Landesbühne 1

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Apr 232008
 

Arglos, sprachlos, rechtlos

„Landnahme“: Theater um Demokratie in Höchstform

(iz) In der letzten Ausgabe luden wir mit einer Vorbesprechung ein zum Besuch eines ganz besonderen Theaterstücks. Inzwischen ist „Landnahme“ schon nicht mehr auf dem Spielplan, aber zu gewichtig, als dass die Nachbesprechung entfallen könnte.


Nochmals kurz zum Inhalt: Ein einfaches, aber glückliches Bauernpaar wird unversehens damit konfrontiert, dass fremde Soldaten Haus und Hof in Beschlag nehmen. Ihr Anführer (noch beinahe zu nett: Oliver Schönfeld) gibt sich als diplomatischer Zivilist, der im Auftrag einer anonymen Regierung handelt. Mit subtiler Rhetorik erstickt er jeden Widerspruch im Keim. Während ihr ländliches Paradies, angeblich zu ihrem Besten, in eine „blühende“ Industrielandschaft verwandelt wird, erkennen die unterjochten Bauern, dass friedlicher Widerstand sie nicht befreien kann. In einer Spirale aus Gewalt und Gegengewalt treiben sich beide Parteien mit ungleichen Kräften dem Untergang zu …
Die Inszenierung (Regie: Christof Meckel, Dramaturgie: Hauke Bartel) orientierte sich auch formal eng an der Vorlage, nahm sich aber dennoch Raum für eigene Symbolik. So besteht das Haus nur aus einem Grundriss, Wände allein angedeutet durch liegende Balken, die später von den Soldaten demontiert und zu einem Gefängnis für die ehemaligen Hausbesitzer zusammengeschoben werden. Türen fehlen ganz, haben sie doch keine Bedeutung. Spielerisch erwiesen sich allerdings gerade die fehlenden Strukturen als Barriere: Das ständige Öffnen nichtexistenter Türen, das Umgehen luftiger Wände überforderte die Konzentration der Darsteller – eine Pantomime ohne 100%ige Perfektion kann nur linkisch wirken.
Das Einstreuen gesprochener Regieanweisungen zur Zeit- und Ortsbestimmung war nicht störend, aber überflüssig, weil der eindrucksvoll kompakte Stoff in sich einen klaren Ablauf birgt. Schön eingesetzt hingegen die Musik: Eingangs fast esoterische Klänge, dann zunehmend überlagert von einem kalten Rhythmus, der schließlich schmerzhaft allein im Raum steht.
Was bleibt zurück? Zunächst der verstörende Eindruck einer gerade halb ausverkauften Premiere; bei einem zweiten Besuch war nur noch ein Drittel der Plätze besetzt. Die Ursachen sind naheliegend: „Ein gänzlich unbekannter Autor, ein Titel, der auf einen abstrakten, ‚politischen’ Abend hinweist, ein Inhalt, der zwar Spannung, aber gleichzeitig Reflexionsbedarf und ‚Ungemütlichkeit’ vermittelt,“ Hauke Bartels Analyse deckt sich mit unserer Einschätzung. Die Kritik in der WZ war auch nicht sonderlich ermutigend, die im Wochenblatt hingegen zwar wohlwollend, aber „Harry Newmans Schauspiel hinterlässt in Wilhelmshaven ein bedrücktes Publikum“ lässt – richtigerweise – Freunde des Amüsements zu Hause bleiben.
Wichtig sind aber doch die, die da waren, mit denen wir nach der Aufführung diskutierten. Höchst eindrucksvoll, welche Assoziationen das Stück weckte. Denn bewusst meint und erzählt Autor Harry Newman nicht eine konkrete Besatzungssituation, sondern entwirft ein Modell, das sich mit seinen multikulturellen Protagonisten räumlich und zeitlich – leider auch aktuell und zukünftig– beliebig übertragen lässt. Der Anführer heißt David – vielleicht [Da:wied] aus Israel, der im Palästinensergebiet einmarschiert, vielleicht aber auch [Deiwied] aus den USA, der die Iraker befreit, um sich ihr Öl zu sichern. Möglicherweise heißt er auch Adolf und befreit halb Europa von den Juden. Für andere Zuschauer heißt er Hans-Dietrich und befreit die DDR, damit Lidl auch dort mittels Dumpinglöhnen expandieren kann. Ein Ehepaar verteilte vor dem Theater Flugblätter – ihre Assoziation: Die Enteignung von Eigentum durch Banken während der Nazizeit – auf Grund eines Gesetzes, das bis heute Gültigkeit besitzt und noch Anwendung findet, indem es Banken zur direkten Vollstreckung ohne vorherigen Rechtsakt ermächtigt.
David verkörpert für mich Monsanto, die mit gentechnisch veränderten Organismen derzeit die ganze Welt erobern, der größte nichtmilitärische Feldzug aller Zeiten – ganz „legal“ durch politische Beziehungen. Der Bauer (im Stück Clarence) heißt hier José, dessen naturnah angebaute Maiskulturen in Mexiko gezielt durch Genmais für immer verdorben werden werden. Oder Rajid aus Indien, der durch einen Knebelvertrag nur noch Monsanto-Baumwollsaat kaufen darf – und sich umbringt nach einem totalen Ernteausfall durch einen Schädling, der seinen eigenen Pflanzen nichts anhaben konnte. Hunderte Rajids begehen mittlerweile Selbstmord aus dem gleichen Grund.
Nicht zuletzt denken Zuschauer aus Wilhelmshaven und Umgebung bei LANDNAHME an ganz aktuelle lokale Ereignisse – auch Kollege Ernst Richter vom Jeverschen Wochenblatt: „LANDNAHME könnte auch in unmittelbarer Nachbarschaft erfolgen … Das Publikum fühlt und fürchtet mit den beiden, ließe sich doch die Parabel der Landnahme auch auf heimische Regionen mit Industrie- und Hafenbau übertragen.“
„Selbst sehen. Selbst denken. Selbst mitreden.“ ist eine Werbebotschaft der Landesbühne. Mehr muss nicht dazu gesagt werden, wie wichtig und richtig die „Landnahme“ im Spielplan war. „Es wäre eine falsche Schlussfolgerung, Theater müsse sich entscheiden zwischen Kunst und Kommerz, zwischen Bildungsauftrag und Unterhaltung, zwischen verstören und berieseln“, sagt Hauke Bartel. „Es ist also eine absolut bewusste Entscheidung, sich diesen „Luxus“ zu gönnen – und das ganz sicher auch weiterhin! –, Stücke auf den Spielplan zu setzen, bei denen man völlig unabhängig von der objektiven Qualität des Abends nicht mit einem vollen Haus rechnen kann“. Der Mix macht’s: Letztlich haben wir es Kassenschlagern wie „Manche mögen’s heiß“ zu verdanken, dass die Landesbühne sich diesen Luxus weiterhin leisten kann und wird. Das ist sehr ermutigend, und in diesem Sinne freuen wir uns auf „Andorra“ als krönenden Abschluss des Zyklus „Theater um Demokratie“.

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