IGS – kaputt

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Mrz 011982
 

Ein Modell geht vor die Hunde

Vor langer, langer Zeit fingen Wilhelmshavens Sozialdemokraten einen dicken Fisch: Beschluß und Genehmigung einer IGS um ein größeres Stück Chancenverbesserung für jährlich 270 Kinder in unserer Stadt zu verwirklichen Doch als sie den Fisch in d en Hafen bringen wollten, kamen nachts regelmäßig die Haie und versuchten, sich ein Stück nach dem andere n aus dem Brocken zu reißen.

„Auf Kosten der Gesamtschule sind die negativen Erfahrungen mit dem sogenannten „Wilhelmshavener Modell“ des Stadtbaurats Prottengeier gemacht worden (Planung und Herstellung des Gebäudes in einer Hand): Terminüberschreitungen, Billigstbauweise, Pfusch am Bau waren die Folgen. … Unter dem Fehlbau der IGS werden Schüler und Lehrer noch lange leiden.“ So stand es vor genau drei Jahren im Rotdorn Nr. 8, dessen Vertrieb daraufhin vom SPD-Vorstand verboten wurde.
IGS WHVSchüler und Lehrer leiden auch heute noch. Die Schülerklos stinken nach wie vor unerträglich, auf dem Damen-Lehrer-Klo wurde sogar eine „neue“ Fliegenart gesichtet. Weil in Schulstraße und Treppenaufgängen die Decke runter kam, mußte sie in Teilen abgenommen werden. Die Löcher bieten seit Monaten schon reizvolle Einblicke in das Innenleben der Schule. Türen schließen plötzlich nicht mehr und Gipsplattenwände reißen, weil sich das Gebäude ständig verzieht. Unerträglich auch die Verhältnisse in der mit einer Art Kälberkoben vollgestopften Lehrerarbeitszone: Krankheitsfördernde Trockenluft und Temperaturschwankungen zwischen 16 und 26° C. Der Gipfel: In Schulstraße und Mensabereich wurden Ratten gesichtet. Kürzlich wurde sogar ein Schüler von einer der Ratten gebissen, die sich im Zwischenraum über den abgehängten Decken tummeln.
Die Ursachen der Misere liegen neben dem zitierten „Wilhelmshavener Modell“ (die Stadt klagt übrigens gegen die Firma „Hoch-Tief“ – mit teilweisem Erfolg) auch in den damaligen Baurichtlinien, die sich an dem Motto „viel Raum für wenig Geld“ orientierten. Nicht zuletzt aber auch in der Haltung der Stadt. Man brauchte Anfang der 70ger Jahre neuen Schulraum. Und weil man zudem noch modern und fortschrittlich sein wollte, baute man eine IGS – ohne die finanziellen und organisatorischen Folgeprobleme einer Ganztagsschule zu bedenken. So wird die Arbeit des in einer Ganztagsschule existenziell notwendigen Mittagsfreizeitbereichs durch kleinliche Verfahrenspraktiken der Stadt nahezu boykottiert. Ohne die Mithilfe der Eltern wäre er schon zusammengebrochen.
BildungDenn: Bildungspolitik ist kein „Thema“. Die Pädagogik fällt dem Rotstift zum Opfer. Und die Mühlen der Verwaltung mahlen langsam. Sechs Jahre wartete die Schule auf erste Maßnahmen zur Lüftungsverbesserung in den Toiletten, seit fast einem Jahr warten Schüler und Lehrer auf die Reparatur der einsturzgefährdeten Lamellendecke in der Schulstraße, sieben Wochen lang zerschnitt eine defekte Brandschutztür die Schule in zwei Teile. Briefe der Schulleitung an die Stadt blieben z.T. über ein Jahr unbeantwortet. Mit Erleichterung nahmen deshalb Schulleitung und Kollegium der IGS einen mühsam erkämpften Sanierungsplan auf, der die schlimmsten Bauschäden beseitigen soll. Er läuft schleppend an.
Die Folgen der baulichen Unzulänglichkeiten: Ein rapider Ansehensverfall der IGS. Die Anmeldeziffern sinken ständig (und nicht nur wegen geburtenschwacher Jahrgänge), Bewerbungsschreiben von IGS-Schülern werden ohne Begründung von Betrieben ablehnend beantwortet – nur: auf den zurückgeschickten Bewerbungsschreiben ist das Wort „IGS“ eingerahmt oder unterstrichen! Allgemeine Vorurteile gegenüber Gesamtschulen – wissenschaftlich hinlänglich widerlegt – erhalten durch das äußere Erscheinungsbild ständig neue Nahrung. Mit Ausnahme des SPD Ratsherrn Hans Hartmann hat sich in letzter Zeit niemand in Rat und Verwaltung für die gebeutelte Schule stark gemacht. IGS-Wilhelmshaven – eine Reformruine.
Doch auch aus Bezirk und Land weht Schülern, Lehrern und Eltern der Wind ins Gesicht. Hatte CDU-Kultusminister W. Remmers der IGS zunächst eine gymnasiale (!) Oberstufe mit gesamtschulfremden Zielen aufgesetzt, hatte man die besonders schwachen Schülern zugute kommende „flexible Differenzierung“ (also keine feste Einteilung der Schüler einer Klasse in „Gute“, „Mittlere“ und „Schlechte“) beseitigt, so rückt man nun dem Demokratiemodell der Schule zu Leibe. Die Lehrer dürfen sich ihre Funktionsträger (Schul-, Jahrgangs- und Fachleiter z. B. ) nicht mehr selbst wählen. Der Pillenknick sorgt überall für Schulauflösungen und -verkleinerungen. Rund 200 niedersächsische Lehrer (ehemalige Rektoren u.s.w.) werden deshalb derzeit überbezahlt. Und da die demokratisch besetzten Funktionsstellen an Gesamtschulen nach einiger Zeit wieder frei werden, werden sie dorthin versetzt, obwohl sie oft mit der IGS nichts am Hut haben – Zerstörung der Gesamtschulen also auch von innen. Die Aushöhlung der Gesamtschulen wird auf Länder- und Bundesebene faktisch von allen Parteien betrieben. Denn: Niemand wagt es, die reformerischen Ziele der Gesamtschulen auch in politisch rauheren Zeiten zu propagieren.
„Die Nelke braucht Wasser“, hieß es im Rotdorn vor drei Jahren. Das gilt heute mehr denn je. Was der IGS fehlt, sind Landes- und Bezirksbehörden, die nicht in bewußter Ignorierung gesamtschulspezifischer Ziele alle Schüler (gleich welcher Schulart ) über einen Leisten schlagen. Der IGS fehlt eine Kommunalverwaltung, die die Schule am Sportforum endlich als Ganztagsschule akzeptiert und unterstützt, eine Verwaltung, die die Arbeit von Lehrern und Schülern nicht durch endlos lange Verwaltungswege und kleinliche Beanstandungen behindert, sondern sie fördert. Und sie braucht eine Sozialdemokratie, die endlich begreift, was sie vor Jahren in die Welt gesetzt hat. Wenn sich nicht bald mutige, Kommunalpolitiker vor die IGS stellen, wird ein ehemals stolzes Stück sozialliberaler Reformen vor die Hunde gehen. Und die, die es einst aus der Taufe gehoben haben, werden schuld daran sein.

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