JadeWeserPort

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Apr 012009
 

Boomtown ohne Containerbrücken?

Der Bau des JadeWeserPorts macht rasch Fortschritte. Doch der „Jobmotor“ Hafen läuft rückwärts…

(jm) Der Sinkflug im Welthandel geht seit Ende letzten Jahres in jähen Absturz über. Die Welthandelsorganisation rechnet für dieses Jahr mit einem Rückgang des Handelsvolumens um 9%. Für Deutschland soll es noch dicker kommen. Der Bundesverband Groß- und Außenhandel (BGA) rechnet für 2009 mit einem Rückgang um bis zu 15 Prozent. Dies werde auf die gesamte deutsche Wirtschaftsleistung durchschlagen, erklärte der Verband am Dienstag in Berlin. Im Januar waren die Exporte gegenüber dem Vorjahresmonat um 20,7 Prozent weggebrochen. (VerkehrsRundschau, 24.03.09)


Der Absturz hat bereits alle Bereiche des Transport- und Logistikgewerbes ergriffen. Schiffsladungsaufkommen, Hafenumschlag, Schienen- und Straßentransport sowie der Luftfrachtverkehr – lange verwöhnt durch riesige Wachstumsraten – schrumpfen im Backofen der Rezession zu Dörrobst:
• Inzwischen beginnen mehr als 400 auf Ladung wartende Schiffe die Häfen zu verstopfen – allein in Wilhelmshaven liegen fünf. Zunehmend müssen diese „Auflieger“ in den Küstengewässern ankern – darunter auch Neubauten, frisch von den Werften. Einige Reeder sehen ihre Rettung nur in der Kapitalvernichtung, in dem sie einen Teil ihrer Flotten abwracken.
• Bei den anderen Verkehrsträgern sieht es nicht besser aus:
Fuhrunternehmen mustern bereits einen Teil ihrer Fahrzeuge aus. Aus dem Bahnbereich werden Einbrüche von 20% beim Gütertransport gemeldet. Die Binnenschifffahrt hat ein Drittel ihres Transportvolumens eingebüßt. Im Luftfrachtbereich rechnet der Internationale Luftfahrtverband (IATA) mit einer Schrumpfung von 13% in diesem Jahr.
• Speditionsunternehmen beklagen, dass die Frachtraten ins Bodenlose sinken.
Noch im Januar 2008 kostete die Beförderung eines Containers von China nach Europa rund 2500 US-Dollar. Anfang 2009 ist dieser Preis auf ein Zehntel, auf 250 US-Dollar gesunken. (Junge Welt, 04.02.09) Erste Spediteure müssen Insolvenz anmelden. Sachsens Spediteure rechnen bis zum Sommer mit dem Wegfall von knapp einem Drittel der Branche. (Deutsche Verkehrszeitung, 25.03.09)
Die Krise greift schon auf das produzierende Gewerbe über – z.B. auf die Nutzfahrzeugbauer (NFZ): Nach einem Rückgang um 76 Prozent im Januar seien die Bestellungen aus dem Ausland für NFZ über sechs Tonnen im Februar sogar um 95 Prozent eingebrochen. Die Auslandsorder im Transportersektor hätten im vergangenen Monat das Vorjahresvolumen um 55 Prozent unterschritten. (VDA, 06.03.09)
Auch die Auftragspolster der Werften schmelzen wie Butter in der Sonne. Viele Werften haben zwar bis 2012 ausreichend Aufträge im Wert von mehr als 13 Mrd. Euro. Aber seit einigen Monaten kommen praktisch keine Neubestellungen mehr herein. Auch die Eisenbahn- und Flugzeugbauer haben wohl noch eine Schonfrist.
Sobald die Überproduktionskrise spürbar den Arbeitsmarkt erfasst, wird sie von der exportorientierten Investitions- auf die im gnadenlosen Wettbewerb um Kundschaft befindliche Konsumgüterindustrie durchschlagen. Damit kommt „die unsichtbare Hand des Marktes“ mit ihren viel beschworenen „Selbstheilungskräften“ ins Rotieren. Im Wechselspiel zwischen sinkender Massenkaufkraft und Stilllegung von Überkapazitäten geht’s dann spiralförmig abwärts. Richtig platzierte staatliche Konjunkturmaßnahmen könnten die Rutschpartie abbremsen. Doch wie lange die Sturzfahrt noch andauern wird und wie tief wir abrutschen, kann niemand vorhersagen. Vorerst jedenfalls geht es rasend bergab ins Ungewisse.
ContainerhafenUnd wenn das so weitergeht, sind Massenentlassungen in großem Stil nicht mehr zu verhindern.
Das betrifft auch den „Jobmotor“ Hafen. Die Kündigung von 1.400 Hafenbeschäftigten allein in Bremerhaven dürfte nicht das Ende der Entlassungswelle sein, wenn sich die Prognosen der WTO und des BGA bestätigen.
Daraus ergibt sich die Frage, ob die künftige Hafenbetreibergruppe „Eurogate/Maersk“ den JadeWeserPort nach Fertigstellung der Kaje überhaupt benötigt.
Im Wilhelmshavener Stadtklatsch wird zwar schon gewitzelt, dass der JadeWeserPort (JWP) ja bei noch rechtzeitig verhängtem Baustopp als größte Badelagune an der Nordsee vermarktet werden könne. Bei Einleitung des 30°C warmen Kühlwassers aus dem SUEZ-Kohlekraftwerk könne man den JWP sogar als ganzjähriges Badeparadies mit Auto- und Eisenbahnanschluss akquirieren…
Aber aus solchen flexibel auf die derzeitige Weltwirtschaftslage reagierenden Geistesblitzen wird wohl nichts. Da gibt es nämlich eine Gang von Hafenlobbyisten, die von den Regierungen in Bund und Ländern fordert, die Hafeninfrastrukturen und deren Hinterlandanbindungen auf den nächsten Boom vorzubereiten. Und nach denen bzw. deren Sprachrohren – groß wie Ankerklüsen – richten sich die Regierungen für gewöhnlich.
Anders sieht es mit dem Datum der Inbetriebnahme des JWP aus:
Voraussetzung dafür ist die Erstellung der Suprastruktur (Containerbrücken, Van Carrier, Flächenbefestigung, Immobilien, IT, etc.). Für die muss die Eurogate-Gruppe als Betreiber sorgen. Diese Gruppe setzt sich aus den Firmen Eurogate (Bremen) und Maersk (Kopenhagen) zusammen. Ob die National Container Company (Moskau) auch noch mit ins Boot steigt, ist angesichts der gegenwärtigen russischen Devisenknappheit ungewiss.
Eurogate hat Investitionskosten in Höhe von 350 Mio. Euro für das Umschlaginventar auf dem JWP-Terminal veranschlagt. Kaum anzunehmen, dass dieser Betrag ausgegeben wird, solange die Schiffe ausbleiben. Damit würden sich die Betreiber wohl ruinieren. Zur Zeit jedenfalls kann Eurogate nicht mal seine Terminals in Hamburg und Bremerhaven auslasten.
Gelingt es der Politik nicht bald, die Abwärtsspirale zu bremsen, dann werden Eurogate und Maersk ihre liebe Mühe damit haben, ihre Terminals in Bremerhaven und Hamburg bzw. ihre Containerschiffsflotte durch die Krise zu manövrieren. Einen schrumpfenden Containerumschlag auf noch mehr Terminals zu verteilen, verböte sich von selbst.
Das heißt, die Terminalbetreiber müssten ihre Investition in den JWP mindestens so lange zurückstellen, bis die Firma Eurogate ihre Terminals in Bremerhaven und Hamburg wieder auslasten kann und deren Umschlagleistung darüber hinaus noch weitere Zuwachsraten erwarten lässt.
Es ist also gar nicht so unwahrscheinlich, dass im Jahre 2012 die Umschlagbrücken auf dem fertigen JWP auf sich warten lassen. Vielleicht ist die aus Galgenhumor geborene Idee von der einzigen temperierten Badelagune an der Nordsee ein gar nicht mal so abwegiger Notausgang auf dem Weg zur „Boomtown Wilhelmshaven“?

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