Kleinkunstfestival

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Dez 172008
 

Ein konservativer Sozialist

Werner Schneyder gastierte im Pumpwerk

“Ich weiß, Sie werden jetzt sagen, das Kabarett ist tot. Aber das war es ja immer schon. Zum ersten Mal 1901, von da an immer wieder in regelmäßigen Abständen”. Totgesagte leben länger. Vor 12 Jahren gab Werner Schneyder seinen Abschied, doch die Politik zwang ihn zurück auf die Bühne. Die sogenannten guten Zeiten für das Kabarett sind nach seiner Meinung eher schlecht, “weil jeder Idiot einen Witz darüber machen kann.” Die beste Zeit für den Kabarettisten sei eher die, wo man meint, es ist alles gut.


Jetzt werden Kabarettisten wie Schneyder wieder gebraucht. “Konservativ” heißt sein aktuelles Programm, und genau da liegt seine Stärke. In Form und Inhalt: Der Maßanzug, die Chansons (mit Pianist Christoph Pauli).
Nicht die Schenkelklopfer, nicht die maßlose Übertreibung sind sein Metier. Nicht der Rundumschlag, sondern deutsche Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, Demokratie, Sozialstaat, innerdeutscher Ost-West-Konflikt, die “Militärökonomie”. Fakten, die wir alle kennen, aber nicht wie er in feine Wortspiele fassen und so miteinander in Verbindung bringen können, dass sich die Lügen der Herrschenden selbst entlarven. “Wir brauchen keine Lobbyisten, die Regierung genügt.” Das hielt er auch eine Stunde lang wunderbar durch. “Politiker sehen auf ihr Land gerne ernste Aufgaben zukommen. So übersehen sie die, die schon lange da sind”.
Nach der Pause versuchte Schneyder allerdings etwas gehetzt noch weitere Themen zu beackern, die sicher ihren Platz im politischen Kabarett haben – Medien, Religion, Sport, Geschlechterkampf … Das geriet zwangsläufig etwas oberflächlich, entglitt vereinzelt der politischen Correctness und schlidderte manchmal knapp am Niveau der Comedians vorbei, die er im gleichen Atemzug durch den Kakao zog. Er wollte zeigen, was er alles drauf hat. Mit Sport kennt er sich aus, und auch sein etwas gedehnter, aber gelungener Seitenhieb auf Theater- und Festspielbetrieb lebte vom Insiderwissen. Er hätte einfach mehr Zeit gebraucht, doch leider ist er nicht jeden Sonntag Abend im Pumpwerk. Denn trotz der qualitativen Ausrutscher und einiger Textschwächen (darf er haben mit fast 72 Jahren) war es ein wohltuender Abend. Schneyder ist sich treu geblieben. Er steht noch da, sagt er, wo er damals stand, links von der Mitte, er hat sich nicht bewegt, aber die, die einstmals links von ihm standen, stehen nun auf der anderen Seite. Er ist ein konservativer Sozialist. Er entlarvte die Wachstumsideologie als großes Hütchenspiel, das die Wiedereinführung der Sklaverei zur Folge hat. Und Hartz IV ist für ihn nichts anderes als ein “Freizeitgestaltungs-Honorar.” “Es gibt kein Recht auf Arbeit, es gibt nur ein Recht auf Leben mit angemessener Gage.”
Und es gibt ein Recht auf Werner Schneyder im Pumpwerk.

Imke Zwoch

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