Behinderungen

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Dez 172008
 

Spaß behindert

Evers-Meyer fordert eine Kultur der Antidiskriminierung

(hk) Wie kommt ein schwerbehinderter Mensch ins Schwimmbecken? Mit dieser Frage sah sich Frau A. konfrontiert, als sie mit ihrem 21-Jährigen Sohn im Nautimo schwimmen gehen wollte.


Florian A. ist körperlich und geistig behindert und in allen Phasen seines Seins auf Hilfe angewiesen. Frau Hannelore A. hat in ihrem Leben schon viel erleben müssen, wenn es um die Versorgung ihres Sohnes ging. Sie schilderte uns einen dieser Fälle in der Hoffnung, dass sich im Nautimo etwas zum Besseren ändert.
Hannelore A. zum Gegenwind: „Auch Menschen mit Behinderungen können lieben, können hassen und wollen Spaß haben, und das Nautimo ist ein Spaßbad, damit machen die doch Werbung.“
Doch so richtig spaßig war es dort dann nicht. Schon das An- und Ausziehen war nicht möglich, weil es keine entsprechende Liege gab. Der Weg vom Umkleideraum zum Wasser stellte die nächste Hürde dar: es gab keinen Badewannen-Rollstuhl. Diese Rollstühle werden übrigens, wie Frau A. berichtete, hier in Wilhelmshaven bei der GPS hergestellt.
Doch selbst wenn Florian den Weg bis zum Beckenrand geschafft hätte, käme die nächste Barriere: Wie soll er ins Wasser kommen? Einen mobilen Lifter sucht man im Nautimo vergebens. Mit einem solchen Lifter (es gibt da auch andere Möglichkeiten wie z.B. einen Deckenlifter, Pool-Butler…) wäre es möglich, dass Florian ins Wasser gelassen wird.Bad
Wie wichtig es gerade für behinderte Menschen ist, dass sie in die Lage versetzt werden, ihre Muskeln zu trainieren, liegt auf der Hand. Und gerade da spielen die Eigenschaften des Wassers eine große Rolle.
Die Anschaffung der benötigten Geräte ist natürlich für ein gewinnorientiert geführtes Bad nicht eben so zu bewerkstelligen – wir alle wissen, wie die Preise gerade im Reha- und Sanitärbereich aussehen. Aber es müssen Wege gefunden werden, damit Behinderte ins Schwimmbad gehen können, denn Florian ist ja kein Einzelfall in Wilhelmshaven.
Auf die Frage des Gegenwind, wie es denn angehen könne, dass ein Bad wie das Nautimo nicht auf die Bedürfnisse Behinderter ausgelegt ist, meinte Frau A., dass es wohl auch damit zu tun hat, dass Menschen mit Behinderungen doch lieber versteckt werden. „Da gibt es noch viele Barrieren in den Köpfen der Menschen.“
In der Bundesrepublik leben 8 Millionen schwerbehinderte Menschen. Die SPD-Bundestagsabgeordnete Karin Evers-Meyer ist Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen. Im September erklärte sie anlässlich des Abschlusses der Verhandlungen zur UN-Behindertenrechtskonvention: „Nicht mehr die Fürsorge allein steht im Vordergrund, sondern das Recht behinderter Menschen auf Teilhabe und ein selbstbestimmtes Leben in der Gemeinschaft.“ Weiter sagte sie: „Wir sollten mit der Ratifikation dieser Konvention den Mut aufbringen, auch in Deutschland eine Kultur der Antidiskriminierung zu entwickeln.“

 

Die Konvention verbietet jede Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen. Sie gibt diesen Menschen verschiedene Rechte (Auswahl):

  • Das Recht, ihr Leben selbst zu bestimmen und unabhängig zu leben.
  • Das Recht, eine eigene Familie zu gründen und Kinder zu haben.
  • Das Recht, eine für sie gute Beschäftigung zu haben.
  • Das Recht auf sozialen Schutz. Das bedeutet, genug Geld zu bekommen, um zu leben.
  • Das Recht, auf alle Schulen gehen zu dürfen. Die Menschen müssen eine gute Bildung bekommen.
  • Das Recht, Unterricht in einer Sprache zu haben, die sie am besten verstehen.
  • Das Recht, vor Gewalt, Ausbeutung und Missbrauch geschützt zu werden.

Frau Hannelore A. wäre schon geholfen, wenn sie nicht immer als Bittstellerin auftreten müsste. Es ist unwürdig, immer zu betteln und zu bitten, damit einem die Rechte gewährt werden, die selbstverständlich sind.

Vielleicht schafft ja die Diskussion um die UN-Behindertenrechtskonvention ein wenig mehr Barrierefreiheit im Nautimo und in den Köpfen der Menschen.

 

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