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Aug 242018
 

Protest gegen Hähnchenmast in Schortens

Protest gegen den geplanten Hähnchenmastbetrieb in Schortens. Foto: Gegenwind

Protest gegen den geplanten Hähnchen-Mastbetrieb in Schortens. Foto: Gegenwind

(iz) Die Stadt Schortens plant in Ostiem ein neues Wohngebiet. Jetzt will ein Landwirt in unmittelbarer Nähe einen Maststall für 80.000 Hähnchen errichten. Auf Einladung der SPD Schortens versammelten sich etwa 300 Bürger*innen zu einer Demonstration und Kundgebung.

Bei der Aufstellung des Bebauungsplanes für die Erweiterung des Wohngebietes mussten immissionsschutzrechtliche Fragen geklärt werden, da sich direkt angrenzend am Ortsrand landwirtschaftliche Betriebe befinden. Im Planungsverfahren können Institutionen und BürgerInnen Anregungen und Bedenken äußern. Bei der Sitzung am 15.8. wurden dem Ausschuss für Planung, Bauen und Umwelt diese Anregungen nebst Stellungnahme (Abwägung) der Stadtverwaltung vorgelegt. Aus diesem Papier ist auch die Vorgeschichte ersichtlich: „Im Rahmen der Erstellung des geruchstechnischen Berichtes zur 4. Änderung des Bebauungsplanes und des Bebauungsplanes Nr. 131 wurden die für die Berechnung der Geruchsemmissionen benötigten Angaben zu den Tierbeständen der landwirtschaftlichen Betriebe im Rahmen eines Ortstermins am 06.06.2016 eingeholt. In diesem Zusammenhang wurden auch die geplanten Erweiterungsabsichten aufgenommen. Von Herrn und Frau Dirksen wurde angegeben, dass ggf. die Anzahl der Kühe im Stallgebäude 2 um bis zu 30 Tiere erhöht werden könnte … Im geruchtechnischen Bericht wurden auf Grundlage der angegebenen maximalen Tierbestände im Falle der Betriebserweiterungen die Geruchsimmissionen ermittelt.“ Eben dieses Landwirts-Ehepaar Dirksen macht aber nun geltend, dass die Umplanung in der vorgelegten Fassung ihr Eigentum und ihre persönlichen und betrieblichen Belange tangiere. Dazu die Stadtverwaltung: „Es wird darauf hingewiesen, dass die Eheleute Dirksen am 05.06.2018 eine Bauvoranfrage für einen Hähnchenmaststall für 80.000 Hähnchen gestellt haben. Dieses Vorhaben haben sie bei dem Ortstermin für die Abfrage der Tierbestände und der Erweiterungsabsichten am 06.06.2016 nicht mitgeteilt. Die Verträglichkeit dieses Vorhabens muss im Rahmen der Bauvoranfrage nachgewiesen werden.“

Kinderbild "freechicken"Aus 30 Kühen werden nun also 80.000 Hähnchen. Über die Bauvoranfrage hat erstmal der Landkreis Friesland zu entscheiden. Ob eine Anlage dieser Größenordnung direkt an dem schon jetzt bestehenden, dicht besiedelten Wohngebiet überhaupt genehmigungsfähig ist, wird sich zeigen. „Schortens ist ein staatlich anerkannter Erholungsort“, erklärte der SPD-Fraktionsvorsitzende Udo Borkenstein bei der Kundgebung. „In 400 m Luftlinie befinden sich eine Schule und eine Kindertagesstätte.“ Seine Fraktionskollegin Anne Bödecker, stellvertretende Bürgermeisterin der Stadt Schortens, erläuterte die Auswirkungen solcher Riesenställe auf Umwelt und Gesundheit und bezog sich dabei auf wissenschaftliche Untersuchungen zweier Universitäten. Trotz Filtern in den Belüftungsanlagen könnten sich Biotoxine, Stäube und multiresistente Keime bis zu einem Radius von 1,5 km in die Umgebung der Ställe verteilen. Bei der Ausbringung der Hühnergülle könnten Antibiotika ins Grundwasser gelangen. Auch aus wirtschaftlicher Sicht sei der Ausbau der Intensivmast nicht nachvollziehbar. „Angeblich können Landwirte nur noch durch solche ‚Veredelung‘ überleben. Dabei haben wir in Deutschland bereits 115% Selbstversorgung mit Geflügelfleisch. Es läuft also auf einen Verdrängungswettbewerb hinaus, der kleinen Familienbetrieben schadet.“ Faire Preise und Tierwohl blieben dabei auf der Strecke. Auch die Zukunft des Ferienhofes „Lütt Ostiem“ wäre durch einen solchen Maststall in der Nachbarschaft fraglich. „Moralische und ethische Fragen werden nicht mehr gestellt“. Bödecker appellierte an die Anwesenden, kein Fleisch mehr aus Massentierhaltung und Intensivlandwirtschaft zu kaufen.

Borkenstein erläuterte das Abstimmungsverhalten der SPD-Fraktion, das in der Presse kritisiert wurde. „Zielführender wäre gewesen, die SPD hätte die Bebauungspläne ‚Südliche Plaggestraße‘ und ‚Lübbenweg‘ im Ausschuss für Planen, Bauen und Umwelt vergangene Woche beschlossen und nicht von der Tagesordnung genommen“, so die NWZ. In diesem Fall, so Borkenstein, hätte aber die Stadt Schortens teure Gutachten beibringen müssen, um die immissionsschutzrechtliche Verträglichkeit nachzuweisen. Im Übrigen sei der Beschluss über den Wohnbebauungsplan einstimmig vom Ausschuss zurückgestellt worden – daraus ergibt sich eine Umkehrung der Beweislast: Nun muss der Antragsteller für den Mastbetrieb entsprechende Gutachten erstellen lassen. „Im Zweifelsfall wollen wir einen Prozess gegen die geplante Anlage gewinnen“, so Borkenstein. „Wir wollen hier keinen Landwirt stumm enteignen – wir wollen die Lebensqualität in Schortens erhalten“.

Am Rande gibt es unangenehme Begleiterscheinungen der Auseinandersetzung. Borkenstein berichtete, seine Familie werde mit Emails „bombardiert“. Darin wird ihm unter anderem unterstellt, er habe Informationen aus „internen“ Quellen veröffentlicht und die Persönlichkeitsrechte des Antragstellers verletzt. Tatsächlich aber wurden die Sachverhalte in öffentlicher Sitze des Planungsausschusses verhandelt und auch die entsprechenden Ratsvorlagen, aus denen wir oben zitiert haben, sind öffentlich zugänglich. Auf der anderen Seite gibt es aber viel Unterstützung für Borkenstein (der 2017 für sein langjähriges Engagement für den Umweltschutz auf Kommunalebene mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde) und seine Mitstreiter*innen. Die anderen Parteien im Schortenser Rat wollen sich zum Thema zurückhalten, bis der Landkreis über die Bauvoranfrage entschieden hat.

Kommentar:

Irgendwie leben wir gleichzeitig in zwei verschiedenen Welten. Auf der einen Seite lesen und hören wir täglich über die negativen Auswirkungen der Massentierhaltung und des ungezügelten Konsums von Billigfleisch. Mit Ausnahme der Großkonzerne aus der Landwirtschafts- und Lebensmittelbranche hat keiner was davon: Die Tiere leiden, die Landwirte stehen ständig unter dem Druck „wachsen oder weichen“, Mediziner schlagen Alarm, Naturschützer fürchten um Böden und Grundwasser. In Deutschland wird mehr Hühnerfleisch produziert als der Inlands-Markt benötigt, der Überschuss geht u. a. nach Afrika und macht dort, unterstützt durch Exportsubventionen, die heimischen Märkte kaputt. Auf der anderen Seite schießen immer neue Riesen-Mastställe aus dem Boden, die Lobby der Agrarwirtschaft setzt sich gegenüber Politik, Tier- und Naturschutz und kritischen Verbraucher*innen durch. Die Lebensmitteldiscounter diktieren den Bauern Dumpingpreise, da braucht es schon mehrere 10.000 Tiere, um eine Landwirtsfamilie zu ernähren.

Eigentlich wollen die meisten ja Fleisch von glücklichen Tieren und zufriedenen Bauern. Bei ALDI und Co. gibt es das Kilo Hähnchenfleisch für drei Euro, für einen ordentlichen Bio-Broiler zahlt man schon mal das Fünffache. Der hat dann auch länger gelebt als ein Industrie-Hühnchen, das schon nach 30-39 Tagen, sozusagen als Riesen-Baby, sein Leben aushaucht. Wenn die Politik es nicht richtet, können es nur die Verbraucher*innen. Es muss nicht gleich jede/r Veganer*in werden, es wäre schon ein guter Schritt, den Fleischkonsum deutlich zu reduzieren und sich dafür dann was richtig Anständiges zu leisten. In der öffentlichen Diskussion um den Protest in Schortens wurde auch gelästert, ob die Demo-Teilnehmer*innen sich im Anschluss wohl erstmal ein Billig-Hähnchenschnitzel gegönnt haben. Vermutlich waren auch Leute dabei, die sich an erster Linie daran stören, dass ausgerechnet in ihrer Nachbarschaft so ein emissionsträchtiger Betrieb entstehen soll, aber die Beweggründe darf man nicht pauschalisieren und aus dem Protest heraus kann auch ein anderes Bewusstsein für die Gesamtproblematik von Hühnerfabriken entstehen. Vielleicht sind am Ende viele bereit, einen fairen Preis zu zahlen, um den Tieren ein besseres Leben und ihren Landwirten eine würdige Existenz zu sichern.

Imke Zwoch

 

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