Kohlevergasung

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Jul 011982
 

Kohlevergasung – Ade!

Dr. Norbert Boese, städtischer Beauftragter für die Industrieansiedlung, wußte es vor zwei Wochen noch ganz genau. Die Initiative „Bürger gegen Kohlevergasung“, so ließ er in der WZ verlauten, manipuliere und wolle „die Burger für dumm verkaufen“. Nun hat er es sozusagen amtlich aus dem Mund der Niedersächsischen Wirtschaftsministerin Breuel, daß das Intermezzo Shell nun vorbei ist, ehe es richtig begann.

Industrie WilhelmshavenDas Geschäft mit der Kohle läuft also nicht. Originalton Shell: „Bei nüchterner Abwägung …. erscheint es auf Jahre nicht realistisch, daß Kohlegas und Folgeprodukte wirtschaftlich produziert und vermarktet werden können.“ (WZ vom 3.6.) Neben der Umweltproblematik war dies der Haupteinwand, den die Initiative gegen die Kohlevergasung vorgebracht hat. Außer persönlicher Diffamierungen gegen die Sprecher der Initiative sah sich in der Verwaltung niemand bereit, diese Vorbehalte ernsthaft zu erörtern. Beispielsweise wie man es verantworten will, wenn wertvolle Grodenflächen („Filetstücke“ – Breuel) für eine zweifelhafte Unternehmung reserviert und auf Jahre hin für eine sinnvolle Nutzung blockiert werden.
Dennoch: Schadenfreude ist hier fehl am Platz – Genugtuung allenfalls über ein gerade noch rechtzeitiges Ende einer verhängnisvollen Konzeption. Die Lage der Stadt ist alles andere als rosig. Man muß auch der Verwaltung zugestehen, daß ihr ernsthaftes Bemühen, Arbeitsplätze zu schaffen, das Stadtsäckel zu füllen und Strukturprobleme abzubauen, die Prüfung jeder sich bietenden Gelegenheit einer Neuansiedlung einschließen muß. Es zeigt sich aber immer deutlicher, daß die ursprüngliche Konzeption Wilhelmshavener Ansiedlungspolitik einer grundlegenden Korrektur bedarf – Die Prämissen der 70er Jahre sind heute nicht mehr gültig. Die Erwartungen der Küstenregion, ihre Strukturprobleme durch die Monostruktur neuer chemischer Großtechnologie zu lösen, hat sich als Sackgasse erwiesen. Die Stadt Stade ist ein Beleg dafür: die dortige massive Ansiedlungspolitik brachte zwar Steuergelder in die Stadtkasse, womit die Altstadt renoviert werden konnte. Hinter der Fassade verbirgt sich jedoch eine Arbeitslosigkeit von nach wie vor 11% und eine kaputte Umwelt dazu.
Auch in Wilhelmshaven schlägt die Monostruktur der Chemieindustrie voll durch. Der PVC-Markt liegt am Boden (vgl . Spiegel v. 7.6.), und ICI ist immer noch nicht in Produktion gegangen – wenn überhaupt. Der Ölumschlag bei Mobil und NWO ist geschrumpft. Folge: Steuererwartungen der Stadt erfüllen sich nicht. Der Haushalt lässt ein Loch von 14 Mio DM; Kürzungen in allen Bereichen.
Das Ende der Wachstumseuphorie zeigt auch das Ende bisheriger Strukturpolitik, die längst nationale Grenzen gesprengt hat. Heutzutage kann eine Region Strukturverbesserungen nur noch auf Kosten anderer Regionen betreiben. Arbeitsplätze, die unter diesen Gesichtspunkten hier geschaffen werden, rationalisieren die internationalen Konzerne woanders weg. Nur bereit, dort zu investieren, wo sie ihre Profiterwartungen mit massiven Steuergeschenken und Subventionen – auf Kosten der Allgemeinheit realisieren können. Die strukturschwachen Gebiete in Europa sind in einen Konkurrenzkampf gegeneinander getreten, in ihren Vorleistungen sich überbietend. Die gescheiterte Kohlevergasung ist nur ein Indiz in dieser Kette. (fu)


Nachtrag zur Kohlevergasung
In Oberhausen wird die „Synthesegasanlage Ruhr GMBH“ 1986 eine Kohlevergasungsanlage in Betrieb nehmen. Die Gesellschaft wurde zu diesem Zweck aus der „Ruhrkohle Öl und Gas AG“ und der „Ruhrchemie AG“ gegründet. Neben Synthesegas soll Wasserstoff und Dampf für die Energieversorgung der Ruhrchemie erzeugt werden. Die Hälfte der Investitionskosten soll aus dem Kohleveredelungsprogramm der Bundesregierung kommen, darüberhinaus wird mit einer jährlichen Beihilfe für die Nutzung Deutscher Steinkohle in Höhe von 15 Millionen DM gerechnet. Bei so viel Hilfe mit Steuergeldern wird auch ein unrentables Verfahren wie Kohlevergasung genügend Gewinn erhoffen lassen.  oe-

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