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Mai 192010
 

Bismarck

Soll auf dem Bismarckplatz wieder ein Bismarckdenkmal stehen? Oder ein Stauffenbergdenkmal?

(hk) Als August Desenz seine Orgel an den Nagel hängte, ersteigerte Holger Pesarra, der Wirt vom Böll, das Instrument – und damit ging es dann los. Plötzlich gab es eine Initiative, die ein Bismarckdenkmal auf dem Bismarckplatz errichten möchte. In der Wilhelmshavener Zeitung vom 22. März hieß es: Anstoß zur Vereinsgründung gab die Ankündigung von Drehorgelspieler August Desenz, für eine Bismarck-Büste Geld sammeln zu wollen. ‘Eine Büste reicht nicht, erst ein Denkmal, das mindestens vier Meter hoch ist, wirkt auf einem so großen Platz‘, dachte sich Holger Pesarra.

BismarckIn der WZ vom 12. April begrüßt OB Menzel die Planung zur Aufstellung eines Bismarck-Denkmals. In der Neuen Rundschau vom 28. April 2010 machte Pesarra dann allerdings klar, dass er überhaupt kein Bismarck-Denkmal wolle: “August Desenz möchte ein Bismarckdenkmal, aufgrund seiner Verdienste bei der Reichsgründung und seiner Sozialgesetzgebung. … Pesarra bevorzugt ein Stauffenbergdenkmal, um die Menschen zu ehren, die im Dritten Reich nicht weggeschaut und mitgemacht hätten.”
Geplant ist, dass es dazu noch in diesem Jahr eine Abstimmung in der Wilhelmshavener Bevölkerung geben soll.
Vorschläge, wem ein Denkmal zusteht, gibt es mit Sicherheit noch eine ganze Menge. Da fallen einem spontan die Namen Max Reichpietsch und Wilhelm Krökel ein, die zumindest eine tiefe Verbundenheit mit Wilhelmshaven haben. Ebenfalls ist eine Würdigung der Novemberrevolution, immerhin das geschichtlich bedeutsamste Ereignis in Wilhelmshaven, einen Gedenkstein wert. Man könnte allerdings auch meinen, dass diese ganze Denkmalhysterie doch ein wenig abgehalftert ist. Der Gegenwind bittet zur Diskussion.

Wir beginnen mit einer Pro-Stauffenberg-Meinung:

Wilhelmshaven ist weiter auf dem Weg zu einer toleranten und weltoffenen Stadt, das wurde mir vor einigen Tagen beim Lesen der hiesigen Tageszeitung bewusst. Da forderten biedere Herren einer Burschenschaft, in demütiger Haltung, mit Studentenuniformen und Mützen der Kaiserzeit bekleidet, endlich wieder ein Bismarckdenkmal für diese Stadt. Begründet wurde ihr Begehren mit den Leistungen des ehemaligen Reichskanzlers bei der Staatsgründung und der Schaffung eines Kriegshafens.
Auf dem Bismarckplatz stand bis zum Jahre 1944 ein im Jahre 1905 enthülltes riesiges Bismarckdenkmal. Ein Jahr vor Kriegsende wurde es demontiert, eingeschmolzen und für den Endsieg in ganz Europa verteilt.
Die Schaffung eines Denkmales ist sicher in den meisten Fällen eine positive und wünschenswerte Aktion. Berichten sie doch nachkommenden Generationen über das Zeitgeschehen vergangener Jahrhunderte, verschönern das Stadtbild und sind eine touristische Bereicherung.
Nun darf man, auch wenn es der Bismarckplatz ist, heute aber kein Bismarckdenkmal mehr bauen. Solche Denkmäler wurden vor dem ersten Weltkrieg zu Hunderten erstellt, da Bismarck durch seine nationalistische und zutiefst konservative Gesinnung die Weichen selbst dafür gestellt hatte. Er unterdrückte sozialdemokratisches Denken und Liberalismus, regierte mit eiserner Faust und wurde von vielen Deutschen wegen seiner zutiefst demokratiefeindlichen Haltung wenig geliebt. Zuckerbrot und Peitsche waren die Leitlinie seines Handelns. Er privilegierte den Adel, stellte liberale Juristen zur Disposition und bevorzugte Reserveoffiziere und Korpsstudenten im Staatswesen. Seine Politik führte zu einem Riss zwischen Adel und Großbürgertum einerseits und der Masse des Volkes andererseits. Eine durch den Liberalismus getragene Vermittlung konnte nicht stattfinden. Seine Sozialistengesetze trieben viele Sozialdemokraten ins Exil, und seine halbherzigen Sozialgesetze hatten nur zum Ziel, die Arbeiter von der Sozialdemokratie wegzuführen. Dabei traf die Peitsche alle, das Zuckerbrot aber kam nur wenigen und dann auch nur sehr dürftig zugute. Der Anteil der Arbeiter am Volkseinkommen verringerte sich zwischen 1870 und 1890 um 55 Prozent.

Drei Kriege waren der Reichsgründung am 18. Januar 1871 vorausgegangen. Der Adel blieb dabei unter sich. Demokratisch gewählte Repräsentanten des Staatsvolkes, die seit mehr als fünfzig Jahren den Traum von der deutschen Einheit geträumt hatten, waren nicht zugegen. Dem jungen deutschen Nationalstaat hafteten Mängel an, die bis zu seinem Ende 1918 und darüber hinaus zu schwerwiegenden Fehlentwicklungen in der deutschen Politik führten.
Bismarcks blinde Verherrlichung von Kaiser, Preußentum und Militarismus haben eine devote nationale Untertanenmentalität gefördert. Dieser stumpfe Nationalismus trug sicherlich dazu bei, dass die Menschen 1914 mit Begeisterung in den ersten Weltkrieg marschierten. Das Scheitern der Weimarer Republik, das Erstarken der Nationalsozialisten und der furchtbare zweite Weltkrieg wird von vielen Historikern als logische Konsequenz gesehen.
Zur Realisierung dieses Denkmals ist ein Verein gegründet worden. Er will alternativ ein Mahnmal für die Widerstandskämpfer im dritten Reich gestalten. Im Gespräch ist, stellvertretend für alle, die sich diesem verbrecherischen Regime widersetzt haben, ein Stauffenbergdenkmal. Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg gehörte zu den Männern, die am 20. Juli 1944 ein Attentat auf Adolf Hitler planten und auch durchführten. Ziel war es, die Regierung zu stürzen, eine Übergangsregierung zu schaffen und Friedensverhandlungen mit den Kriegsgegnern aufzunehmen. Da dieser Bombenanschlag, den Stauffenberg im Führerhauptquartier in Ostpreußen ausgeführt hatte, nicht zum Tode des Diktators führte, scheiterte der Putschversuch. Die anschließende Säuberungsaktion unter den Verschwörern  sowie deren Angehörigen und Freunden führte zu unzähligen Hinrichtungen. In demütigenden Schauprozessen am Volksgerichtshof unter dem Blutrichter Freisler sollten die Angeklagten  vorgeführt werden. Sie bewiesen aber selbst im Angesicht des sicheren Todes Haltung und standen zu ihren Idealen. Aufgrund dieser Tatsache wurden entgegen der eigentlichen Absicht diese Prozesse nie in der damaligen Wochenschau gezeigt.
Nun waren viele dieser damaligen Widerstandskämpfer nicht Demokraten, wie man sie sich heute vorstellt. Sie kamen aus dem Kaiserreich und hatten dadurch natürlich auch andere Einstellungen zum Staatswesen als der heutige Bürger.
Aber zu den Widerstandskämpfern des dritten Reiches darf man nicht nur aufschauen, man muss sich zutiefst verneigen vor diesen mutigen Menschen, die nicht weggeschaut, sondern gehandelt haben, die ihr Leben riskiert und meist auch verloren haben. Diese Menschen standen für ein anderes, ein besseres Deutschland. Sie haben dem Ausland gezeigt, dass nicht alle Deutschen Verbrecher waren.
Wenn das Attentat am 20. Juli 1944 geklappt und Friedensverhandlungen stattgefunden hätten, wäre die Zahl der Opfer des zweiten Weltkrieges halbiert worden.
Ich glaube, 30.000.000 Menschenleben sind ein Denkmal wert.
Wenn es nach dem Willen der Initiatoren dieser Aktion geht, soll die Wilhelmshavener Bevölkerung über die Art des Mahnmales entscheiden.
Da ich nicht politisch im vorletzten Jahrhundert landen möchte, bekommt meine drei Stimmen ein Widerstandsdenkmal. Die erste aus dem Bauch heraus, die zweite verlangt mein Verstand, und die dritte, die kommt vom Herzen.

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