Radio Jade

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Mai 192010
 

Alles anders

Radio Jade legt sein Schicksal in die Hände einer GmbH

(iz) Am 7. April 2010 beschloss die Mitgliederversammlung des “Radio Jade Lokalfunk e. V.” die Gründung einer gemeinnützigen GmbH und die Aufnahme von Mitgesellschaftern. Konkret sind das der Brune Mettcker Verlag und die Firma Nordfrost von Horst Bartels.

Bartels habe, so Vereinsvorsitzender Wolfgang Schmitz, den Sender immer mal wieder mit Spenden unterstützt und knüpfe die Fortsetzung des finanziellen Engagements nun an die formale Aufnahme als Gesellschafter. Bartels wolle sich aber auch zukünftig inhaltlich aus dem Sendebetrieb heraushalten.
Die beiden Gesellschafter sollen je 24% des Gesellschaftskapitals halten, der Verein behält 52% und damit auch die Mehrheit der Stimmenanteile bei Beschlüssen. Bestimmte Entscheidungen, z. B. über das Stammkapital der Gesellschaft oder die Aufnahme neuer Gesellschafter, benötigen allerdings eine 3/4-Mehrheit und damit mindestens einen Gesellschafter mit im Boot.
Das Stammkapital ist mit 25.000 Euro festgesetzt (13.000 vom Verein, je 6.000 von den anderen Gesellschaftern). Jeder Gesellschafter zahlt jährlich einen Zuschuss von 24.000 Euro an den Sender. Eine ansehnliche Summe, die die chronische Finanznot des Senders deutlich lindern wird. Aber um welchen Preis, fragen kritische Mitglieder, denn über die Gremien können die neuen Gesellschafter auch Einfluss auf die inhaltliche Ausgestaltung des Programms nehmen. Ein Teilnehmer erinnerte an die Situation in den Anfangsjahren von Radio Jade: Damals habe Verlagschef Manfred Adrian seinen Mitarbeitern verboten, mit den Redakteuren von Radio Jade in Kontakt zu treten. “Welche Position hat Adrian heute?”
Es kam die Frage auf, ob man dem Vorstand des Vereins, der diese grundlegende Entscheidung vorbereitet hatte, nicht vertraue. Die Vertrauensfrage galt aber wohl eher den neuen Gesellschaftern, und aus der Geschichte heraus war auch in Vorstandskreisen verständlich, worauf das Misstrauen beruhte.
Am Ende enthielten sich 11 der gut 30 anwesenden Vereinsmitglieder der schwerwiegenden Entscheidung, einer stimmte dagegen.

Kommentar

Liebesheirat

Am 22. April schickte ein Rundfunksender ein kurzes Programm durch Wilhelmshavens und Frieslands Äther: Radio Überleben – gegründet aus Kreisen der Belegschaft des damals vor der Schließung stehenden Olympia-Werkes. Ein Jahr sendete Radio Überleben fast jeden Mittwoch eine Viertel- bis halbe Stunde… Ein Hoffnungsschimmer in puncto Legalisierung war den engagierten Arbeitnehmern bald die bevorstehende Verabschiedung des neuen Niedersächsischen Landesrundfunkgesetzes (LRG), das nichtkommerzielle lokale Rundfunksender gestatten würde. (Zitat: Radio Jade Chronik)
Das war vor 18 Jahren und markierte den Beginn von Radio Jade. Bevor der Sendebetrieb beginnen konnte, gab es allerdings massive Attacken von einer anderen Initiative, die sich auch um die Lizenz bei der Landesmedienanstalt in Hannover beworben hatte und unterlegen war. Zu dieser Gruppe gehörte auch der WZ-Verleger, dem die pub-lizistische Ergänzung im Hinblick auf seine Geschäfte wohl gar nicht so recht war. Man könnte auch meinen, damals waren ihm Radio-Jade-Chef Michael Diers und Kollegen ein Dorn im Auge.
Neben diesen Widrigkeiten kämpfte der junge Radiosender in den vergangenen Jahren aber auch immer mit sich selbst: Die Mitarbeiter wechselten immer wieder, Vorstände kamen und gingen, und die wirtschaftliche Situation im Funkhaus in der Kieler Straße glich gelegentlich mehr einer Achterbahnfahrt. Ursächlich für letzteres war wahrscheinlich auch, dass viele Aufgaben von ehrenamtlichen Nichtfachleuten und einem Chef, der kein Kaufmann ist, erledigt werden mussten. Möglicherweise war es auch leichter, Geld aus Hannover auszugeben als das eigene. Und finanzielle Unterstützung anderswo zu finden ist auch nicht jedermanns Sache – da braucht man Fantasie und darf sich nicht immer nur über die ignoranten Politiker beschweren, wie in der Vergangenheit oft geschehen.
Aber jetzt ist er da, der Stein der Weisen: Wir gründen eine gGmbH (=gemeinnützige Gesellschaft), und zahlen sollen in Zukunft der einstige Erzfeind Manfred Adrian und ein wohlmeinender Nordfrost-Chef Horst Bartels. Natürlich können sich ablehnende Haltungen ändern und jeder Mensch lernt ja auch dazu, aber manches Mal können richtige Kaufleute einfach nur besser rechnen.
Dass es im Hause Radio Jade Regelungen z. B. zur Unabhängigkeit der Redaktion gab, wurde in die Überlegungen zur Gründung der Gesellschaft, wie auf der letzten Mitgliederversammlung erlebt, nur sehr schlampig einbezogen. Außerdem soll bei Abstimmungen in der Gesellschafterversammlung z. B. über den jährlichen Haushaltsplan nur mit 3/4-Mehrheit entschieden werden können. So wird Tafelsilber verscherbelt, soll heißen, die redaktionelle und wirtschaftliche Unabhängigkeit. Aber so ist das nun einmal, wenn man mit Profis am Tisch sitzt – oder ist es gar eine Liebesheirat?
Auf der Internetseite von Radio Jade antwortet Radio-Chef Michael Diers auf die Frage, wie er zum Sender gekommen sei: Der Sender ist zu mir gekommen. Läuft Radio Jade jetzt zu einem neuen Vater?

Wolle Willig

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