Stadtelternrat

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Nov 302005
 

Der Wahlkampf hat begonnen

Zur Veranstaltung des Stadtelternrates am 21. November

(noa) Dem Stadtelternrat erschien der Zeitpunkt – anderthalb Schuljahre nach Beginn der Schul„reform“ – günstig für eine Bilanz der schwarz-gelben Schulpolitik in Niedersachsen. Die Podiumsgäste begannen hier den Wahlkampf.

StadtelternratEs habe tatsächlich eine Wende in der Schulpolitik gegeben, aber das sei eine Kehrtwende, leitete Wolfgang Wulf, in der letzten Legislaturperiode der schulpolitische Sprecher der SPD, seine Stellungnahme ein. Der Leistungsdruck sei durch die Abschaffung der Orientierungsstufe nun in die Grundschule vorverlegt worden, wo man doch bei 10-jährigen Kindern noch nicht voraussagen könne, wie sie sich entwickeln werden. Und die vom Kultusminister behauptete Durchlässigkeit der drei Schulformen ab Klasse 5 sei eine Durchlässigkeit nach unten: Kinder könnten wohl vom Gymnasium auf die Realschule, von der Realschule auf die Hauptschule fallen, aber nicht in umgekehrter Richtung wechseln. Dazu seien die Lehrpläne viel zu unterschiedlich. Seine Kollegin Frau Korter habe Recht: Es sei eine Rückkehr in die schulpolitische Steinzeit.
Nein, sagte Ina Korter, die schulpolitische Sprecherin der Grünen, in der Steinzeit sei es doch ein wenig anders gewesen, aber die Schulpolitik sei ein Rückschritt in die Nachkriegszeit. Es habe sich herausgestellt, dass die Schullaufbahnempfehlungen der Grundschulen sich stark am Bildungsstand der Eltern orientieren. Sie kritisierte die Tatsache, dass keine neuen Gesamtschulen eingerichtet werden, obwohl zahlreiche Eltern sie wollen. An diesem Punkt zeigte Frau Korter sich als einzige aus dem Podium informiert über und interessiert an dieser Region; sie weiß um die Elterninitiative zur Errichtung einer Gesamtschule im Kreis Friesland.
Die 130 neuen Ganztagsschulen ohne eine einzige Lehrerstunde mehr bringen nichts, so Korter weiter, und die Hauptschulen (das zeige die Entwicklung der Anmeldezahlen) werden immer weniger angenommen.
Dr. Karl-Ludwig von Danwitz, der in Vertretung des schulpolitischen Sprechers der CDU auf dem Podium saß, lobte die Sprachtests und die Sprachförderung schon im Vorschulalter und erläuterte, dass die Hauptschule mehr für die Ausbildungsfähigkeit ihrer SchülerInnen tue und dass es zu diesem Zweck gut sei, die betreffenden SchülerInnen nicht wie früher 3, sondern jetzt 5 Jahre lang zusammen zu haben.
Im Publikum saß eine Lehrerin, die an der Volkshochschule in Realschulabschlusskursen unterrichtet und die zu berichten wusste, dass ihre SchülerInnen den Realschulabschluss anstreben, weil sie mit dem Hauptschulabschluss keine Ausbildungsstelle bekommen, doch davon zeigte v. Danwitz sich nicht beeindruckt. Dem häufig genannten und an diesem Abend von Wulf und Korter formulierten Einwand gegen die frühe Dreiteilung, dass bei 10-jährigen Kindern eine Prognose ihrer Entwicklung unmöglich ist, setzte v. Danwitz gleich mehrere Male entgegen: „Wir trauen den Grundschullehrern zu, dass sie gut entscheiden.“ Die Podiumsteilnehmer waren zu sehr damit beschäftigt, ihre vorbereiteten Meinungen zu vertreten, und die Gäste in der Aula des GAM waren zu höflich, um v. Danwitz an dieser Stelle „Thema verfehlt!“ zuzurufen – was soll es bringen, jemandem etwas zuzutrauen, was nun mal einfach nicht geht?
Ja, und dann ließ v. Danwitz noch eine Katze aus dem Sack: Wenn die Eltern sich weiterhin den Schullaufbahnempfehlungen widersetzen und ihre Kinder an Schulen eine Stufe höher anmelden, dann werde man eben gegen den freien Elternwillen ansteuern mit Tests für die, die sich nicht an die Empfehlungen halten.
Der Aufschrei der FDP, unter deren Druck seinerzeit der freie Elternwille ins Schulgesetz geschrieben worden war, blieb aus. Prof. Dr. Dr. Roland Zielke, der den schulpolitischen Sprecher seiner Fraktion vertrat, blieb dazu weitgehend stumm. Er sagte dazu lediglich, dass man den freien Elternwillen in dieser Legislaturperiode nicht streichen werde. Stattdessen erklärte er, dass angesichts des Schuldenbergs leider nicht alle Wünsche erfüllt werden könnten, man nun aber immerhin 2 Mio. Euro mehr für Feuerwehrlehrkräfte bereitstelle. Und man (die Opposition) solle doch endlich aufhören, über die Dreigliedrigkeit ab Klasse 5 zu jammern, das Wahlergebnis von 2002 habe doch gezeigt, dass die Menschen es so wollten.
Es war lausig kalt an diesem Abend in der Aula des GAM (so eine Veranstaltung darf wohl keine zusätzlichen Heizkosten verursachen), doch einmal wurde es fast hitzig. Dann nämlich, als die Sprache auf den landesweiten Schüler-Fitness-Test kam. Die Leiterin der Grundschule Voslapp war mit zahlreichen Eltern gekommen, die ihre starken Bedenken gegen diesen Schnellschuss (im November im Schulverwaltungsblatt veröffentlicht, im November, z.T. sogar schon im Oktober durchgeführt) äußerten.
Und die einzige wirkliche Überraschung des Abends gab es zum Schluss, als die vier Podiumsgäste die schulpolitischen Zukunftsvorstellungen ihrer Parteien nannten: Da äußerte Herr Wulf die Idee von einer einheitlichen Beschulung aller Kinder und ging damit weit über das hinaus, was SPD-Regierungen in Niedersachsen je angestrebt haben.
Der Wahlkampf hat begonnen.

Anonym?
Der landesweite Schüler-Fitness-Test, der zu einer Fitness-Landkarte führen soll, sorgt für Unruhe an Wilhelmshavener Schulen.
(noa) Am 24.10.05 titelte die „WZ“: „Schüler-Fitness-Test treibt Lehrer auf die Barrikaden“. In diesem Artikel heißt es, dass mit diesem Projekt „auf Erlass des Kultusministeriums ab November die sportliche Leistungsfähigeit der niedersächsischen Schüler, aber auch ihre Einstellung, ihr Verhalten und ihr Interesse erfasst werden soll.“
Wilhelmshavener Sportlehrer, so berichtete die „WZ“ in diesem Artikel, fänden diese Überprüfung unsinnig. Alle Mädchen und Jungen von der 1. bis zur 10. Klasse sollen die gleichen sieben Übungen durchführen. Besser wäre es, so finden die Sportpädagogen in Wilhelmshaven, es gäbe mehr Sportunterricht. Dazu gab es auch ein Geplänkel auf der StER-Veranstaltung am 21.11.: SPD-Wulf warf der CDU/FDP-Landesregierung vor, die 3. Sportstunde gestrichen zu haben, und v. Danwitz konterte, dass sie ja schon zu rotgrünen Zeiten nicht stattgefunden habe.
Das Projekt Schülerfitness wird „mit Unterstützung zahlreicher Kooperationspartner durchgeführt“ („WZ“). Ein Elternvertreter berichtete auf der StER-Veranstaltung, dass er diesbezüglich ein wenig recherchiert habe. Einer dieser Sponsoren habe sich angesichts der Art der Durchführung des Projekts schon wieder davon distanziert. Eine der Übungen, die alle Kinder durchführen müssen, sei rückenschädlich. Und worin, bitteschön, bestehe eigentlich das Interesse der Sponsoren?
Die behauptete Anonymität des Fragebogens, den die Schüler und Schülerinnen ausfüllen sollen (freiwillig), ist offensichtlich ein Witz. Sie sollen den Namen der Schule, Schulform, ihre Klasse und ihr Geburtsdatum unverschlüsselt angeben, und als ob man damit noch nicht zielsicher genug rausfinden könnte, wer wer ist, soll auch noch der Anfangsbuchstabe des Vornamens eingetragen werden.
Einem IGS-Schüler bescherte der Fitness-Test jüngst drei freie Tage: Er weigerte sich, die Rumpfbeuge zu machen (das ist die bewusste rückenschädliche Übung). Für eine Leistungsverweigerung hätte er normalerweise eine „6“ für diese Stunde bekommen, doch da er im laufenden Schuljahr keinen Sportunterricht hat und somit keine Zensur in Sport bekommen wird, wäre das kein Druckmittel gewesen. So bekam er stattdessen den dreitägigen Schulverweis.
Die meisten Schüler machen bereitwillig und eifrig mit, doch es gab bislang auch schon einige, die in sechs Minuten mal gerade 100 m gelaufen sind und damit auf ihre Art gezeigt haben, dass sie von dem ganzen Projekt nichts halten.

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