Buchbesprechung

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Jun 282000
 

Südstadt subjektiv

„Das Neue Gesicht – Südstadt Wilhelmshaven“

(iz) Rechtzeitig zur EXPO am Meer hat Christa Marxfeld-Paluszak einen Bildband über die Südstadt herausgebracht. Wir haben das Buch für Sie näher angeschaut und gelesen und mit der Autorin gesprochen.

Kernstück sind insgesamt 420 eigene Fotografien von alten, neuen und erneuerten Gebäuden dieses Stadtteils, deren Geschichte die Autorin in eigenen Texten erläutert. Dazu finden sich z. T. farbige und collagierte Abbildungen von Kunstwerken zum Thema, einige historische Aufnahmen (WZ-Bilddienst) sowie Faksimiles von Bauzeichnungen, Verträgen u. a. Recherchiert hat Marxfeld-Paluszak anhand von Gesprächen mit Zeitzeugen und durch eigene Beobachtungen; daneben diente auch das “Wilhelmshavener Heimatlexikon” als Quelle.
Im Anhang findet sich eine 10seitige “Baugeschichte der Südstadt im Überblick”, in der Dr. Ingo Sommer historische Details zum Stadtteil und einzelnen Gebäuden zusammengetragen hat. Als EXPO-Projekt wurde das Buch von namentlich erwähnten Sponsoren zu hundert Prozent finanziert.

Schicksalhafte Begegnung

Die Idee zu der Dokumentation wurde bei einer bemerkenswerten “Begegnung” geboren: Auf einem ihrer Streifzüge, im März 1999, geriet Marxfeld-Paluszak in die Abbrucharbeiten an der Lagerhalle zwischen dem ehemaligen Gründerzentrum am Bontekai (jetzt DASA) und der Griemhalle (ehemals “Müller und Raschig”, jetzt “Oceanis”). An einer gerade noch verbliebenen Wand entdeckt sie ein großes, archaisch anmutendes Wandbild. Das Motiv ist ein Taucher mit Helm, in inniger Umarmung mit einer Frau. Über beiden schwimmt ein Wal (so Marxfeld-Paluszak), vielleicht auch eher ein Hai, der soeben im Begriff ist, den Luftschlauch des Tauchers durchzubeißen. – Es gelang nicht, dieses wahrscheinlich aus der Kaiserzeit stammende Gemälde vor der Abbruchbirne zu retten. Aber dieses und andere architektonisch-künstlerische Zeugnisse der Vergänglichkeit, der Veränderung wie auch der Wiedergeburt steinerner “Persönlichkeiten” der Südstadt sind in Marxfeld-Paluszaks Buch festgehalten.
Der eigentliche, sehr persönliche Ursprung des Werkes liegt noch länger zurück. Von 1988 bis 1992 wohnte und arbeitete der Sohn der Autorin, der Künstler Olaf Marxfeld, im ehemaligen Marinewaschhaus, das heute das “Kunsthaus” mit der Galerie M beherbergt. Wie viele andere Gebäude in der Umgebung war die Waschanstalt dem Verfall preisgegeben. 1993, ein Jahr nach dem unfassbaren Freitod ihres Sohnes, erwarb Marxfeld-Paluszak mit ihrem Mann das verfallene Gemäuer und setzte es instand. “Ohne Olaf wären wir nicht in die Südstadt gekommen”, so Marxfeld-Paluszak – den Bezug zu dem damals verwahrlosten Gemäuer und seinem Umfeld fand sie erst über einen ihr nahe stehenden Menschen bzw. dessen Verlust.
“Das Morbide mag ich sowieso gerne”, sagt Marxfeld-Paluszak über ihren Stadtteil, wo sie denn auch gut aufgehoben ist. Oder war. Denn einige prägende Bauten, wie die ehemaligen Gebäude der Kammgarnspinnerei “Müller und Raschig”, direkt neben ihrem Wohnhaus, sind mittlerweile im Rahmen der EXPO saniert worden. In den vergangenen Jahren initiierte die Autorin dort Kunstveranstaltungen und sammelte Unterschriften für den Erhalt des Komplexes. Eine Vision, die durch EXPO-Sponsoren wahr wurde.

Persönliche Prioritäten

Wahrscheinlich ist es dieser sehr persönliche Bezug, weshalb gerade der Jahnhalle (zukünftig Küstenmuseum) und der Griemhalle (“Oceanis”) in dem Bildband mit über 50 (von 132) Seiten überproportional Beachtung geschenkt wird. Und die Waschanstalt (Kunsthaus), Wohn- und Wirkungsstätte der Autorin, taucht auch allenthalben auf. So sehr wir uns freuen, dass diese Gebäude wie auch das ehemalige Marinelazarett (jetzt BAFU-Behörde) schräg gegenüber in neuem Glanz für die Nachwelt gerettet wurden, so vermissen wir doch andere, wesentliche Aspekte. So berechtigt es ist, sich über Erreichtes zu freuen, so wichtig wäre es, Unterlassens und Verpfuschtes im Rahmen dieses Buches zu erwähnen, von dem sicher viele Wilhelmshavener und darunter auch einflussreiche Personen aus Politik und Verwaltung Notiz nehmen. So ist zum Beispiel der Südzentrale (ehem. Kraftwerk an der Nordrampe zur Kaiser-Wilhelm-Brücke) mal gerade eine Seite gewidmet.
Nun erhebt das Buch, so räumt die Autorin ein, “keinen Anspruch auf Perfektion, Professionalität oder Vollkommenheit”. Das kommt auch darin zum Ausdruck, dass es ein bisschen wie “mit heißer Nadel gestrickt” wirkt. In der Tat begann die Arbeit erst vergangenes Jahr (s. o.), die Mehrzahl der Fotos entstand sogar erst seit Beginn dieses Jahres. Von 1500 Fotos wurden 420 ausgewählt, und bei den Lieblingsobjekten der Autorin hat man das Gefühl, sie hätte sich von dem einen oder anderen, das sich in der Aussage wiederholt, doch nicht trennen können. Satz und Layout hat die Autorin selbst übernommen, und mangels Korrekturlesung durch Dritte hat sich mancher Tippfehler eingeschlichen, der den Lesegenuss stellenweise etwas trübt. Die Bilder wurden – und das ist im Zeitalter des Computersatzes schon wieder bemerkens- bis liebenswert – von Hand montiert bzw. collagiert.
Was uns jedoch hauptsächlich irritiert, sind die distanziert gehaltenen Texte, die so gar nicht zu dem ausgesprochen gefühlsbetonten Menschen Christa Marxfeld-Paluszak passen mögen. Die Freude über die Rettung einzelner Gebäude kommt zwischen den Zeilen und Bildern schon durch, jedoch kaum ein Ausdruck wirklichen Bedauerns über den Verlust des lokal einmaligen Gesamtbildes; die Zerrüttung eines städtebaulichen Ensembles, das angesichts der umfangreichen Zerstörungen im Krieg noch recht ansehnlich war; die Zerstörung positiver Aspekte des morbiden Charmes, der nicht mit Verwahrlosung einher gehen muss, durch wenig sensible Überplanung. So werden z. B. Bilder vom Neubau der Gas- und E-Werke (Main-/Weserstraße) textlich mit dem theoretischen Anliegen der Architekten erläutert, ohne mal aus dem Bauch heraus auf den Punkt zu bringen, was sie damit tatsächlich angerichtet haben. Eine Reminiszenz an das ehemalige “Lands End” (auf dem jetzigen OceanisParkplatz) wird manchem eingefleischten Südstadtbewohner einen Seufzer entlocken – aber was bedeutet es, dass es verschwunden ist, wie die Bäume, die bis vor kurzem noch dort standen?
Zu grimmigem Schmunzeln reizt das Vorwort des Oberbürgermeisters, das wie das dazugehörige Foto einer beliebigen WZ-Wochenend-Sonderbeilage entlehnt sein könnte. Zumal es eine ganz eigene Definition von “Südstadt” enthält – nämlich reduziert auf den Bereich östlich der Virchowstraße, während die Autorin und Fachmann Dr. Sommer ihre Ausführungen weiter westlich bis etwa zur Luisenstraße ziehen.
Bei der Lektüre des Buches erinnerten wir uns an die Broschüre “Was die Bomben verschonten … vernichtete die Nachkriegspolitik!”, die 1994 “als kritischer Beitrag zum 125jährigen Stadtjubiläum” vom „Arbeitskreis Wilhelmshavener Stadtbild“ veröffentlicht wurde. Auf gerade 20 Seiten wurden dort mit ausgewählten Bildern und kurzen Texten – sachlich, aber nicht ohne eindeutige Stellungnahme – anhand (ehemaliger) städtebaulich bedeutender Gebäude die Fehler zeitgenössischer Stadtplanung aufgezeigt. Solch klare Stellungnahmen und Schlussfolgerungen (ob positiv, ob negativ) aus den Recherchen hätten dem Marxfeld-Paluszaks Buch – und damit auch der investierten Arbeit der Autorin – einen deutlich höheren Stellenwert verliehen. Als Grundlage für denkbare zukünftige, tiefer gehende Auseinandersetzungen mit dem Thema ist “Das Neue Gesicht — Südstadt Wilhelmshaven” jedoch durchaus empfehlenswert.


Christa Marxfeld-Paluszak, Das neue Gesicht. Südstadt Wilhelmshaven, Eigenverlag Galerie M, Wilhelmshaven 2000. 132 Seiten Text, Fotografien (420, sw) sowie Faksimiles und Collagen. Druck: Heinrichshofen, Wilhelmshaven, Auflage: 1000. Bezug: Galerie M, Buchhandlungen, EXPO-Einrichtungen. DM 20,-.

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