Landesbühne: Effi Briest

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Jan 172017
 

Ein weites Feld

Sehenswert: Fontanes Sittengemälde „Effi Briest“ an der Landesbühne

Die Nähe täuscht: Effi Briest (Alina Müller) und von Instetten (Aom Flury). Foto: Landesbühne

Die Nähe täuscht: Effi Briest (Alina Müller) und von Instetten (Aom Flury). Foto: Landesbühne

(iz) Eine leidenschaftliche Affäre sieht anders aus. Es ist wohl eher Langeweile, die Effi in die Arme des Majors Crampas treibt. Ein bisschen affig wirkt der Schürzenjäger ja, wenn er sein Spazierstöckchen schwingt, aber im Vergleich zu Effis Ehemann Baron von Instetten besitzt er durchaus Charme und Unterhaltungswert.

Das ist auch nicht schwer. Von Instetten wirkt nicht nur durch sein Jackett steif und zugeknöpft, Sinnbild für das Korsett aus Konventionen, aus dem er sich nicht befreien kann oder will. Was in aller Welt Effis Mutter Luise an diesem Kerl mal reizvoll fand, bleibt ihr Geheimnis. Zum Glück hat sie sich damals für Herrn von Briest entschieden, der zumindest Herz und Humor hat. Dass sie Jahre später ihre eigene, erst 17jährige Tochter an den zwanzig Jahre älteren Langweiler von Instetten, sozusagen die Leiche aus ihrem eigenen Keller, verschachert, ist an Geschmacklosigkeit kaum zu überbieten.

Viel Überredungskunst bedarf es allerdings nicht, damit das Töchterchen der Heirat zustimmt. Das war nun mal so, in der „guten“ alten Zeit Ende des 19. Jahrhunderts: Wenn ein adeliger Freier vor der Tür stand, der zudem eine gute Stellung mit Karriereaussichten innehatte, wurde im vorauseilenden Gehorsam nicht lange nachgedacht. Zudem hat auch das kindlich- naive Landei schon eine Idee von einer „standesgemäßen“ gesicherten Zukunft. Anders als ihre Freundin Hulda ist Effi weder kokett noch verführerisch und mit Blick auf das, was Ehe bedeuten kann, eher „genant“, wie sie Hulda gesteht. Tatsächlich entpuppt sich das Eheleben auf dem Landsitz in Hinterpommern als Hölle auf Erden bis hin zu nächtlichen Dämonen, die durch Effis Leben spuken. Einige nette zwischenmenschliche Begegnungen und gelegentliche kulturelle Zerstreuung können die Gefühlskälte des Gatten nicht aufwiegen, dem gesellschaftliche Konventionen wichtiger sind als das seelische Befinden seiner Frau. Selbst als er Jahre nach dem Ende ihrer unbedeutenden Liaison mit Crampas die Liebesbriefe entdeckt, kann er nicht aus seiner Haut und fordert den Major zum Duell …

Solche arrangierten oder gar erzwungenen Ehen sind bis heute in vielen Kulturkreisen noch üblich. Tanja Weidner (Regie) und Saskia Zinsser-Krys (Dramaturgie) orientieren ihre Bühnenfassung jedoch an Theodor Fontanes literarischer Vorlage, ohne aktuelle Bezüge z. B. zur Diskussion um Kinderehen unter Migranten herzustellen. Man muss auch nicht zwingend jeden Klassiker in die heutige Zeit versetzen, als noch gar nicht so altes Zeugnis unserer eigenen Geschichte ist diese Story beklemmend genug. Der damals schon 70jährige Theodor Fontane erfuhr 1889 von einer wahren Begebenheit, bei der eine solche „Standesehe“ nach einer außerehelichen Liaison der unglücklichen jungen Ehefrau in einer Katastrophe endete, und verarbeitete sie sehr nah an der realen Vorlage zu seinem erfolgreichsten Roman. Der Stoff wurde mehrfach verfilmt, unter anderem 1974 von Rainer Werner Fassbinder unter dem Titel Fontane Effi Briest oder Viele, die eine Ahnung haben von ihren Möglichkeiten und ihren Bedürfnissen und trotzdem das herrschende System in ihrem Kopf akzeptieren durch ihre Taten und es somit festigen und durchaus bestätigen. Effi Briest wird 2018 Abiturstoff sein und mit der Fassbinderschen Analyse ist das komplexe Thema schon mal gut auf den Punkt gebracht. Oder, mit den Worten des alten Briest, der am Ende zu seiner Frau spricht: „Ach lass, Luise, das ist ein zu weites Feld“.

Für die Landesbühne war es nicht zu weit: Es ist sehr gut gelungen, den komplexen Stoff auf zwei Stunden zu verdichten, auch so, dass er für ein jüngeres Publikum verdaulich ist. So grausam die Geschichte ist, so lächerlich sind die gesellschaftlichen Spielregeln jener Zeit und die Attitüden der Protagonisten aus heutiger Sicht und damit ist es legitim, sie stellenweise mit ironischen Seitenhieben ins Lächerliche zu ziehen, ohne dabei auf flache Zoten zu setzen.

Das Bühnenbild (Bühne und Kostüme: Stefan Bleidorn) besteht aus zwei beweglichen großen Rahmen. Symbolisieren sie im elterlichen Herrenhaus die behütete Weite des ganzen Lebens, das noch vor der jungen Frau liegt, so mutieren sie im Laufe des Stückes zu einem immer enger werdenden Käfig. Die Kostüme unterstreichen treffend die Charaktere: Den zugeknöpften von Instetten (eiskalt: Aom Flury), den geckenhaften Crampas (zwielichtig: Orhan Müstak), die trotz alledem immer kindlich-jungfräuliche Effi (haltlos: Alina Müller). Ramona Marx, Aida-Ira Eslambouly und vor allem Helmut Rühl stellen in verschiedenen Rollen ihre Wandlungsfähigkeit unter Beweis. Dezente Musikuntermalung ermöglicht den Wechsel zwischen Dialog und Erzählung, die die Handlung vorantreibt.

Am Ende wird Effi fürchterlich bestraft: Vom Gatten verstoßen und geschieden, ihr Kind wird ihr genommen, die Eltern distanzieren sich von ihr. Trotzdem bleibt ein kleines bisschen Hoffnung, denn anders als im Roman stirbt Effi nicht an gebrochenem Herzen. Ihr Dämon hinter der Maske wird zum Verbündeten – wird sie mit einer neuen Identität weiterleben? Oder wird sie selber zum Dämon, der ihre Peiniger auf ewig verfolgen wird?

Weitere Aufführungen (jeweils 20 Uhr, im TheOs am Bontekai): Fr, 20.01.2017 / Mi, 25.01.2017 / Sa, 28.01.2017 / Mi, 01.02.2017 / Mi, 15.02.2017 / Sa, 04.03.2017 / Sa, 15.04.2017
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