Methadon

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Mai 131998
 

Menschen dritter Klasse

Drastische Verschlechterung der Situation Hartdrogenabhängiger.

(ub) Der 1. Juli 1998 könnte zum schwarzen Tag für viele Hartdrogenabhängige werden und sie noch tiefer ins Elend stürzen. Die am 1. Februar erlassene Änderung der Betäubungsmittelverschreibungsverordnung verbietet das Substituieren Drogenabhängiger mit Codein. Nur noch Methadon darf als Ersatzstoff von entsprechend qualifizierten Ärzten verschrieben werden. Genau daran wird es wohl in Wilhelmshaven scheitern.

Ca. 500 Menschen in dieser Stadt sind abhängig von so genannten harten Drogen. Der Wilhelmshavener Arzt Johann Janssen schätzt, dass ca. 280 von ihnen derzeit Heroin, Kokain und Medikamente konsumieren. Die größtenteils illegalen Drogen besorgen sich die Abhängigen auf dem schwarzen Markt – für viel Geld. „100 – 300 DM benötigt ein Drogenkranker am Tag, wenn er keine Ersatzstoffe bekommt“, berichtet J. Janssen gegenüber dem Gegenwind.
Janssen kennt die Drogenszene. Auch er hat vielen geholfen. Sie kommen zu ihm, weil sie loskommen wollen von den Drogen, rauswollen aus der kriminellen Szene, eine Abstinenztherapie aber (noch) nicht schaffen. Etliche Ärzte haben bisher Codein verschrieben. Janssen: „Mit Codein ist zwar auch Missbrauch betrieben worden, aber es hat vielen geholfen zu überleben; einige haben es auch geschafft clean zu werden.“

Damit soll am 1. Juli 1998 Schluss sein. Methadon ist dann der einzig legale Ersatzstoff für Drogenabhängige. Nicht jeder Arzt jedoch darf Methadon verschreiben. Die neue Betäubungsmittelverschreibungsverordnung verlangt von Ärzten, die Drogenabhängige mit Methadon versorgen wollen, eine zusätzliche Qualifikation. Hier liegt das Problem. Die Wilhelmshavener Ärzteschaft zeigt kein Interesse, die Voraussetzungen zur Vergabe von Methadon zu erlangen. „Auf das Lehrgangsangebot der Bezirksstelle Wilhelmshaven-Friesland der Kassenärztlichen Vereinigung meldete sich – ein (!) Arzt… Mindestens 6 Ärzte werden gebraucht,“ so „der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung, Dr. Rudolf Greth.“ (WZ vom 9.5.98)
Dazu J. Janssen: „Seit Jahren weisen Drogenfachleute des Diakonischen Werkes, die Oberen des Willehad-Krankenhauses und einige wenige Ärzte in dieser Stadt auf die prekäre Situation der Drogenkranken hin. Seit Februar 98 wurden Ärzteschaft, Gesundheitsausschuss und Gesundheitsamt schriftlich und mündlich ausführlich über einen Tatbestand informiert, der zu ihrem Aufgabengebiet gehört! Bis heute, etwa 50 Tage vor dem Stichtag 1.7.98, rührt sich nichts.“
Mehr als 100 Abhängige in Wilhelmshaven werden derzeit noch mit Methadon und Codein versorgt. Abgesehen davon, dass ein Arzt allein mit dieser Situation überfordert ist – der Gesetzgeber weist behandelnde Ärzte zukünftig in die Schranken. Maximal 20 Patienten darf ein Arzt in die Substitutionsbehandlung aufnehmen. Doch die Wilhelmshavener Ärzteschaft ist nicht an der speziellen Klientel der Drogenabhängigen interessiert. Der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung, Dr. Rudolf Greth, nennt Gründe: „Die Ärzte sehen in den Drogenabhängigen… zunächst ein finanzielles Problem. Sie belasten ihr ohnehin schon angespanntes Honorar – und Verschreibungsbudget.“ (WZ) Greth weist auf den zusätzlichen seelischen Betreuungsbedarf dieser Patienten hin. Zudem sind viele Drogenabhängige schwer kranke Menschen mit hohem Behandlungsbedarf. Greth geht aber auch von „sozialen Vorbehalten der Ärzteschaft gegen die drogenabhängige Klientel“ (WZ) aus. „Ein ‘Insider’: Die haben Angst vor den völlig abgerissenen Patienten… deren Anblick die anderen Patienten erschrecken könnte.“ (WZ)

Der Arzt J. Janssen weist im Gespräch mit dem Gegenwind darauf hin, dass ab dem 1.7.98 „wieder mit einem Anstieg der Zahl der Drogentoten“ zu rechnen ist. Janssen fordert deshalb: „Einen sauberen Fixerraum. Mindestens 3-5 Methadonabgabestellen. Mindestens 1 Streetworkerstelle mit voller Stundenzahl und psychosoziale Betreuung für jeden Junkie, der es wünscht.“ q

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