Feb 052017
 

1543_On_the_Jews_and_Their_Lies_by_Martin_Luther

(iz) Ausgemachte Halloween-Fans sind begeistert, dass sie 2017 am 31. Oktober – einem Dienstag – frei haben. Vermutlich ist vielen gar nicht mehr bewusst, dass dieses Datum in Deutschland eigentlich mit dem Gedenken an die Reformation der Kirche durch Martin Luther verknüpft ist. Luther? War das nicht der mit 95 Thesen? Richtig, die hat er 1517 veröffentlicht (der Überlieferung nach durch Aushang an der Tür der Schlosskirche in Wittenberg) und dadurch einiges ins Rollen gebracht. Anlässlich des 500jährigen Jubiläums dieses Ereignisses feiert die Evangelische Kirche in Deutschland das Lutherjahr 2017. Der Reformationstag ist in diesem Jahr ein bundesweiter Feiertag und übers ganze Jahr gibt es dazu an vielen Orten religiöse und kulturelle Veranstaltungen. Die Landesbühne Niedersachsen Nord hat das Rock-Oratorium „Luther – Rebell wider Willen“ ins Programm genommen. Es wird ausschließlich in Kirchen im Spielgebiet aufgeführt, Premiere war in der Christus- und Garnisonkirche in Wilhelmshaven.

Die Garnisonkirche ist ein reizvoller, aber theatertechnisch anspruchsvoller Aufführungsort. Etwas sattelfest sollte man in der Reformationsgeschichte schon sein, um der temporeichen Handlung folgen zu können.

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Jan 172017
 

Ein weites Feld

Sehenswert: Fontanes Sittengemälde „Effi Briest“ an der Landesbühne

Die Nähe täuscht: Effi Briest (Alina Müller) und von Instetten (Aom Flury). Foto: Landesbühne

Die Nähe täuscht: Effi Briest (Alina Müller) und von Instetten (Aom Flury). Foto: Landesbühne

(iz) Eine leidenschaftliche Affäre sieht anders aus. Es ist wohl eher Langeweile, die Effi in die Arme des Majors Crampas treibt. Ein bisschen affig wirkt der Schürzenjäger ja, wenn er sein Spazierstöckchen schwingt, aber im Vergleich zu Effis Ehemann Baron von Instetten besitzt er durchaus Charme und Unterhaltungswert.

Das ist auch nicht schwer. Von Instetten wirkt nicht nur durch sein Jackett steif und zugeknöpft, Sinnbild für das Korsett aus Konventionen, aus dem er sich nicht befreien kann oder will. Was in aller Welt Effis Mutter Luise an diesem Kerl mal reizvoll fand, bleibt ihr Geheimnis. Zum Glück hat sie sich damals für Herrn von Briest entschieden, der zumindest Herz und Humor hat. Dass sie Jahre später ihre eigene, erst 17jährige Tochter an den zwanzig Jahre älteren Langweiler von Instetten, sozusagen die Leiche aus ihrem eigenen Keller, verschachert, ist an Geschmacklosigkeit kaum zu überbieten. Weiterlesen »

Mai 172016
 

Informationen zu aktuellen Aufführungen

Buffet unter dem Sternenhimmel

Freitagabend veranstaltet die Landesbühne im Rahmen des Theaterfestivals „Ankommen – wir zusammen“ ein großes Open-Air-Buffet, zu dem jeder kommen und etwas mitbringen kann.
Kultur macht hungrig. Am Freitag, 10. Juni, eröffnet um 16.00 Uhr das integrative und multikulturelle Theaterfestival „Ankommen – wir zusammen“ am Bontekai sein Programm. Nach den ersten Vorstellungen („Erzählräume“ – sieben Flüchtlinge erzählen ihre Geschichte(n) und einer Festivalfassung von „Über die Grenze ist es nur ein Schritt“) soll ab 21:30 Uhr unter freiem Himmel ein großes Open-Air-Buffet aufgebaut werden. Jeder, der Lust hat, kann sich mit einer kulinarischen Spende beteiligen und selbstverständlich auch bei diesem großen multikulturellen Nachtessen Platz nehmen, sich durch verschiedenste Genüsse aus verschiedensten Ländern schlemmen und dabei mit den unterschiedlichsten Menschen ins Gespräch kommen. Die Festivalmacherinnen Eva Lange und Carola Unser freuen sich über eine rege Beteiligung.Unbenannt Weiterlesen »

Apr 012016
 

Mit Kunst Begegnungen schaffen

Landesbühne veranstaltet Theaterfestival für und mit Geflüchtete/n

Landesbühnen-Oberspielleiterin Eva Lange (links) und Carola Unser, Leiterin der Jungen Landesbühne, vorm Theos am Großen Hafen, Wilhelmshaven.

Landesbühnen-Oberspielleiterin Eva Lange (links) und Carola Unser, Leiterin der Jungen Landesbühne, kreieren rund ums TheOs einen Mikrokosmos aus ungewöhnlichen Spielorten.

Mit einem Theaterfestival unter dem Motto „Ankommen – wir zusammen“ will die Landesbühne nachhaltig Begegnungen zwischen Wilhelmshavener Bürgerinnen und Bürgern und Geflüchteten stiften. Am 10. und 11. Juni entsteht rund um das TheOs am Bontekai in Wilhelmshaven ein Mikrokosmos aus ungewöhnlichen Spielorten. In einer Zeltstadt auf dem Parkplatz zeigt die Landesbühne Niedersachsen Nord Wiederaufnahmen von „Über die Grenze ist es nur ein Schritt“ und „Deportation Cast“, die sich mit dem Thema Flucht und Vertreibung beschäftigen. In einem Kühlcontainer spielt die freie Theatergruppe „Das Letzte Kleinod“ das Dokumentartheater „November und was weiter“ über Flüchtlingsheime auf dem Lande. Darüber hinaus entstehen Inszenierungen an ungewöhnlichen Orten: im Wohnzimmer, an Bord und – zur Eröffnung – auf dem Wasser.

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Jan 242016
 

Wieder einmal ist der Landesbühne eine Inszenierung am Puls der Zeit gelungen

Foto: Landesbühne

Foto: Landesbühne

(iz) Seit Monaten beherrscht der Zustrom von Flüchtlingen Politik und Medien und spaltet unsere Gesellschaft. Jeder will mitreden und glaubt, die Situation beurteilen zu können. Und alle drehen sich im Kreis. Das Stück INVASION! des schwedischen Autors Jonas Hassen Khemiri fordert das Publikum heraus, die eigene Wahrnehmung und die daraus resultierende „Wahrheit“ gründlich zu hinterfragen. Kein leichter Stoff: Intendant Olaf Strieb hätte sich nach eigener Aussage da nicht rangetraut. Unter der Regie von Carola Unser gerät INVASION zu einer furiosen Mischung aus Anspruch und Unterhaltung.

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Sep 072015
 

Bunker wird zur Bühne für Geschichtsbewältigung

Zeitzeugin des Bombenkrieges: Rosmarie Bohl. Foto: Gegenwind

Zeitzeugin des Bombenkrieges: Rosmarie Bohl. Foto: Gegenwind

Ihre Puppe hatte Rosmarie Bohl immer dabei, wenn die Sirenen ertönten und sie als kleines Kind mit der Mutter zum nächsten Bunker rennen musste. Das ist gut 70 Jahre her. Geblieben sind traumatische Erinnerungen, die sie noch heute zusammenzucken lassen, wenn samstags um 12 der Probealarm durch die Stadt heult. Geblieben ist ihr auch die Puppe.

Rosmarie Bohl ist eine der ZeitzeugInnen, deren Geschichten in dem dokumentarischen Theaterstück „Fliegeralarm“ erzählt werden. Spielort ist der Bunker an der Jadeallee.

Erstmals arbeitet die Landesbühne hier mit dem freien Theater „Das Letzte Kleinod“ zusammen. Die Künstlergruppe aus Schiffdorf bei Bremerhaven ist an der Nordseeküste für dokumentarische Inszenierungen an ungewöhnlichen Spielorten bekannt. Eine unbewohnte Insel, ein Tiefkühlhaus oder eine Hafenkaje waren Schauplätze von außergewöhnlichen Theatervorstellungen, im vergangenen Jahr die Kaserne in Sengwarden. Hier ist es der Bunker an der Jadeallee. Ursprünglich als Truppen-Mannschaftsbunker für U-Boot-Besatzungen mit einer Kapazität von 750 Personen (Bezeichnung „T750“) konzipiert, fanden später mehr als 2000 Zivilisten dort Schutz in den Bombennächten des 2. Weltkriegs. Weiterlesen »

Sep 062015
 

Never ending Alptraum

„Im Westen nichts Neues“ in eigener Fassung der Landesbühne

Soldatengräber auf dem Ehrenfriedhof, Wilhelmshaven. Foto: I. Zwoch

Soldatengräber auf dem Ehrenfriedhof, Wilhelmshaven. Foto: I. Zwoch

(iz) Mit seinem 1928/29 erschienenen Anti-Kriegs-Roman „Im Westen nichts Neues“ schuf Erich Maria Remarque einen Klassiker der Weltliteratur. Mit einfacher Sprache entfacht er ein Kopfkino, das sich nicht 1:1 für die Theaterbühne dramatisieren lässt. Es gibt bereits zahlreiche Bühnenfassungen, in denen auch mit Lärm, Nebel, Staub, Matsch und Kunstblut gearbeitet wird. Eva Lange (Regie), Lea Redlich (Dramaturgie) und Gabriela Neubauer (Bühne & Kostüme) fanden für die Inszenierung an der Landesbühne eigene Stilmittel. Sie verzichten weitgehend auf technische Effekte und setzen auf die Gewalt der Worte; die Bildsprache tritt, mit Ausnahme einiger plakativer Szenen, in den Hintergrund.

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Jan 202015
 

Keine Angst vor PUNK ROCK!

pm_punkrock.inddAnders als der Titel vermuten lässt, ist PUNK ROCK kein klassisches Jugendtheaterstück, sondern – ein Brückenstück. Regisseurin Carola Unser hat das Stück des zeitgenössischen britischen Autoren Simon Stephens ausgewählt, um eine Brücke zu bauen für ältere Jugendliche, die nicht morgens um neun unausgeschlafen in eine Schulvorstellung geschleift werden, sondern bewusst in ein „Erwachsenenstück“, eine Abendvorstellung im Großen Haus gehen; und eine Brücke zwischen jugendlichen und erwachsenen Theaterbesucher/innen, die sich als ein Publikum – mit möglicherweise sehr unterschiedlichen Reaktionen – aufeinander einlassen. Ein spannendes Experiment.
Die Protagonist/innen des Stückes sind 17 Jahre alt und besuchen ein Elite-Internat. Sie schaffen sich eine Welt, die mehr Schein ist als Sein, in der jede/r darum kämpft, zu bestehen. Die Konflikte münden in eine unfassbare Katastrophe … mehr wird vorab nicht verraten!
Für die Premiere am kommenden Samstag (24. Januar, 20 Uhr im Stadttheater) sind noch Karten erhältlich. Um 19 Uhr 30 gibt es im Oberen Foyer eine Einführung in das Stück.
PS – um letzte Vorbehalte zu zerstreuen: Das Stück ist nicht mit lauter Punkmusik untermalt – am Flügel sorgt Katharina Hoffmann für eher klassisch orientierte Klangbilder.
Okt 202014
 

Trash as trash can

Kult-Musical „Der kleine Horrorladen“ an der Landesbühne neu inszeniert

Foto: Landesbühne

Fütterungszeit!!! Foto: Landesbühne

(iz) Die Geschichte ist schnell erzählt: Eine kleine Pflanze kommt ganz groß raus und wächst dabei ihrem Herrchen etwas über den Kopf, was nicht zuletzt ihren extravaganten Ernährungswünschen zuzuschreiben ist. Des Weiteren geht es um Zahnärzte, Häkelgardinen und eine unglückliche Liebe. Mehr muss man nicht wissen, und mehr braucht es nicht für ein schräges abendfüllendes Musical.

Damit das ein guter Abend wird, benötigt man natürlich auch SchauspielerInnen mit gesanglichen und tänzerischen Qualitäten, eine klasse Band, ein pfiffiges Bühnenbild und einen Regisseur, der Spaß an Musicals und Mut zum Trash besitzt. Und natürlich eine fleischfressende Pflanze in verschiedenen Größen. Mit all diesen Zutaten serviert Regisseur Andreas Kloos dem Publikum eine witzige und sehenswerte Neuauflage des Trash-Klassikers „Der kleine Horrorladen“. Weiterlesen »

Okt 102014
 

Feige. Menschenverachtend. Widerlich.

Die Landesbühne erhält einen anonymen Hetzbrief zu „Deportation Cast“

Szene aus "Deportation Cast"

Szene aus „Deportation Cast“ (Foto: Landesbühne)

(iz) Mit „Deportation Cast“ hat die Landesbühne das hochaktuelle Thema Flüchtlingspolitik aufgegriffen und hervorragend künstlerisch umgesetzt.

Das brisante Thema hat eine große, auch unterschiedliche  Zuschauerresonanz hervorgerufen. Doch bei einem anonym eingegangenen Brief blieb nicht nur Intendant Olaf Strieb die Luft weg.

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Feb 012012
 

Damit nichts untergeht

„Bilal – Leben und Sterben als Illegaler“ thematisiert das menschengemachte Flüchtlingsdrama zwischen Afrika und Europa. Noch im Programm: Eine spannende deutsch-polnische Inszenierung der Dreigroschenoper und ein Musical.

Szenenfotos aus "Bilal - Leben und Sterben als Illegaler". Bildrechte: Landesbühne

Szenenfotos aus „Bilal – Leben und Sterben als Illegaler“. Bildrechte: Landesbühne

(iz) Beim Stichwort „Schiffsunglück im Mittelmeer“ erinnern Sie sich bestimmt spontan an folgende Zeitungsmeldungen:

  • 24.1.2011: Taucher finden 16. Todesopfer der Costa Concordia
  • 25.1.2011: Costa Concordia: Vier deutsche Todesopfer identifiziert

Oder eher an diese?:

  • 15.3. 2011: 35 Menschen auf dem Weg nach Italien ertrunken
  • 6.4.2011: 150 Menschen vor Lampedusa ertrunken
  • 14.4.2011: Seit 1988 haben über 10.000 den nassen Tod gefunden
  • 9.5.2011: Dutzende vor Tripolis ertrunken
  • 2.6.2011: 270 Menschen im Mittelmeer ertrunken
  • 19.8.2011: Über 2.000 ertrunkene Boatpeople wurden in den vergangenen Monaten zwischen Nordafrika und Lampedusa bzw. Malta gezählt
  • 13.8.2011: Nato ließ bis zu 1800 lybische Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken
  • 11.4.2011: „Auf Europa rollt ein menschlicher Tsunami zu (Silvio Berlusconi)“

Ihr Verbrechen ist die Hoffnung auf ein besseres Leben – auf ein wenig Würde. Wer ohne Visum kommt wird kriminalisiert – muss Europa verlassen und taucht in die Illegalität ab. Vom Status her ist er ein Verbrecher. Unsere Gesetze machen aus Helden Verbrecher. Torsten Leißer, Referent für Menschenrechte und Migration der Evangelischen Kirche beim Publikumsgespräch am 19. Januar 2011

Die einen wussten nicht, wohin mit ihrem Geld, und leisteten sich eine Kreuzfahrt; die anderen wussten nicht, wo sie es hernehmen sollten, damit ihre Familie nicht verhungert. Die Aussicht, es in Europa zu verdienen, war der Strohhalm, an den sie sich klammerten, der sie durch die Strapazen einer Flucht durch die Wüste trug, aber nicht retten konnte nach dem Kentern einer Nuss-Schale, die sie ins Land der Verheißung bringen sollte.

Der italienische Journalist Fabrizio Gatti mischte sich unter die Flüchtlinge, die sich zu Zehntausenden ans Mittelmeer durchschlagen, wenn sie nicht schon vorher verhungern, verdursten, zu Tode geprügelt werden oder nicht mehr weiterkommen, weil ihnen das letzte Geld von Schleppern und Trittbrettfahrern abgezockt wurde. Darüber schrieb er ein Buch, das Intendant Gerhard Hess in die Hand bekam und beschloss, es auf die Bühne zu bringen. Mit „Bilal – Leben und Sterben als Illegaler“ greift die Landesbühne ein Thema auf, das uns alle aufrütteln sollte.

Ich würde sie alle dahin gehen lassen, wohin sie wollen. Dramaturg Peter H. Fliegel beim Publikumsgespräch am 19. Januar 2011

Vor der Premiere gab es ein Publikumsgespräch mit Fabrizio Gatti, Thorsten Leißer (Referent für Menschenrechte und Migration der Evangelischen Kirche in Deutschland) und Peter Hilton Fliegel (Dramaturg), moderiert von Katharina Guleikoff (Radio Jade). Am 6.2. gibt es eine weitere Gesprächsrunde mit Flüchtlingen. Schon in der Einführung zum Stück hat Fliegel alles gesagt, was man dazu sagen kann, um der Arroganz wohlhabender Europäer zu begegnen: „Wir dürfen die Flüchtlinge nicht als ‚Wirtschaftsflüchtlinge‘ diffamieren.“ Gemeinhin werden Flüchtlinge schlicht und bequem unterteilt in „gute“, weil politisch verfolgte, und „schlechte“, die „nur“ wirtschaftliche Probleme haben und sich in die Hängematte unseres Sozialsystems legen wollen. Tatsächlich geht es um Leben und Tod ganzer Familien, die das letzte Geld zusammenkratzen, um die Stärksten auf die weite Reise zu schicken. Die wollen arbeiten und Geld nach Hause schicken, statt allein in der Fremde von einem Minimum dahinzuvegetieren.

Wie dieser Stoff auf der Bühne umgesetzt wurde, darüber lässt sich streiten. Unter Regie von Eva Lange hat Diana Pähler die Ausstattung minimiert: eine kahle Schrägbühne, sonst nix. Als Kostüme Feinripp und Jogginghosen, nur der Italiener im Anzug. Und ein Haufen alter Schlafsäcke und Plastikwasserkanister als einziger Besitz der modernen Nomaden. Keinerlei „Atmo“, die in die Wüste, in ihre Heimat, ihre Kultur versetzt. Somit blieb alles Emotionale auf die Dialoge reduziert. Fast jede/r spielt mehrere Rollen, die fließend ineinander übergehen. So werden auch Schlepper zu Opfern eines brutalen Systems. Abstraktion als künstlerisches Mittel. Wer sich ohnehin mit dem Thema auseinandergesetzt hat, dem mochte das reichen.

Wer in der Konsequenz sein Leben, seine Zukunft in die Hand nimmt, kann kein Verbrecher sein. Sie suchen Arbeit, keine Sozialhilfe. Sie kommen hierher, um ihre Situation durch Arbeit zu verbessern. Hilfe für Afrika? Der Niger z.B. könnte aus eigener Kraft existieren – doch Frankreich beutet das Land aus, um billiges Uran zu bekommen. Deutschland und Italien sind die besten Freunde der Diktatoren in Eritrea. Die Migration ist nicht aufzuhalten. Wenn ich das weiß, kann ich doch dafür sorgen, dass sie vernünftig abläuft. Fabrizio Gatti, Autor von Bilal beim Publikumsgespräch am 19. Januar 2011

Gatti selbst sagte, dass er zwischendurch weinen musste. Er hat alles, was dazu gehört – Gestalten, Gesichter, Gefühle, Gerüche, Geräusche, Hitze, Kälte, Staub, Hunger, Durst – aus eigener Erfahrung lebenslänglich auf Abruf parat. Doch es geht ja gerade darum, bei jenen EMPATHIE zu wecken, die um „Concordia“-Opfer weinen, aber froh sind, dass Lampedusa ganz weit weg ist. Wenn ich solch eine Literaturvorlage auf die Bühne bringe, dann doch, um die Aussagekraft mit den verfügbaren Mitteln zu verdichten und zu verstärken. Die Leute zu packen und von ihrem mitteleuropäischen Wohlstandsthron zu holen. Der klassische BILD-Leser, selbst im Feinripp am Frühstückstisch, braucht mehr Folklore, damit ihm das Brötchen mal aus der Fresse fällt. Das hat, sagen wir mal, nicht so geklappt. KollegInnen anderer Zeitungen wie der NOZ haben sich drastischer ausgedrückt. Aus Respekt vor dem Engagement der Landesbühne in diesem gesellschaftspolitisch drängenden Thema lassen wir es dabei bewenden. Zumindest konnte die Schlusssequenz einiges herausreißen: Das Einzelschicksal aller Charaktere wird zu Ende erzählt und endet in einem vielstimmigen Choral, der die Vielfalt und Vielzahl der persönlichen Dramen transportiert.

Egal, wie die Inszenierung als solche ausfällt und was sie bei den Zuschauern hinterlässt: Schon mit der Aufnahme des Themas, den Begleitveranstaltungen und dem medialen Echo hat unsere Landesbühne ein brisantes Thema aus der allseitigen Verdrängung geholt. Das fand bereits überregionale Resonanz, und diese Auftragsarbeit wird hoffentlich die bundesweite Theaterlandschaft erobern. (iz / hk)

Weitere Aufführungen (jeweils 20 Uhr im Stadttheater): Fr., 03.02. / Mo., 06.02. / Mi., 15.02. / So., 26.02.

Am 6.2. um 18 Uhr 30, Oberes Foyer: Gesprächsrunde mit Sami Alsharif (Flüchtling aus dem Sudan) und Karim Al Wasiti (Flüchtlingsrat Niedersachsen), moderiert von Peter Hilton Fliegel. Die Klasse 10b des Käthe-Kollwitz-Gymnasiums präsentiert den Zuschauern ein Interview mit Fabrizio Gatti, eine Gesprächsreihe mit Migranten, Hintergrundinformationen zum Thema Migration und eine exemplarische Flüchtlingsgeschichte.

TheaterKirche zu „Bilal“

Die TheaterKirche beschäftigt sich am Sonntag, 5. Februar, um 18 Uhr im Gemeindehaus der Christus- und Garnisonkirche mit dem Stück „Bilal“. Welche Konsequenzen hat die Abschottungspolitik der EU? Vor welche Gewissensfragen stellt uns der moderne Menschenhandel? Das Stück bietet für die Theaterkirche wie immer unterschiedliche Anknüpfungspunkte. Die Kooperation TheaterKirche, das gemeinsame Projekt der Landesbühne Nord und der Christus- und Garnisonkirche, geht ab Sonntag in die nächste Runde. Gemeinsam wird wie immer eine Annäherung an die aktuelle Inszenierung des Spielplans gewagt. In 35 Minuten wird durch Live-Musik, Worte und Szenen Kirche mit Theater verknüpft. Dramaturg Peter Hilton Fliegel, zwei Schauspieler und Pastor Frank Morgenstern interpretieren das Stück.

Opera za trzy grosze (Deutscher Untertitel: Dreigroschenoper)

Das Gastspiel des Teatr Polski Bydgoszcz im Stadttheater war unglaublich. Eine gefühlt komplett ungestrichene Fassung des Brecht-Weill-Klassikers, über drei Stunden lang (mit zwei Pausen), auf POLNISCH. Das hieß für alle nicht polnischsprachigen Zuschauer: Drei Stunden deutsche Obertitel an der Leinwand lesen. Oder auch nicht. Denn es war ja Theater und kein Hörspiel, und wer das Stück kennt, hat zumindest die Songtexte im Ohr. Vor allem musste man sich einfach drauf einlassen. Oder auch nicht: Nach jeder Pause hatten sich einige Stühle geleert. Die blieben, zehren noch lange von einem unvergesslichen Theaterabend. Ein über 30köpfiges Ensemble auf der Bühne und im Orchester: Das gibt’s bei uns allenfalls mit Statisten. Ob mit oder ohne Simultan-Gucken-Hören- Lesen wurden alle Sinne stark beansprucht. Es war packend, intensiv, atemberaubend, überraschend, schräg, witzig, brutal. So dicht am Original und doch ganz neu erfunden und brandaktuell. Zum Auftakt wurden Bilder vom Royal Wedding (April 2011) eingespielt (die Oper spielt zur Zeit einer Krönung im 18. Jh.), am Ende waren Aufnahmen von den Unruhen in England im August 2011 zu sehen. Mehr ist nicht nötig, um über sprachliche Grenzen hinweg den passenden Kontext zu schaffen. Wer die Aufführung verpasst hat, darf zu Recht traurig sein, sich aber auf ein gemeinsames Projekt der Landesbühne mit dem Teatr Polski Bydgoszcz im Herbst freuen: „Der Bromberger Blutsonntag. Eine polnisch- deutsche Annäherung“. Die Kooperation wird gefördert im Fonds Wanderlust der Kulturstiftung des Bundes. (iz)

Eliza ohne Pisa

„My Fair Lady“ ist ein ausverkaufter Publikumsschlager, den wir gar nicht mehr bewerben müssen. Politisch oder gesellschaftlich interessant ist das Musical sowieso nicht, oder? Ein bisschen schon: Sprache bzw. Ausdrucksfähigkeit und gesellschaftlicher Status sind untrennbar miteinander verbunden. Nicht nur damals, nicht nur in England. Die Geschichte von Eliza Dolittle und dem geltungssüchtigen Professor Higgins, der das Unterschichten-Girl zu einer feinen Dame dressiert, ist 1912 angesiedelt. Doch auch heutzutage wird keiner im Bewerbungsgespräch beim Personalchef einer Bank mit „Hey, Alder, was geht?“ reüssieren (!). Egal: Regisseur Olaf Strieb wollte gar keine aktuellen Bezüge zu Pisa und ähnlichen Diskussionen schaffen, sondern den Klassiker als solchen in Szene setzen. Und das ist ihm und seinem Ensemble, allen voran Gaststar Marianne Curn aus Wien, wunderbar gelungen. Wenn Darstellung, Sprache, Tanz und Gesang ganz unangestrengt rüberkommen, weiß man, wie sich alle ins Zeug gelegt haben. Zwei Dinge am Rande: Erstaunlicherweise ist dies die erste Inszenierung dieses Musicals an der Landesbühne überhaupt. Nur die Vorlage, Bernard Shaws „Pygmalion“, kam hier 1961 mal zur Aufführung. Und dann fragten einige, warum man hier den Straßendialekt – Londoner Cockney – nicht in (plattdeutschen) Regionalkolorit übertragen Anzeige hat: Weil da schon bundesweit viele dran gescheitert sind. Auch eine schwäbelnde, babbelnde oder sächselnde Eliza funktioniert nicht, da passt nur die Berliner Schnauze. Karten gibt’s noch für die Aufführungen am 18.2., 12.3., 16.3., 23.3., 30.3. und 14.4. – jeweils um 20 Uhr im Stadttheater

Dez 012011
 

Nachrichten:

Das Wilhelm-Krökel-Gymnasium, der Fotowettbewerb „Alleen“, die Ausstellung „Justitia ist eine Frau“, der Naturkostladen Jonathan, der MediaMarkt, der verstorbene Künstler Jürgen Wild, Mumia Abu-Jamal, der Kunstrasenplatz und das aktuelle Programm der Landesbühne sind Themen der Nachrichten im Dezember 2011.

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Apr 292011
 

Ein starkes Stück: Waits trifft Woyzeck

Logo Landesbuehne-nord(iz) Nach der eindrucksvollen Inszenierung von Peter Weiss’ “Die Ermittlung” hat die Landesbühne ein zweites Mal großes Format bewiesen. Die Umsetzung von Büchners “Woyzeck” – nach dem Konzept von Robert Wilson – ist ohne Abstriche ein Knaller. Weiterlesen »
Okt 211998
 

Lasst Blumen sprechen…

…das Ergebnis zeigt „Der kleine Horrorladen“: Kultmusical von der Landesbühne ansprechend inszeniert

(iz) Der schnelle Weg zu Reichtum, Erfolg und schönen Frauen führt oft in die Hölle. Faust war nicht der erste und letzte, der diese bittere Erfahrung machte. 1960 setzte Filmregisseur Roger Corman das Thema in der Gruselkomödie „Little Shop of Horror“ binnen 2 Tagen mit einem Etat von 15.000 Dollar um. 1982 holte Howard Ashmann die kultgewordene Story auf die Bühne. Jetzt hat sich auch die Landesbühne an fleischfressende Pflanzen gewagt – mit Erfolg. Weiterlesen »

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