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Nov 191990
 

Kollaps

Pflegenotstand im Pauline-Ahlsdorff-Heim

(hh/ub) Die Stadt Wilhelmshaven hat ca. 90.000 Einwohnerinnen. Davon haben 25.000 ein Alter von über 60 Jahren. Während der Bundesdurchschnitt der über 60jährigen bei 15% liegt, beträgt er hier bei uns fast 30%. Zur gleichen Zeit steigt in allen Kranken- und Pflegeeinrichtungen der Personalmangel. Der Pflegenotstand droht zum Kollaps zu werden.

Wir sprachen mit Bewohnern und Mitarbeitern des Pauline Ahlsdorff-Heimes, die uns für eine Sendung des hauseigenen Fernsehens eingeladen hatten, über ihre Situation. Eine Bewohnerin, Frau Pfeiffenbrink, erklärte uns die Situation folgendermaßen:  „Ich habe mich hier bis jetzt ganz wohl gefühlt, aber im letzten Jahr habe ich bei mir persönlich und bei anderen Bewohnern festgestellt, dass eine große Menge Pflegepersonal fehlt. Wir sind ja schließlich die Leidtragenden. Wenn nicht genügend Personal für uns da ist, dann verkommen wir. Deshalb halte ich es für richtig, daß die Aktion Pflegenotstand durchgeführt wird. Wir Bewohner unterstützen das hundertprozentig.“

gw097_pflegerWas steckt nun hinter dem Begriff Pflegenotstand? Seit 1969 ist der Personalschlüssel von 1:3, das bedeutet, eine Pflegekraft versorgt drei Bewohner, nicht mehr verändert worden. Und die Zahlen täuschen gewaltig. Umgerechnet auf drei Schichten bedeutet es, daß eine Pflegekraft sich um 12 Bewohner kümmern muß. Hinzu kommt ein Personalproblem: Es gibt einfach zu wenig ausgebildete AltenpflegerInnen. Das hat seine Ursachen zum einen in der schlechten Bezahlung und den Problemen der Schichtarbeit, zum andern in der starken physischen und psychischen Belastung, die dieser Beruf mit sich bringt.
Im Durchschnitt schieben die Mitarbeiterinnen 70 bis 80 Überstunden vor sich her. Meist sind es gar noch mehr, da, wie in diesem Arbeitsfeld üblich, viele nicht aufgeschrieben werden. Dieser eklatante Personalmangel hat Folgen für Bewohner und Pflegepersonal. Letztere sind häufiger krank durch die hohe Belastung. Noch schlimmer erscheint, daß die Bewohner nicht mehr richtig versorgt werden können.gw097_pflege
„Wir möchten so gerne mit nach draußen gehen. Aber wenn eine Veranstaltung ist, können sie höchstens sechs bis acht Personen mitnehmen. Einer muß z.B. meinen Rollstuhl fahren, und den anderen muß auch geholfen werden. Leider muß immer ausgewählt werden, wer denn nun mit kann. Da kommt jeder höchstens ein-, zweimal im Jahr dran. Von draußen kommt nichts auf uns zu. Wenn der Begleitende Dienst sich nicht um uns kümmern würde, dann säßen wir einsam auf unseren Zimmern. Deshalb brauchen sie unbedingt mehr Kräfte.“
Es gibt auch direkte gesundheitliche Auswirkungen durch den Personalmangel. „Es gibt da eine bettlägerige Dame, die kann sich nicht rühren. Sie näßt ins Bett. Ihre eigentliche Krankheit oder das Alter spürt sie gar nicht so. Wenn sie das Bett naßgemacht hat, ist nicht sofort jemand frei, der sie trockenlegen kann. Diese arme Frau liegt da nun ganz lange. Dadurch entstehen andere Nebenkrankheiten, bei ihr sind das furchtbare Juck- und Brennzustände am ganzen Körper. Gäbe es genügend Personal, das sie sofort trockenlegen könnte, dann würden die anderen Krankheiten wegfallen. Es ist ganz furchtbar für Menschen, so etwas mitmachen zu müssen. Das ist so nerventötend.“
Die Situation ist nicht nur furchtbar für die Bewohner, sie ist es auch für die Pflegekräfte, die häufig kündigen, weil sie merken, wie wenig sie ihren eigenen Ansprüchen an die Arbeit noch gerecht werden können. Normalerweise ist eine Nachtwache für zwei Bereiche zuständig, das bedeutet einen Schlüssel von 1:48 Bewohnern. Durch Urlaub und Krankheitsausfall ist es nicht selten so, daß vier bis fünf Nachtwachen für 12 Wohnbereiche, also für 330 Bewohner zuständig sind. Diese Überlastung führt natürlich zu weiterem Personalausfall durch Krankheit – eine Spirale ohne Ende! Gäbe es ausreichend Personal, würde sogar weniger Arbeit anfallen.
Frau Pfeiffenbrink: „Wenn Sie geklingelt haben, dauert es manchmal 20 Minuten bis zu einer halben Stunde, bis endlich jemand kommt. Dann ist vielleicht dreimal das Bett voll. Und dann die Arbeit, das alles wieder sauber zu bekommen. Wäre sofort jemand da, entfiele diese ganze Arbeit.“
Darüber hinaus gibt es eine ganze Reihe von Patienten, im Pauline-Ahlsdorff- Heim sind es ca. 56%, die im Grunde in eine psychiatrische Abteilung gehörten. Da es eine solche Abteilung in Wilhelmshavener Krankenhäusern immer noch nicht gibt, müssen Bewohner im Extremfall ins Landeskrankenhaus Wehnen gebracht werden.
Wer ist nun zuständig für die Verbesserung dieser schlimmen Situation? Am 1.1.1976 wurde die Altenhilfe kommunalisiert. Das heißt, der Träger, in diesem Fall die Arbeiterwohlfahrt, holt sich die Pflegekosten von momentan 3200 DM monatlich entweder von den Bewohnern selber, so sie dies bezahlen können, oder von der Stadt, welches den überwiegenden Teil betrifft.
Der Finanzausschuß sieht sich jedoch nicht in der Lage, weitere Gelder bereitzustellen. Obwohl der Personalschlüssel auf Landesebene auf 1:2,3 verbessert wurde, können die 28 neuen Arbeitsplätze nicht besetzt werden, weil die Mittel nicht vorhanden sind.
Trotzdem läßt der Betriebsrat nicht locker. Mit Infoständen anlässlich der Nord-West-Schau und in der Marktstraße wird auch weiterhin auf die Misere bei der Pflege hingewiesen.
Aber es wird immer schwieriger, die Mitarbeiter für Aktionen zu mobilisieren. „Wir können anschreiben, wen wir wollen, man vertröstet uns immer wieder“, so die Einschätzung eines Mitarbeiters. Wie die Heimbewohner darüber denken, bringt zum Abschluß Frau Pfeiffenbrink zum Ausdruck: „Ich bin hier hergekommen, wollte meine Ruhe haben und für mein Geld gut gepflegt und umsorgt werden. Das ist nicht drin.“

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