Pumpwerk setzt Fragezeichen

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Apr 211992
 

Hat sich das Pumpwerk nach dem Umbau verändert? Gegenwind-Gespräch mit dem Pumpwerk-Team über Inhalte, Aufgaben und Ziele ihrer Arbeit

(hk/iz) Seit knapp einem Jahr haben wir es wieder: Unser Pumpwerk. Doch ist das, was da nach 1jähriger Umbauzeit im Mai 1991 wiedereröffnet wurde, wirklich noch „unser“ Pumpwerk? Der GEGENWIND führte ein Gespräch mit Stefan Leimbrinck und Jürgen Mangels vom Pumpwerk-Team.

Gegenwind: Ein Jahr ist es nun alt, das neue Pumpwerk. Ist es noch das alte Pumpwerk?
Stefan: Baulich ist es ein neues Pumpwerk, inhaltlich hat sich gravierend nichts geändert. Die Inhalte, die Schwerpunkte die wir hatten, sind punktuell modifiziert worden. Wir legen jetzt noch mehr Wert darauf, z.B. im Veranstaltungsbereich wirklich gute Sachen hierher zu holen.
Gegenwind: Was heißt „gute Sachen“?
Stefan: Gute Sachen – das heißt, daß wir in programmatischer Hinsicht sehr auf Qualität achten – Sachen die sonst in dieser Region nicht zu sehen oder zu hören sind nach Wilhelmshaven zu holen.
Jürgen: Das heißt konkret, daß wir jetzt in der Lage sind, Sachen zu machen, die wir im alten Pumpwerk nicht hätten machen können, die aufgrund der Größe der neuen Halle finanzierbar sind. „Fischer Z“ hätten wir im alten Pumpwerk nie machen können. Wir holen damit neue Publikumsschichten hierher, Leute, die z.T. noch nie hier waren.

Gegenwind: Ist es Pumpwerk-Programm geworden, daß Veranstaltungen „sich rechnen“ müssen, daß also die Gruppen so ausgesucht werden, daß ein volles Haus garantiert ist? Oder gibt es noch die speziellen Künstler, die zwar gut sind, wo ihr aber wißt, daß das ein Zusatzgeschäft wird?
Jürgen: Wir haben ganz klar gesagt, dass sich nicht alle Veranstaltungen rechnen müssen – wir müssen schon mal einige Tausend dazuschießen.
Stefan: Fakt ist, daß sich in der Phase zwischen Schließung und Wiedereröffnung im Bereich der Gagen und Nebenkosten eine Menge getan hat. Die Teuerung, die wir im privaten Bereich spüren, die spüren wir auch im kulturellen Bereich.

Gegenwind: Habt ihr nach dem Umbau mal eine Untersuchung gemacht, ob und wie sich das Publikum verändert hat? Kommen die alten Pumpwerkfreaks noch, welche neuen Schichten tauchen hier auf usw?
Stefan: Nein, eine solche Untersuchung haben wir noch nicht durchgeführt. Das können wir im Moment auch personell nicht leisten. Was wir erkannt haben ist, daß wir in stärkerem Maße wieder auf die Jugendlichen zugehen müssen, da fehlt uns eine ganze Generation – die 14 bis 18jährigen. Es gibt Gruppen, die nicht mehr kommen, z.B. die Autonomen. Im Grunde kommen immer mehr „normale“ Leute. Das ist das Erstaunliche.
Jürgen: Wir sind mit Sicherheit nicht mehr der „soziale“ Treff, auch wenn wir es bei vielen Leuten im Kopf noch sind.
Stefan: In den Gestaltungsfreiräumen der Jugendlichen hat sich eine ganze Menge verändert – das, was wir vor 10 oder 15 Jahren gemacht haben, das kannst du doch heute in der Pfeife rauchen. Wir müssen neue Wege gehen. Dafür haben wir hier einmalige Möglichkeiten: Pumpwerk, Musikerinitiative und nach den Sommerferien noch die Jugendkunstschule liegen direkt nebeneinander. Dadurch kann eine Menge in Kooperation gemacht werden. Viele Sachen, die wir im alten Pumpwerk unter beschissenen räumlichen Bedingungen gemacht haben, die können dann gemeinsam angegangen werden.

Gegenwind: Kommen seit der Wiedereröffnung mehr Leute ins Pumpwerk?
Jürgen: Wir haben da eine deutliche Steigerung.
Stefan: Wir haben durch den Umbau an Attraktivität gewonnen: Das Metropol, der Kinderspielplatz, die kontinuierliche Kinderarbeit beim Frühschoppen – das hat alles eine ganz andere Qualität bekommen. Die Leute fühlen sich einfach wohl bei uns.
Jürgen: Zum Beispiel bei der Lesung von Drewermann, da waren Leute, die ich noch nie hier gesehen hatte.
Gegenwind: …ihr habt ja auch nicht sehr oft katholische Priester im Programm.
Werden durch euer jetziges Programm nicht andere Gruppen ausgegrenzt? Das Pumpwerk-Programm bietet für Randgruppen nichts!
Jürgen: Wenn jemand zu uns kommt und sagt, daß er hier eine Veranstaltung machen will – das ist kein Thema. Es kann nicht alles von uns ausgehen. Wie sollen wir vom Pumpwerk-Team bspw. eine Veranstaltung zur Drogenproblematik machen? Das kann doch nur jemand organisieren und durchführen, der in der Thematik drinsteckt.
Stefan: Das gilt nicht nur für soziale, sondern genauso für politische Themen. Wir blocken nichts ab – im Gegenteil: Wir unterstützen das mit unserer Erfahrung, unserem Knowhow usw. Aber politische Veranstaltungen die laufen im Moment nicht – die ganzen Initiativgruppen von früher, die gibt es doch nicht mehr.

Gegenwind: Treffen sich hier im Pumpwerk überhaupt noch politisch arbeitende Gruppen?
Jürgen: Nein, da gibt es nichts mehr.
Stefan: Wie viele Gruppen gab es früher – die existieren aber nicht mehr. Die Aktiven von früher haben sich ausgeklinkt; man macht noch sporadisch zu aktuellen Themen etwas, aber die Luft ist da raus.

Gegenwind: In unserem letzten Gespräch (GW 98 v. Feb.91) sagtet ihr, dass das Metropol ein Anlaufpunkt für solche Initiativen sein könnte. Haben sich eure Erwartungen bezüglich des Metropols erfüllt?
Stefan: Die Friedensbewegung hat sich ja noch ab und zu dort getroffen.
Gegenwind: .. . aber dann gesagt, dass es dort nicht geht!
Stefan: Wir haben ja angeboten, daß man sich in den Räumen des mazedonischen Vereins treffen kann. Die Räume sind ja da, nur das Interesse ist einfach nicht da.

Gegenwind: Im “ infoladen “ in der Rheinstraße treffen sich aber doch eine ganze Reihe von Gruppen.
Jürgen: Es gibt da ja auch grundsätzliche Probleme. Wenn ich an die Vorbereitungssitzung gegen das Nazitreffen denke, wenn Gruppen von vorneherein Gewalt nicht ausschließen, dann debattiere ich da nicht weiter drüber.

Gegenwind: Uns ist aufgefallen, dass das Pumpwerk seit der Neueröffnung nicht mehr Kultur- und Kommunikationszentrum, sondern nur noch Kulturzentrum heißt. Ist die Weglassung des Wortes Kommunikation Programm?
Stefan: Das hat etwas mit dem Verständnis von Kultur zu tun. Kultur so wie wir sie verstehen, beinhaltet Kommunikation, und die wird bei uns immer noch groß geschrieben.

Gegenwind: Das Pumpwerk ist vor einigen Jahren einmal angetreten, mit dem Windfest deutliche Zeichen gegen den Militarismus- und WumTaTa-Rummel des Wochenendes an der Jade zu setzen. Inzwischen ist das Windfest fester Bestandteil des Wochenendes an der Jade geworden. Habt ihr euch da vereinnahmen lassen?
Jürgen: Wir wollen auch in diesem Jahr wieder weg vom üblichen Rummel des Wochenendes an der Jade – Wir werden u.a. wieder einen Jahrmarkt der Phantasie machen. Hier laufen Aktionen, die das Publikum einbeziehen und es zum Mitmachenauffordern.
Stefan: Ihr fragt, ob wir vereinnahmt wurden. Wir waren schon immer eine Abteilung der Freizeit GmbH, einer l00%igen Tochter der Stadt. Wir haben aber immer die Freiräume gehabt, so zu arbeiten, wie wir arbeiten. Da hat sich nichts verändert. Das Wochenende an der Jade hat sich qualitativ verändert. Die Planung des Wochenendes liegt bei Helmut Bär, der ja auch dem Pumpwerk-Team angehört. Der große Rummel wird natürlich dabei sein – das ganze Wochenende bekommt allerdings einen stärkeren kulturellen Touch. Es wird deutlich Helmut Bärs Handschrift tragen.

Gegenwind: Also wird das Wochenende an der Jade ein großes Windfest?
Stefan: Nein – bestimmt nicht, aber es wird anders sein als sonst.
Jürgen: Wir wollen die Besucher nicht vom Wochenende an der Jade wegziehen, wir wollen Teil dieses Wochenendes sein.

Gegenwind: Die Landesbühne bringt provozierende Stücke, Stücke, die noch Wochen später kontrovers diskutiert werden. Das Pumpwerk bringt „Was Ihr wollt“ und „Wie es Euch gefällt“. Ist es nicht peinlich, daß das etablierte Theater am Platz für mehr Aufregung sorgt als das Pumpwerk?
Stefan: Das, was bei der Landesbühne kritisiert wird, wird hier als normal empfunden.
Gegenwind: Ihr bringt also auch provozierende Kunst – nur die WZ-Kritikerin Frau Schwarz stört das nicht und sie fordert nicht den Kopf von Helmut Bär?
Stefan: Im Bewußtsein der Bevölkerung ist drin, daß hier auch Sachen laufen, die nicht dem allgemeinen Geschmack entsprechen. Damit lebt diese Stadt seit 16 Jahren. Von uns erwartet man Sachen, die in anderen Häusern zum Skandal werden.
Jürgen: Seit der Wiedereröffnung hatten wir noch keinen richtigen Verriß in der Presse. Es macht einen schon stutzig, wenn man nur noch positive Reaktionen in der Presse liest.

Gegenwind: Das was hier abläuft, läuft auch in den etablierten Häusern in Hannover, in Frankfurt, Bremen oder Hamburg. Gibt es eigentlich im kulturellen Bereich nichts Neues mehr?
Stefan: Im Grunde machen wir alles hier. Aber es gibt Dinge, die finden im klingklang, in der Perspektive oder sonst wo statt. Früher waren wir der einzige Laden in Wilhelmshaven, der den Bereich Kultur beackert hat. Heute ist das anders.
Jürgen: Für mich ist es genauso spannend, einen Hüsch auf die Bühne zu kriegen, wie einen völlig unbekannten Künstler.

Gegenwind: Entscheidet ihr noch immer selbst, was hier im Pumpwerk an Programm abläuft? Oder ist das Pumpwerk fester Bestandteil der Tournee-Agenturen? Wenn die Agenturen sagen, am 15. Mai kribbelt Pe Werner im Pumpwerk, dann kribbelt’s auch?
Stefan: Nein! Wir bestimmen das Programm. Im Pumpwerk hat sich eines verändert – wir arbeiten stärker projektbezogen.
Gegenwind: Du meinst „Dem Haß keine Chance“?
Jürgen: Unter diesem Motto gibt es das ganze Jahr über Veranstaltungen.

gw107_pumpwerkGegenwind: Der Veranstaltungskalender „Dem Haß keine Chance“ zählt doch nur die Aktivitäten auf, die sowieso übers Jahr im Pumpwerk laufen: Griechisches Fest, spanisches Fest, internationales Fest, kurdischer Abend und ein oder zwei inhaltliche Veranstaltungen, diesmal nur unter dem Logo der schwarzen und der weißen Hand.
Jürgen: In dem Veranstaltungskalender steckt schon mehr an inhaltlichen Veranstaltungen und Aktionen, aber diese Feste der ausländischen Vereine gehören natürlich auch zum Thema „Dem Haß keine Chance“. Mit politischen Veranstaltungen ist es doch so: Die Nachfrage und das Interesse steigt bei den Leuten in dem Moment, wo etwas aktuelles anliegt. Denkt nur an die Aktionen während des Golfkrieges! Was heute den Rechtsradikalismus angeht, da ist diese gespannte Stimmung noch nicht so da. Ich krieg Herzklabaster wenn ich nur darüber nachdenke – andere sehen das noch nicht so.

Gegenwind: Zum aktuell anstehenden Nazitreffen: Du hast es abgelehnt, das Pumpwerktelefon zur Koordination der Aktionen gegen dieses Treffen zur Verfügung zu stellen. Wie paßt das ins Selbstverständnis des Pumpwerks?
Jürgen: Wir können nicht die Koordinationsstelle für eine Demo oder Kundgebung sein. Selbstverständlich können wir bei solchen Sachen mitmachen, aber wir haben das Problem unseres Arbeitsvertrages. Wir müssen versuchen, loyal gegenüber unserem Arbeitgeber zu sein. Natürlich haben wir alle unsere politische Einstellung, aber wir dürfen den Leuten nicht immer öffentlich zeigen, wo wir eigentlich politisch stehen. Wir sind ein Austragungsort für politische Diskussionen, jeder soll die Möglichkeit haben, in diesem Haus etwas zu sagen.
Wenn wir von vorneherein sagen „Wir sind so und so politisch angehaucht“, dann werden wir damit mit Sicherheit andere Leute verprellen – das ist schon problematisch. Wir können dann kein neutraler Austragungsort für politische Diskussionen mehr sein.
Stefan: Das sehe ich ein bißchen anders. Wir sind im Bewußtsein der Leute schon eine Einrichtung, die zu bestimmten gesellschaftlichen Geschichten sehr kritisch steht. Das ist so und wird sich auch nicht verändern. Das mit dem Kontakttelefon sehe ich auch anders. Ich meine in diesem ganz konkreten Fall…
Jürgen: Es ging um ein Kontakttelefon, um von hier aus die Kundgebung zu organisieren und zum Zweiten darum, zu koordinieren – den Leuten Informationen zu geben, wo gerade was läuft.

Gegenwind: Eine Zwangsläufigkeit, ‚ die sich aus den Erfahrungen des letzten Nazitreffens herleitet. Ihr macht hier Veranstaltungen gegen neofaschistische Tendenzen – Dem Haß keine Chance – und jetzt kommt eine Situation, wo es heißt, etwas zu tun. Da könnt ihr doch nicht wirklich neutral sein. Seid ihr denn auch so neutral, daß die Neonazis hier eine Veranstaltung durchführen könnten?
Stefan: Natürlich nicht!
Gegenwind: Also seid ihr doch nicht so neutral und die Koordination gegen das Nazitreffen wäre doch nur eine logische Fortführung eurer Aktivitäten.
Jürgen: Abgesehen von den inhaltlichen Problemen – das ist ja auch für uns zusätzliche Arbeit, die wir nicht leisten können. Die personelle Situation des Pumpwerks läßt das einfach nicht zu. Wir können nicht alles machen.
Stefan: Es gab ja eine Zeit, da haben wir uns alles angezogen, alles gemacht – nur was dabei nicht berücksichtigt wurde, war die persönliche Belastung des Einzelnen. Irgendwann kommt ein Punkt, wo du einfach nicht mehr kannst. Du kannst nicht auf allen Hochzeiten tanzen, alles so nebenher machen. Man muß auch mal sagen können „Tut mir leid, ich schaff das nicht mehr“.

Gegenwind: Wir danken euch für das Gespräch.

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