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Sep 012011
 

Alternative Möglichkeiten zur Lösung des Schmutzwasserproblems haben keine Chance

Werner Biehl

Werner Biehl

Gastbeitrag von Werner Biehl

Nach dem massiven Druck der Grünen und der Bürgerinitiative „Kaiserliche KanalarbeiterInnen“ seit 2006 und einer gemeinsamen Sitzung des Werksausschusses der Entsorgungsbetriebe, des Ausschusses für Umwelt, Landwirtschaft und Brandschutz und des Ortsrats Sengwarden am 29. April 2008, wurde die Stadtverwaltung per Ratsbeschluss beauftragt, entsprechende Gutachten zum Problem „Mischwassereinleitungsreduzierung“ zu veranlassen. In dieser gemeinsamen Sitzung musste Herr Dr. Rübsamen, Chef des städtischen Gesundheitsamtes, eingestehen, dass es bei Beprobungen nach Einleitungen zu einem weit überhöhten Vorkommen von humanpathogenen Bakterien am Südstrand komme. Grenzwerte seien bis zum 40fachen überschritten worden. Die von Grünen und der BI vorgeschlagenen Gutachter, u. a. der „Abwasserpapst“ Prof. Dr. Otterpohl von der Technischen Universität Hamburg-Harburg (TUHH), wurden von der Verwaltung rundweg abgelehnt. Beauftragt wurde das Institut für Siedlungswasserwirtschaft und Abfalltechnik der Leibniz-Universität Hannover unter der Leitung des Herrn Prof. Dr.-Ing. K.-H. Rosenwinkel. Dort wurden mehrere Varianten vorgestellt, u. a. auch eine neue Druckrohrleitung (DRL).

Die Verwaltung und die Entsorgungsbetriebe, gefolgt von den Fraktionen SPD und CDU versteiften sich von Anfang an auf diese Druckrohrleitung. Eine solche Leitung bedarf mehrjähriger Planung und nachfolgend einer mehrjährigen Umsetzung der Baumaßnahmen. Die neue Druckrohrleitung führt quer durch die Stadt. Alle beteiligten Straßen müssten durch die entsprechenden Tiefbaumaßnahmen aufgerissen werden; der gesellschaftliche Schaden durch Staus, Umleitungen, Ganzsperrungen, mittelfristige Vernichtung von Straßenalleen etc. ist nicht berechenbar. Anfang Februar 2011 wurden der Werksausschuss der Entsorgungsbetriebe und der Umweltausschuss zu einem nichtöffentlichen Workshop in den Entsorgungsbetrieben eingeladen.

Ein Antrag der Grünen auf Öffnung des Workshops für interessierte Bürger wurde einhellig abgelehnt.

Banter Siel. Foto Grupo635/Hufenbach

Banter Siel. Foto Grupo635/Hufenbach

Der Workshop hatte als Ergebnis wieder die Druckrohrleitung. Der sehr komplizierte Bewertungsmaßstab für die zu bewertenden Varianten war – aus meiner Sicht – nur von studierten Mathematikern oder nach einem Grundkurs in Stochastik nachzuvollziehen und für „normale“ Ratsmitglieder nicht durchschaubar. Wieso plötzlich die Verringerung der Mischwassereinleitung – eigentliches Hauptziel der ganzen Aktion – nun nur noch mit 15 Prozent in die Bewertung einging, war und ist nicht einleuchtend. Das Luritec-System fiel unter den Tisch, weil „erst in der Erprobung“, „noch nicht ausgereift“, „technische Spielerei für Ingenieure“ etc. Viele übrig gebliebene Fragen zur Umsetzungsproblematik einer neuen Druckrohrleitung quer durch die Stadt und nach dem mir zustehenden Auskunftsrecht (nach der Niedersächsischen Gemeindeordnung) wurden von der Verwaltung nicht oder nur ausweichend beantwortet. Der Rat entschied sich ohne wesentliche weitere Kenntnisse in seiner gesamten Mehrheit (SPD, CDU, FDP, BASU) für die neue Druckrohrleitung. Der grüne Versuch, vorher noch – über die Präsentation einer anderen technischen Lösung durch Prof. Dopheide – den Aufschub zur Suche nach weiteren Lösungsansätzen zu erreichen, scheiterte.

Luritec-System

Die Kontaktaufnahme mit der Firma luritec offenbarte ein System, das schnell geplant, schnell umgesetzt und in seiner finanziellen Struktur deutlich besser einzuschätzen und kalkulierbar ist. Alle Teile sind genormt, werden in der Fabrik vorproduziert und werden an Ort und Stelle – wie im LEGO-System – unter Wasser zusammengesetzt und im Boden verankert. Das System ist jederzeit durch weitere normierte Teile in alle Richtungen ergänzbar. Auf den Modulen wird in ebenfalls vorgefertigten Substratwannen ein Schilfgürtel angelegt. Das Mischwasser, das bei entsprechend auftretenden Regenereignissen sonst in die Jade abgeschlagen würde, wird in das System gepumpt, wird dann durch computergesteuerte Pumpsysteme in die Schilfwannen befördert und fließt durch den Schilfgürtel. Die in den Wurzelbereichen angesiedelten Bakterienkolonien reinigen das Mischwasser bis zur Badequalität auf. Das gereinigte Wasser wird dem Hafen oder dem Kanal zugeführt. Während der Ruhephasen des Systems – weil kein Mischwasser zwischenzulagern und zu reinigen ist – führen die Pumpen das „normale“ – für das Blaualgenwachstum geeignete Wasser des Banter Sees durch den Schilfgürtel. Die Bakterienstämme verrichten ihre Arbeit und entnehmen dem Wasser des Banter Sees die Nährstoffe, die für das Blaualgenwachstum Grundlage sind. Das gesamte Wasser des Banter Sees wird auf diese Weise pro Jahr zweimal durch die Schilfzone geschickt.

Vorteile:

  • wegen der genormten und vorgefertigten Teile ergibt sich ein schneller Planungszeitraum,
  • genau kalkulierbare Kosten,
  • schnelle bauliche Umsetzung – unabhängig von den notwendigen Sanierungsmaßnahmen des maroden Mischwassersystems in der Südstadt,
  • erhebliche Verringerung der Einleitungen in den Jadebusen,
  • erheblich längere Gesamtlebenszeit (ca. 60 Jahre) gegenüber der Druckrohrleitung (ca. 50 Jahre),
  • keine die Südstadt massiv belastenden Tiefbau-Maßnahmen,
  • mittelfristig wesentliche Verbesserung der Wasserqualität des Banter Sees
  • stadtplanerisches Highlight (der Schilfgürtel kann durch Cafes, Bootsstege etc. unterbrochen werden), kombinierbar mit den Vernässungen und Herrichtung von Flachwasserzonen für weitere Schilfgürtel im südwestlichen Bereich des Banter Sees,
  • große Flexibilität in der Erweiterung des Systems als Reaktion auf Verschärfungen in der Folge von klimatischen Veränderungen.

Luritec arbeitet seit 7 Jahren an diesem System, hat viele Förderpreise gewonnen, hat sich 3 Jahre mit dem Wilhelmshavener Problem beschäftigt, wird weder über den stattfindenden Workshop oder über die Ergebnisse informiert und bekommt auch keine Antworten auf Schreiben an den amtierenden Oberbürgermeister (zuletzt vor ca. 7 – 8 Wochen). Der Besuch in Wilhelmshaven ist nur durch großes Engagement der Beteiligten möglich gewesen. Nicht beteiligt waren die Verwaltung, die Entsorgungsbetriebe und die restliche Politik.

Werner Biehl ist Fraktionsvorsitzender von Bündnis90/Die Grünen im Rat der Stadt Wilhelmshaven und u.a. Mitglied im Verwaltungsausschuss und im Ausschuss für Finanzen, Wirtschaft, maritime Fragen, Stadtmarketing und Tourismus.

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