Minderleister

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Nov 191990
 

(K)ein bißchen Hoffnung

Turrinis Minderleister aktueller den je

(ub/iz) „Ein klein bißchen Hoffnung hätte man doch gern mit nach Haus genommen.“ So der Betriebsratvorsitzende einer hiesigen Büromaschinenfabrik während der Diskussion, die sich der dritten Aufführung des Lehrstückes „Die Minderleister“ im Stadttheater anschloß.

gw097_minderSo nah an der Vorlage Turrinis inszeniert und so gründlich missverstanden vom Publikum. Ein Lehrstück in Brecht’scher Manier, wie so manche Coverversion beinahe besser als das Vorbild.
Die fatalen Wirkungen eines teuflischen Systems auf das Individuum und seine Familie, Verdrängungsmechanismen wie Fernsehen und Träume vom großen Geld, standen im Mittelpunkt der Analyse des interessierten Publikums. Doch ein Stück mit diesem Ansatz wäre mittlerweile überflüssig. Tatsächlich ist es Turrini gelungen, die fatalen Wirkungen des Individuums auf das System herauszuarbeiten. Nicht Mitleid, sondern Mitschuld trifft den Pöbel, der bei Turrini verdammt schlecht wegkommt.
Kleinbürgerlichkeit ist hier kein verklärtes Bild des einfachen, fleißigen Arbeiters und seiner lieben und aufopferungsvollen Frau, sondern Ursache dafür, daß die Verhältnisse so sind, wie sie sind. Und ausgerechnet. der Klassenfeind doziert den richtigen Weg: die Personalchefin kritisiert die ewige Fixierung auf das eigene Leid: der Personalchef beweist in erschlagend platter Rhetorik, daß jeglicher Versuch der Besserstellung, der Qualifikation gefährlich und sinnlos ist; und der Minister schließlich inszeniert einen Tagtraum der Revolution als logische Folge des Kapitalismus. Doch alles so gut in andere Zusammenhänge verpackt, dass die Unterdrückten nicht schlauer werden.
Die scheinbar so feste Solidargemeinschaft der Arbeiter bröckelt angesichts drohender Arbeitslosigkeit. Sie prügeln nach unten statt nach oben.
Prügel und Porno hinterlassen dann auch wohl die bleibendste Erinnerung beim (hiesigen) Publikum. Was man, sich daheim geschützt vor prüfenden Blicken Dritter im Kabelfernsehen anschaut, wird hier als Provokation empfunden – man muß zu mindest so tun als ob. Und so entblöden sich einige Leute aus den ohnehin erschreckend leeren Rängen nicht, während der Porno-Filmszene mit lautem Türenschlagen den Saal zu verlassen – wahrscheinlich dieselben, die solchen Abgang inmitten ihrer Lieblingsoper mit Empörung quittieren würden. Ihnen entgeht wohl auch, daß solche Szenen im Vergleich zu anderen, die vom Essen, Trinken (Alkoholkonsum), Arbeit handeln, einen der Realität entsprechenden Stellenwert einnehmen, und sie empfinden es scheinbar nicht als anstößig, daß die Arbeiter in den Pausen, in der Werkskantine, bei intimen Gesprächen per Video von der Werksleitung überwacht werden.
Die im Stück allgegenwärtige Videokamera ist Medium, das ansonsten unmögliche Kommunikation ermöglicht. Die Arbeiter sind nur durch dieses dritte Auge hindurch in der Lage, ihre Wut und Ohnmacht dem Klassenfeind entgegenzubrüllen.
So sind auch Porno und Gewalt nicht Klischee für die Arbeiterklasse (entgegen der Interpretation des Betriebsratvorsitzenden), sondern Metapher für den fremdbestimmten Einsatz des Körpers – gegen Bares und ohne jegliches Gefühl, wie im Stahlwerk.
Zu guter Letzt: ein Lob an Dramaturg Horst Busch – nicht nur für die gelungene Inszenierung, die auch nach Studium der Textvorlage noch spannend ist, einschließlich der behutsam, aber nicht verklemmt umgesetzten Nackt- und Folterszenen, sondern auch für den gelungenen Versuch, das feedback zum Publikum herzustellen – aus der Diskussion haben beide Seiten gelernt.
„Betroffenheit“ sollte das Stück letztlich durch die beängstigende Nähe zur lokalen Realität auslösen: Olympiawerke, KSW, Jachtwerft, WABO … Die dargestellten Mechanismen, so bestätigt der Betriebsratvorsitzende, sind nah an der Realität.
„Niemand will Sie kündigen. Wir wollen mit Ihnen reden. Wir wollen Sie überzeugen. Reden wir doch einmal vom Markt. Der Markt steht über dem Menschen.“
Dramaturg Busch will nun an die betroffenen Belegschaften herantreten, ihnen das Lehrstück nahebringen.
Ein klein bißchen Hoffnung?

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