Landesbühne: INVASION!

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Jan 242016
 

Wieder einmal ist der Landesbühne eine Inszenierung am Puls der Zeit gelungen

Foto: Landesbühne

Foto: Landesbühne

(iz) Seit Monaten beherrscht der Zustrom von Flüchtlingen Politik und Medien und spaltet unsere Gesellschaft. Jeder will mitreden und glaubt, die Situation beurteilen zu können. Und alle drehen sich im Kreis. Das Stück INVASION! des schwedischen Autors Jonas Hassen Khemiri fordert das Publikum heraus, die eigene Wahrnehmung und die daraus resultierende „Wahrheit“ gründlich zu hinterfragen. Kein leichter Stoff: Intendant Olaf Strieb hätte sich nach eigener Aussage da nicht rangetraut. Unter der Regie von Carola Unser gerät INVASION zu einer furiosen Mischung aus Anspruch und Unterhaltung.

Wer zum Teufel ist Abulkazem? Jede/r glaubt ihn zu kennen, oder kennt einen, der einen kennt, der ihn schon mal getroffen hat. Jede/r kann ihn beschreiben – oder sie. Vielleicht ist Abulkazem eine Frau – oder doch nur ein Phantom? Ein Phänomen? Vier junge Schauspieler/innen nehmen das Publikum mit auf eine zweistündige Suche nach der Wahrheit. Ein Puzzle, ein Detektivspiel.

„Jonas Hassen Khemiri schickt uns in INVASION! in die Untiefen unserer Selbstwahrnehmung, unserer kulturellen Identität und konfrontiert uns schonungslos mit unseren Ängsten und Vorurteilen“, beschreibt die Landesbühne das Stück. Keine leichte Kost: Der Autor verzichtet auf altbekannte Klischees auf mit hohem Wiedererkennungswert. Kein Aufmarsch von Besorgtbürgern, keine stumpfen Parolen, keine Sonntagsreden, kein Bombenattentat. Stattdessen wird das Thema auf einer Meta-Ebene beleuchtet, die vom Publikum einiges Abstraktionsvermögen verlangt, um den Bezug zur aktuellen persönlichen Erfahrungswelt herzustellen. Wie gehen wir mit Menschen und Kulturen um, die uns fremd sind? Welche Bilder davon haben wir im Kopf, wie entstehen sie, wodurch werden sie geprägt? Was beeinflusst unsere subjektive Wahrnehmung, was ist Fiktion, was Wirklichkeit, und gibt es dazu eine klar definierbare Wahrheit?

Gleichzeitig ist die Inszenierung höchst unterhaltsam. Ja, sie ist sogar lustig und darf es auch sein, denn letztlich lachen die ZuschauerInnen über sich selbst, ihre Ängste und Ressentiments.

INVASION! wurde 2006 uraufgeführt, lange vor Pegida & Co. Die Angst vor dem Fremden war schon immer ein Thema, mit dem Flüchtlingsstrom ist sie gerade wieder einmal hochgekocht. Augenzwinkernd stellt Carola Unser mit ihrem Team aktuelle Bezüge her. Die Proben begannen Mitte November, als Attentäter in der Konzerthalle „Bataclan“ und weiteren Orten in Paris weit über 100 Menschen ermordeten und wenige Tage später aus Sicherheitsgründen ein Fußballspiel in Hannover abgesagt wurde. Wer sich nicht in sozialen Netzwerken herumtreibt, hat vielleicht nicht verstanden, warum die Darsteller auf der Bühne Mandarinen schälen (zur Auflösung). Doch fast jede/r hat Thomas de Maizière im TV erlebt und versteht die Anspielung, dass einige Textpassagen im Stück gestrichen wurden, weil „ein Teil davon das Publikum verunsichern würde“.

Falk Seifert, Gerrit Bernstein, Zenzi Huber und Aom Flury legen eine irrwitzige Mischung aus Tempo, Timing und Präzision hin. Alle überzeugen sowohl im Team als auch in ihren Solopassagen. Es macht Spaß zu beobachten, wie Zenzi Huber sich immer weiter entwickelt. In seiner Gastrolle meistert Falk Seifert die Aufgabe, der scheinbaren Leichtigkeit des Abends einen bedrückenden Schlussakkord entgegenzusetzen.

Überzeugendes Debüt: Tamim Noore. Foto: Landesbühne

Überzeugendes Debüt: Tamim Noore. Foto: Landesbühne

Verdienten Applaus erhielt auch ein ganz besonderer Gast: Tamim Noore kam als Flüchtling aus dem Sudan nach Wilhelmshaven. Über die Kooperation der Landesbühne mit hiesigen Flüchtlingsorganisationen wurde ihm, mit Unterstützung der Behörden, sein Wunsch erfüllt, als Hospitant bei der Produktion mitzuwirken. Daraus entstand die Idee, ihn auch auf der Bühne einzusetzen. Sein Auftritt als Apfelpflücker, der seine Geschichte erzählt, teils auf Deutsch, teils auf Arabisch (eingebunden in die Sequenz zur Glaubwürdigkeit von Dolmetschern) war einfach klasse!

So ist es der Landesbühne – wieder einmal – gelungen, über die künstlerische Ebene hinaus ein internationales brisantes Thema für die lokale Auseinandersetzung aufzubereiten.

Weitere Aufführungen im Stadttheater Wilhelmshaven (jeweils um 20 Uhr): Mi, 03.02.2016 / Mi, 17.02.2016 Mo, 29.02.2016 (anschließend Publikumsgespräch) / Di, 15.03.2016.
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