30 Jahre Nationalpark Wattenmeer

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Aug 132016
 

Ist das Glas halbvoll oder halbleer?

Die "Beluga" im Hafen Hooksiel, August 2016. Foto: Gegenwind

Die „Beluga“ im Hafen Hooksiel, August 2016. Foto: Gegenwind

(hk) In diesem Jahr feiert der Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer sein 30jähriges Bestehen. Seit dem 1. Januar 1986 sind Watt, Salzwiesen und Dünen vor der Küste zwischen Dollart und Elbmündung gesetzlich geschützt, zunächst durch eine Verordnung, heute durch ein Gesetz. Seit 2009 gehört der Nationalpark sogar zum Weltnaturerbe. Während Umweltminister Stefan Wenzel bei der offiziellen Geburtstagsfeier von einer „Erfolgsgeschichte von Weltrang“ sprach, sehen Naturschutzverbände noch einigen Handlungsbedarf.

Die Verbände gratulieren zwar zu einem großen Erfolg für die Natur, ziehen zugleich aber eine gemischte Bilanz: „Der Schutz des Wattenmeeres genießt heute hohe gesellschaftliche Anerkennung. Die vielfältigen Nutzungsinteressen mit dem Schutz der einzigartigen Naturlandschaft auszubalancieren, bleibt jedoch weiter eine große Aufgabe“.

Jüngste Erfolge in Niedersachsen seien die Einrichtung von 11 neuen Stellen für Nationalpark-Ranger oder die Ankündigung, ein Weltnaturerbe-Partnerschaftszentrum für alle drei Wattenmeer-Staaten in Wilhelmshaven mit Förderung des Landes einzurichten. Gleichzeitig aber nähmen die Baggerungen zur Unterhaltung und Vertiefung von Fahrwassern kein Ende und störten die natürliche Dynamik des Wattenmeeres massiv. Die Unterwasserwelt genieße trotz des Status „Nationalpark“ noch immer kaum Schutz gegenüber der Fischerei. Wachsender Tourismus mit neuen Nutzungsformen – wie das Kite-Surfen und Kite-Buggyfahren – stellten zunehmend eine Gefährdung der Natur dar. Insbesondere seien Ruhe- und Brutplätze von Vögeln sowie Reviere von Schweinswalen und Robben betroffen.

Die Naturschutzverbände1 fordern die Landesregierung auf, dafür zu sorgen, dass das Wattenmeer dem Anspruch eines „Nationalparks“ und dem Status eines Weltnaturerbes vollumfänglich gerecht wird. Auf dem 1. Wattenmeer-Koordinationstreffen am 9. August haben die Umweltverbände eine gemeinsame Erklärung mit sieben Forderungen verabschiedet, zu denen die Landesregierung noch in diesem Jahr klare Zeichen setzen solle:

1. Die Naturschutzverbände fordern die Einrichtung eines Runden Tisches zur Fischerei im Nationalpark, mit dem Ziel, Lösungen zu finden, die Unterwasserwelt des Nationalparks vor Eingriffen der Fischerei zu schützen. Die seit zweieinhalb Jahren überfällige Anpassung des sogenannten Miesmuschel-Managementplans steht weiterhin aus.
2. Das Land muss sich beim Bund entschieden dafür einsetzen, dass das Kite-Surfen im Zuge der zu novellierenden Befahrensregelung im Nationalpark generell untersagt wird. Diese Trendsportart darf allenfalls in ausgewählten, mit dem Naturschutz abgestimmten und klar begrenzten Bereichen des Wattenmeers als befristete Ausnahme zugelassen werden. Dies ist an den in Niedersachsen erreichten Kompromiss mit der Begrenzung des Drachensteigenlassens anzupassen. Die Naturschutzverbände warnen dringend davor, dem Streben nach immer mehr Ausnahmen weiter zu Lasten der Natur nachzugeben. Touristische Aktivitäten nehmen weiter zu. Insbesondere das Kite-Surfen führt dabei zu erheblichen Störungen für Wat- und Wasservögel.
3. Niedersachsen muss dem Ansinnen, im östlichen Teil des Nationalparks Probebohrungen vorzunehmen, kompromisslos entgegentreten. Die Exploration und Förderung von Erdöl hat im Nationalpark und Weltnaturerbe Wattenmeer nichts zu suchen.
4. Niedersachsen braucht eine Strategie, um Baggerungen zur Unterhaltung und Vertiefung von Fahrwassern im Nationalpark und benachbarten Gebieten zu reduzieren und auf das unbedingt nötige Maß zu begrenzen. Diese Baggerarbeiten sowie das Verklappen der Sedimente schädigen die Natur stellenweise massiv. Dies betrifft auch solche Maßnahmen zur Freihaltung der kleinen Küsten- und Inselhäfen.
5. Der Schutz der Flussmündungen muss dringend verbessert werden. Über die Ästuare werden in großem Umfang Schadstoffe, Nährstoffe und Plastikmüll eingetragen. Den Flussmündungen im Übergang vom Salz- zum Süßwasser kommt im trilateralen Wattenmeerschutz eine besondere Bedeutung zu. Niedersachsen trägt die Hauptverantwortung für eine naturverträgliche Entwicklung dieser Lebensräume. Doch bis heute fehlt es an einem Programm zur wirksamen Minimierung der Eingriffe und für einen verstärkten Schutz der Brackwasserlebensräume und Süßwasserwatten.
6. Neben den verschiedenen schädigenden Aktivitäten und Nutzungen stellt der durch den Klimawandel beschleunigte Meeresspiegelanstieg eine große Bedrohung für das Wattenmeer und die Küste dar. Wie in anderen Ländern bereits geschehen, braucht auch Niedersachsen eine gemeinsame Strategie von Küsten- und Naturschutz, wie sich das Wattenmeer an diese Herausforderung mit möglichst wenigen Eingriffen anpassen kann.
7. Der Schutz des Wattenmeeres als Nationalpark und die Anerkennung als Weltnaturerbe ist eine große Herausforderung und Chance für die Küste. Um diese Chance auch langfristig nutzen zu können, müssen alle, die als Gemeinde oder Gewerbebetriebe mit „Nationalpark“ und „Weltnaturerbe“ um Gäste werben wollen, auch selbst etwas für den Natur- und Umweltschutz tun. Ein „Naturbeitrag“ analog zum Kurbeitrag soll die Schutzbemühungen von Land und Kommunen unterstützen.

Es war schon ambitioniert, den damals bereits intensiv genutzten niedersächsischen Küstenraum als Nationalpark auszuweisen. Lokalpolitiker liefen Sturm gegen das Vorhaben der Landesregierung, die um des lieben Friedens Willen viele „traditionelle“ Nutzungen weiterhin zuließ, zum Beispiel auch die Jagd, die ein Hobby, aber nicht überlebenswichtig ist. Als 1872 der Yellowstone Nationalpark (als erster weltweit) gegründet wurde, war er (abgesehen von den durch Weiße vertriebenen Indianern) menschenleer und naturbelassen. Bis heute sind die US-Nationalparks auf dem größten Teil ihrer Flächen echte Wildnis, die Besucherströme werden auf streng abgegrenzte Bereiche kanalisiert. Es gibt dort verschiedene Kategorien von Rangern: die einen kümmern sich um Pflege und Forschung, andere um Besucherinformation und Umweltbildung, und dann gibt es die mit polizeilichen Kompetenzen, die keinen Spaß kennen, wenn jemand die Schutzvorschriften missachtet. Die Wattenmeer-Ranger dürfen nur informieren und freundlich ermahnen. Aber uneinsichtige Hundebesitzer sind nur ein Teil des Problems. Alle Kommunen finden es zwar schick, nun auch zum Welterbe zu gehören, weil das ordentlich Touristen anzieht, gleichzeitig gibt es immer neue Begehrlichkeiten, die den Schutzstatus infrage stellen. Zuletzt war es die Schnapsidee des Baltrumer Bürgermeisters, eine 60 m hohe Seilbahn vom Festland zur Insel zu bauen. Da drängt sich doch der Gedanke auf, dass die Verantwortlichen immer noch nicht begriffen haben, was Naturschutz bedeutet. 2008 verlor das Dresdner Elbtal seinen Status als UNESCO Weltkulturerbe, weil dort (trotz vehementer Mahnungen) die sogenannte Waldschlösschenbrücke gebaut wurde.

Allerorten und ganzjährig finden lärmintensive Veranstaltungen statt wie Höhenfeuerwerke oder Beachparties. Eine Klage des Wattenrates Ostfriesland gegen ein Feuerwerk wurde abgewiesen, weil, so der Staatsanwalt, ja nicht bewiesen sei, dass sich zum Zeitpunkt der Veranstaltung Vögel in der Nähe befunden hätten. Direkt nach dem Feuerwerk waren mit Sicherheit keine Vögel dort … aber die Bedeutung des Wattenmeeres als zentraler Rastplatz für Zugvögel war ein wesentlicher Grund für die Ausweisung des Nationalparks und die Anerkennung als Welterbe.

Einzig die Insel Spiekeroog ist (und war schon immer) der Fels in der Brandung des Event-Irrsinns. Bis heute überleben die Spiekerooger ohne Golfplatz und ohne Flugplatz, ohne dass ihnen ein Gast abgesprungen wäre – ganz im Gegenteil. Seit zwei Jahren sind auf der Insel ganzjährig, auch an Silvester, Feuerwerke verboten, was sogar weitere Gäste anzieht, die lieber ohne Getöse und unterm Sternenhimmel den Jahreswechsel feiern.

Neben dem von den Verbänden kritisierten Kitesurfen breiten sich auch Drohnen als flächenintensive Störungen im Nationalpark aus. Jeder Hobbyfotograf kann sich solch einen ferngesteuerten Miniflugkörper im Elektronikhandel kaufen und lässt ihn dann ins Schutzgebiet los, um seine eigene „Nordsee von oben“ für’s heimische Foto- oder Filmarchiv aufzunehmen.

Dann gibt es noch die Hafenwirtschaft, die sich nicht mit dem Welterbe arrangieren möchte und stets „Arbeitsplätze“ als Totschlagargument anführt. Und die Industrie. Gerade war Greenpeace mit der „Beluga“ in Hooksiel zu Gast, im Rahmen einer Kampagnenfahrt gegen die geplante Ausweitung der Ölförderung im Wattenmeer durch die RWE DEA.

Schadensbegrenzung

Der Nationalpark Wattenmeer ist und bleibt also ein Kompromiss zwischen Naturschutz und vielfältigen Nutzungsinteressen. Andererseits: Wenn man damals keinen Nationalpark eingerichtet hätte – wie sähe es dann heute bei uns an der Küste aus? Durch die Unterschutzstellung wurden die Begehrlichkeiten, die eine Zerstörung des Naturraums nach sich ziehen, wenigstens begrenzt – jeder Eingriff muss einzeln ausverhandelt werden, es sind viele Auflagen einzuhalten und wenn Beeinträchtigungen nicht vermeidbar sind, muss der Verlust von Naturwerten an anderer Stelle kompensiert werden. Nicht toll, aber besser als nichts. Sagen wir also: das Glas ist halbvoll.

1 Die gemeinsame Erklärung wurde im Rahmen der Wattenmeer-Koordination am 9. August 2016 von folgenden Verbänden unterzeichnet:
Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) Landesverband Niedersachsen sowie Landesverband Bremen, WWF Deutschland, Naturschutzbund Deutschland (NABU) Landesverband Niedersachsen, NaturFreunde Deutschland e.V. Landesverband Niedersachsen, Landesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz Niedersachsen e.V. (LBU), Niedersächsischer Heimatbund e.V. (NHB), Naturschutzverband Niedersachsen e.V. (NVN), Wissenschaftliche Arbeitsgemeinschaft für Natur- und Umweltschutz e.V. (WAU) sowie Der Mellumrat e.V.

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