Landesbühne

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Dez 172008
 

Moral oder Macht

Landesbühne arbeitet die „68er“ auf

(iz) Mit dem Auftragswerk „Albertz“ knüpft die Landesbühne nahtlos rückwärts an „Die fetten Jahre sind vorbei“ an (GEGENWIND 240). Dort glänzte Thomas Hary als mittlerweile verspießerter Alt-68er, hier verkörpert er den Polit-Pastor, der auf dem Marsch durch die Institutionen der Sozialdemokratie gleich mehrfach die Pirouette zwischen Saulus und Paulus dreht.


Es war einmal ein Moralist, der wollte die Politik verändern. Doch als er dort ankam, wo er sie hätte verändern können, hatte ihn die Politik so verändert, dass er vergessen hatte, wofür er einst angetreten war. Auf dem Weg zur Macht kam ihm die Moral abhanden. Dramaturg Marc-Oliver Krampe bescheinigt „Albertz“ eine hohe Aktualität, bezogen auf die heutige SPD. Jede Ähnlichkeit mit noch lebenden Oberbürgermeistern wäre natürlich rein zufällig, aber grundsätzlich hat Krampe leider Recht.
„Einen Einblick in die Funktionsweise von Politik“ soll das Stück geben, die Biografie des Heinrich Albertz dafür nur Modell stehen. Laut Krampe sollte Autorin Tine Rahel Völker kein historisches Abbild liefern, sondern eine „Inspiration für die künstlerische Auseinandersetzung“. Regisseur Christian Hockenbrinck wollte „brechtisch“ arbeiten, verfremden, assoziativ statt realistisch erzählen. Ein „Feuerwerk der Verspieltheit“ sollte es werden mit „Bildern großer Leichtigkeit“, „ein Kinderspiel von Erwachsenen und deshalb ernst zu nehmen“.
Mit derlei Erwartungen ausgestattet, hätte das Ergebnis enttäuschend sein können. Völker, 29 Jahre jung, hat mit Fleiß Albertz‘ Aufstieg und Fall zwischen 1963 und 1967 recherchiert und zu einem recht textlastigen Stück verarbeitet. Die plakativen Bilder bleiben Kulisse. Politik wird bekanntlich am Stammtisch gemacht, also setzte Ausstatterin Julia Plickat die komplette Handlung in eine Kneipe. Während die Genoss/innen sich beim Bier mit Strategien und Parteiklüngel beschäftigen, sitzt Albertz zumeist deutlich isoliert am Schreibtisch, sinniert, redigiert. Wie wenig er ansprechbar ist, pointiert Oliver Schönfeld (als SPD-Landesvorsitzender Kurt Mattick) etwas überzogen, aber gekonnt in einer komischen Szene. Mit den verrücktesten Gesten und Geräuschen versucht er Albertz‘ Gehör zu gewinnen, wird von jetzt auf gleich knallrot im Gesicht wie eine Comicfigur und droht schon zu platzen, als der kopflastige Aufsteiger ihn endlich wahrnimmt.
Pfiffig besetzt ist, in der Rolle der Studentenführerin, Sara Spennemann, die bereits in „Die fetten Jahre sind vorbei“ Thomas Harys Gegenspielerin mimte. Hary selbst gelingt es stets, den Hary soweit zurückzunehmen, dass nur die Rollenfigur sichtbar ist, er ist so eindringlich unaufdringlich wie sonst niemand im Ensemble.

Von der Macht ergriffen

Kaum hat Albertz die Spitze der Macht erreicht, da hat sie ihn ergriffen. Spätestens mit Ausbruch der Studentenunruhen tut er, was er meint, dass es andere von ihm erwarten: Der ehemals liberale Pastor, dessen größtes Anliegen die Entspannung der Außenpolitik war, mutiert innenpolitisch zum Hardliner, fordert härtestes Durchgreifen und lässt dadurch die Stimmung so eskalieren, bis am 2. Juni 1967 der Student Benno Ohnesorg durch eine Polizeikugel getötet wird. Dieser Teil der Geschichte wird als Monolog abgearbeitet, in dem Hary / Albertz dem Wahnsinn ins Gesicht lacht. Drei Monate später übernimmt Albertz die Verantwortung und tritt zurück.
Wenn gleich das Publikum sich nach dieser Uraufführung begeistert zeigte, blieb manche Erwartung unbefriedigt: Für das angekündigte brechtische Lehrstück stand die realistisch-biografische Erzählung zu sehr im Vordergrund; für eine Biografie, die den Wandel des politischen Menschen Albertz aufarbeitet, war der Ausschnitt zu klein gewählt. So fehlte die Vorgeschichte im Dritten Reich, als Albertz mehrfach von den Nazis verhaftet wurde, sich aber durch Beitritt zur Wehrmacht (Vorläufer späterer Kompromisse) Schlimmerem entzog. Und es fehlte seine spätere Rückverwandlung bis hin zu den 80er Jahren, als er sich an die Spitze der Friedensbewegung stellte und selbst auf der Straße protestierte, bis zur Sitzblockade vorm US-Raketendepot in Mutlangen.

Ein gutes, wichtiges Stück

Streichen wir die von der Landesbühne vorangestellten Erwartungen und Interpretationen weg, so haben wir ein gutes und wichtiges Stück gesehen. Mit diesem Auftragswerk wurde die Lücke geschlossen, exemplarisch die Zeit der 68er aufzuarbeiten, ohne auf den bewaffneten Kampf der RAF abzuheben. Nur am Ende des Stückes tauchen ganz kurz Meinhof und Ensslin auf, um den Übergang zu markieren. In Verbindung mit „Die fetten Jahre sind vorbei“ hat unser Theater bewiesen, dass es immer am Puls der Zeit ist – mit Stücken, die auch nach dem letzten Vorhang beim Publikum etwas in Bewegung bringen können und Schulen, Gruppen und politisch Interessierten Steilvorlagen zur weiteren Auseinandersetzung liefern.
Die bezeichnendste Rückmeldung gab uns ein hiesiger SPD-Funktionär auf unsere Frage, ob er sich und seine Partei im Stück wiedererkannt hätte: „Hundertprozentig!“
Weitere Termine im Stadttheater Wilhelmshaven: Sa., 31.01.2009 , 20.00 Uhr

Albertz

Nicht nur äußerlich schafft es Thomas Hary (rechts), sich seiner Rollenfigur Heinrich Albertz anzunähern. (Fotos: Landesbühne)

 

 

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