung und Wissen auf. Inzwischen ist er weltweit ein gefragter Gesprächspartner. Viele setzen auf seinen Rat.

Das Bedürfnis, seine Erfahrungen und Ansichten auch einem breiten Publikum mitzuteilen, läßt Lutzenberger viel reisen. Seine Vorträge begeistern durch sein Engagement, aber auch durch die Klarheit und Einfachheit seiner Gedanken. Ihn im Pumpwerk erleben zu können, ist sicher eine einmalige Gelegenheit. Der Eintritt kostet 5,- DM.

Rolf Biermann

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