Elektronische Akte
Nov 191990
 

Armutsverwaltung per Computer

Sozialhilfeempfänger im Computer gespeichert

(ub) Der Computer hält Einzug in die Büros des Wilhelmshavener Sozialamtes. Spätestens Anfang des nächsten Jahres werden die Daten der Sozialhilfeantragsteller und -empfänger in einer „elektronischen Akte“ geführt.

Volle Gänge auf dem Sozialamt, genervte Klienten, die immer wieder stundenlanges Warten in Kauf nehmen müssen, oftmals nur, um dann nach kurzem Gespräch mit „ihrem“ Sachbearbeiter unverrichteter Dinge wieder nach Hause geschickt zu werden. Sei es, weil doch noch eine benötigte Bescheinigung fehlt, oder auch, weil ein Bescheid noch nicht endgültig errechnet werden konnte. Wer zu der nicht gerade kleinen Gruppe von Menschen zählt, die zum Bestreiten ihres Lebensunterhalts auf Sozialhilfe angewiesen sind, kann ein Lied davon singen.
Durch die Einführung des PC im Sozialamt wird sich die Bearbeitung jedes Falls entsprechend verkürzen. So könnte es dann in der Zukunft aussehen: Die SachbearbeiterInnen füllen am Bildschirm eine elektronische Karteikarte aus. Das entsprechende Computerprogramm errechnet objektiv und fehlerlos, ob und in welcher Höhe Sozialhilfe zusteht. Der angeschlossene Drucker spuckt in Sekundenschnelle den Sozialhilfebescheid gleich zum Mitnehmen aus. Die durch diese Automatisierung eingesparte Zeit nutzen Sachbearbeiter und Klient zu einem Beratungsgespräch.

Zeichnung: Erwin Fiege

Zeichnung: Erwin Fiege

Die Realität in den Verwaltungsbereichen, in denen der Kollege Computer schon Einzug gehalten hat, sieht freilich häufig anders aus. Die Einführung der elektronischen Rechner in den Büroetagen zieht häufig nach einer nur kurzen Schamfrist eine Reduzierung der Arbeitsplätze nach sich.
Statt der ersehnten Zeitersparnis und Arbeitsvereinfachung droht den MitarbeiterInnen neuer Streß. Wie jeder technische Innovationsprozeß wird der Einsatz moderner Technologie letztendlich auch im Sozialamt zu Rationalisierung führen.
Zu verlockend dürfte es für die Stadtverwaltung sein, angesichts der permanenten Finanzmisere und der hohen Lohnkosten – bekanntlich machen die Personalkosten der Stadt ca. ein Drittel des gesamten Haushaltsvolumens aus – die Zahl der Bearbeitungsfälle pro MitarbeiterIn zu erhöhen.
Der Bund der Steuerzahler Niedersachsen und Bremen hat in seiner kürzlich abgegebenen  Stellungnahme zum Haushalt und den Finanzen der Stadt die Marschrichtung deutlich vorgegeben: „Das Gebot der Stunde heiße Personalabbau. Aus Gründen der Personaleinsparung müsse die Einführung neuer Büro- und Informationstechnologien zu einer Daueraufgabe werden“, lesen wir in der „WZ“ vom 21. September dieses Jahres.
Die Verwaltung der Stadt beeilt sich – trotz formaler Zurückweisung der kritischen Stellungnahme des Steuerzahlerbundes – zu erklären, dass einige Rationalisierungsvorschläge wie z.B. „die Technisierung in der Stadtverwaltung längst in der Phase der Realisierung sei.“ (WZ vom 21.9.90)

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