Kleinkunstfestival

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Dez 032004
 

Schrott sei Dank

Festival der Kleinkunst im Pumpwerk

(iz) Von Anfang November bis Anfang Dezember kamen zum zehnten Mal internationale Künstler zum Wilhelmshavener Kleinkunstfestival. .Damit verbunden ist die Hoffnung, den Kleinstkunstpreis zu gewinnen, dotiert mit 2500 Euro und der Bronzeplastik „Knurrhahn“. Zu den klassischen Sparten Kabarett, Chanson, Pantomime, Maskenspiel, Zauberei, Clownerie, Figurentheater haben sich heute Stand-Up-Comedy, visuelle Komik, Musik-Entertainment und A-cappella gesellt – und in diesem Jahr erstmals „Rhythm‘ and Trash“.

„Auto Auto“ machte den Auftakt: Zwei erwachsene Männer zerlegen auf der Bühne ein Auto binnen knapp 2 Stunden höchst musikalisch zur Schrottreife. Das Genre? Eine Sinfonie in Kadett-E-Dur – „Rhythm‘ & Trash“ nennen es die Künstler. Ein Crossover zwischen „Stomp“ und Wagner.
Vor drei Jahren starteten die „Zylinderkopf-Dichter“ Stefan Gwildis und Christian von Richthofen (u. a. Engagements bei Peter Zadek und „Hot Schrott“, einem Kinder-Sozialprojekt im Westen Hamburgs) ihre Show. 20 verschiedene Autotypen testeten sie auf Schrottplätzen, bis sie zu der Einsicht gelangten., dass der legendäre Opel Kadett E, das klassische „Brot-und-Butter-Auto“, als Musik-Instrument der „Steinway unter den Konzert-Autos“ ist. Als Gwildis erfolgreich seine Solo-Karriere startete, erwies sich Kristian Bader, der seit Jahren erfolgreich den „Caveman“ in „Schmidt’s Tivoli“ spielt (zuvor „Bader-Ehnert-Kommando“ Kabarett auf Kampnagel), als idealer Ersatz. Eindrucksvolle Stimmen, a Capella, gekonnte Percussions. Ob Samba oder Bossa Nova bis hin zu Bach und Tschaikowsky, ob Hände, Flex oder Baseballschläger – von der Idee bis zur Inszenierung und musikalischen Ausführung ist „Auto Auto“ kaum zu toppen.
„Wollt ihr den Tschaikowsy?“ brüllt es zum Finale von der Bühne. „Wollt ihr wirklich den Tschaikowsky?“ Andernorts erhielten die Künstler schon Drohungen von eingefleischten Kadett-E-Fans – das Pumpwerk-Publikum wollte den Tschaikowsky. Lieblich erklingt der „Schwanensee“, zierlich tänzeln die zwei Künstler neben riesigen Vorschlaghämmern – bis sie zum Paukenschlag – tonk! – wieder und wieder synchron die Hämmer heben und dem zuvor von Opel Schmidt liebevoll hergerichteten Kadett E den Rest geben. Unter gestärkten Hemden und schwarzen Fräcken verstecken sich durchtrainierte Körper, denen der Rhythmus von Händen, Scheibenwischern, Flex, Axt oder Baseballschläger im Blut liegt.
Die lautstark geforderten Zugaben scheiterten daran, dass kein Zuschauer bereit war, seinen PKW zur Verfügung zu stellen.
An Originalität ist „Auto Auto“ kaum zu übertreffen. Trotzdem gerieten klassisches Genre und leisere Töne nicht in den Hintergrund. Unter „Musik-Comedy“ wird das „Running Orchestra“ vermarktet (weil sonst vielleicht keiner kommt), aber tatsächlich – und zum Glück! – sind das fünf waschechte Musik-Clowns. In der Schwemme von Stand-up-Comedy, die meist unterhalb der Gürtellinie von irgend jemandem ihre Höhepunkte sucht, haben Clowns heute einen wichtigen Stellenwert: Situationskomik, die keinem wirklich wehtut und dies auch nicht will, kindische Albernheit statt gekünsteltem Frohsinn.
Kopf des „laufenden Orchesters“ ist Valter Rado Braumann, der sich schon als Solo-Künstler einen Namen gemacht hat. Unter seiner „Fuchtel“ stehen die vier Musiker der MABÓ-BAND Renzo Stizza (Alt-Sax), Amilcare Pompei (Posaune), Andrea Sgariglia (Tenor-Sax) und Fabrizio Palazzetti (Bass-Sax), allesamt Absolventen des Macerata Konservatoriums, liebenswerte Typen wie Rado und begnadete Bläser – wenn der „Dirigent“ sie denn mal zum Zuge kommen lässt. Sie sollen Klassik spielen, aber sie wollen Jazz, und sie beherrschen beides und noch mehr. Des „Meisters“ Autorität und wie die vier sie stets zu untergraben versuchen sind der rote Faden des Abends. Das Publikum wird geschickt eingesponnen, ohne dass Unschuldige bloß gestellt werden. Auf den Flügeln der Phantasie wird der Zuschauer in ständig wechselnde skurrile Situationen entführt, running gags runden das Ganze noch ab. Schließlich der Marsch durchs Publikum, Valter mit einer Polaroid-Kamera bewaffnet, Zuschauer erhalten Schnappschüsse zur Erinnerung. Erst die inszenierte Flucht aus dem Saal rettet die Künstler vor schier endlosen Zugabeforderungen. Schlichte, aber ehrliche und gewollt harmlose Komik macht den Zauber des Abends aus.
Bei dieser Konkurrenz hat Mario Barth, einer von etlichen Stand-up-Comedians, die derzeit Fernsehen und Bühnen überschwemmen, einen schweren Stand. Auch sein Lieblingsthema „Verständnisprobleme zwischen Mann und Frau“ ist nicht sehr originell. Aufmerksamkeit erhält Barth aktuell für sein Wörterbuch „Deutsch-Frau / Frau –Deutsch“ (Untertitel „Schnelle Hilfe für den ratlosen Mann“), das bei Langenscheidt erschienen und nicht nur in Deutschland Bestseller ist. Auf Barths Homepage findet sich ein (2 Jahre alter) Presse-Verriss mit dem Titel „Der Kotzbrocken“. Zitat Barth sinngemäß: Kuchenbacken ist Frauensache – das erkennt man, wenn das Backwerk aus dem Ofen kommt, der Kuchen ist meist aufgebrochen und zeigt einen Schlitz. Haha. Soll ich mit das wirklich antun oder doch lieber gleich ins Faircafé zum Blueskonzert? Na gut, jeder verdient eine Chance.
Barth wird vom ausverkauften Saal mit frenetischem Applaus begrüßt. Zweieinhalb Stunden später kann ich sagen: Ja, ich habe an mehreren Stellen gelacht, über große Strecken gegrinst und mich nicht gelangweilt. Belanglos-unterhaltsam, so ließe sich der Abend zusammenfassen. Zum Niveau mit dem Schlitz im Kuchen hat Barth sich im Pumpwerk nicht herabgelassen, Ersatz waren Polenwitze und der schwule Schuhverkäufer. Witze über Schwule sollte man Schwulen überlassen, bei Heteros sind sie nie witzig.
Genau genommen ist Barth gleich Stefan Raab minus 30 Kilo, hat ebenso viele ebenmäßige Zähne (ob echt oder nicht, ca. 48) und ein klares Vorbild („Sensationell, meine Damen und Herren, sensationell!“). Barth zeigt aber deutlich mehr Kondition und Präsenz.
Worüber man / frau lacht, bleibt letztlich Geschmackssache. Es lässt sich eher über den ausverkauften Saal mit brüllendem Publikum urteilen als über den, der die Lacher anbietet. Barths „Mann/Frau“-Thema greift immer. Ob es frauenspezifisch ist, leere Fruchtzwerge-Becher zum Einfrieren von Kräutern aufzubewahren oder sich mit dem Kühlschrank zu unterhalten, sei dahingestellt. Jeder Witz lässt sich auf ein bestimmtes Thema ummünzen. Man kann Barth aber zugute halten, dass seine „Analyse“ des Geschlechterverhältnisses sich selbst nicht ernst nimmt, und jeder „Tiefschlag“ gegen die Frauen ist auch einer gegen die Art und Weise, wie Männer Frauenverhalten wahrnehmen. Barth versucht Vorurteile zu reflektieren, aber nicht, sie ernsthaft biologisch, kulturell und hormonell zu begründen wie die Eheleute Allan & Barbara Pease („Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“). Gegen solchen pseudowissenschaftlichen Müll ist Barth wirklich erhellend.

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