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Nov 012011
 

Al Chafia Hammadi (Die Linke)

Die Stimme für die Leute, die keine Stimme haben

Al Chafia Hammadi 2011

Al Chafia Hammadi

(hk) Die Wilhelmshavener Linke konnte bei den Kommunalwahlen nicht die Stimmenzahl erzielen, die sie erhofft hatte. Sie landete mit 2,9% abgeschlagen hinter WBV, Freie Wähler und sogar der FDP auf dem 8. Platz und wird mit nur einem Mandat im Rat vertreten sein. Mit Al Chafia Hammadi wird erstmals ein Wilhelmshavener mit Migrationshintergrund im Rat der Stadt Platz nehmen. Wir sprachen vor seiner ersten Ratssitzung mit Al Chafia Hammadi.

Gegenwind: Herr Hammadi, warum haben Sie für den Stadtrat kandidiert?

Hammadi: Das hat mit meinem Migrationshintergrund zu tun. Ich wollte zeigen, dass ich mich integriert habe. Integriert sein heißt mitbestimmen, heißt versuchen, die Zukunft zu gestalten. Es reicht nicht, dass man sich über die Umstände beschwert, sondern man muss auch selbst mit anpacken. Jeder leistet seinen Beitrag dazu, und ich leiste meinen Beitrag jetzt dazu mit meinem Einzug in den Rat der Stadt Wilhelmshaven. Ich möchte darauf aufmerksam machen, dass wir alle zusammenarbeiten müssen und dass wir uns entgegenkommen sollen. Integration spielt ja eine große Rolle, und das ist ja nicht nur Integration der Migranten, sondern ich möchte auch die gebürtigen Deutschen in ein gemeinsames Miteinander, in eine gemeinsame Zukunft integrieren. Dafür trete ich ein, und da gibt es Missstände in der Stadt, ganz besonders in der Südstadt.

Fühlen Sie sich mehr als Ausländer oder mehr als Deutscher?

Das ist eine große Frage. Auf die Frage: Woher kommen Sie? sage ich: Ich bin Deutscher und lebe über die Hälfte meines Lebens in Deutschland. Ich bin 39 Jahre alt, ich bin hier aufgewachsen, meine Jugend, erste Freunde, erste Freundin et cetera. Ich habe hier meine Freunde und sonst nirgendwo, hier fühle ich mich zu Hause. Ich möchte versuchen, meine Zukunft, unsere Zukunft, mitzugestalten. Ich habe auch meine Sicht der Dinge, und die möchte ich mit einbringen. Damit möchte ich sagen, dass ich Deutscher bin, Deutscher mit Migrationshintergrund.

Warum sind Sie bei der Linken?

Ich habe sozialistische Wurzeln – das liegt in der Familie. Als ich das erste Mal zur Linken gegangen bin, habe ich nicht daran gedacht zu kandidieren – das ist auch schon 4, 5 Jahre her, da hab ich an Kandidatur und Rat überhaupt nicht gedacht. Es ging damals um andere Fragen – was da im Nahen Osten, im Libanon passiert. Ich habe mich betroffen gefühlt – Ohnmacht gefühlt. Das hat mich motiviert, die Leute wach zu rütteln, wir leben nebeneinander und wissen so wenig voneinander. Ich versuche jedenfalls zu zeigen, dass es gar nicht so ist, wie es im Fernsehen gezeigt wird, dass wir auch Menschen mit Hoffnungen, mit Ängsten sind. Wir wollen eine bessere Zukunft für unsere Kinder, für uns alle. Hauptsächlich bin ich zur Linken gegangen, weil das in der Familie verwurzelt ist und weil mein Vater, meine Cousins, meine Onkel, halt die ganze Familie, schon links gewesen ist. Ich bin so groß geworden, so erzogen worden.

Wie wollen Sie jetzt im Stadtrat arbeiten?Haben Sie schon Kontakte mit anderen Parteien oder Gruppen gehabt?

Gespräche habe ich geführt. Ich finde es schade, dass die meisten Parteien „Linke? Nein danke“ sagen, „Mit Linken wollen wir nicht arbeiten“. Ich finde das nicht demokratisch. Wir wollen ja alle etwas für die Stadt machen. Persönliche Vorwürfe oder was auch immer, das kann man ja außerhalb des Rates erledigen. Ich möchte in der Stadt, insbesondere hier in der Südstadt, etwas verändern; meine Vorurteile lasse ich draußen und möchte allein für die Stadt etwas tun. Warum die anderen nicht mit mir zusammen arbeiten – da müssen Sie die anderen fragen – ich weiß nicht, was die gegen Linke haben.

Aber Sie hatten Kontakte …

…es gab unverbindliche Gespräche, auch ich selbst habe Gespräche gesucht, ich habe versucht, den Parteien zu sagen: Ich bin für die Linke hier, die Linke steht hinter mir, die wollen auch mitarbeiten, die Zukunft zu gestalten. Vielleicht brauchen die uns nicht – wir haben ja nur ein Grundmandat. Mit meinem Hintergrundwissen bezüglich Migrations- und Integrationsfragen denke ich, dass die mit uns kooperieren sollten. Das sind ja auch meine Schwerpunkte, wofür ich angetreten bin. Ich werde auch nicht aufhören, die anderen Parteien anzusprechen – im Rat und auch privat – auch wenn die keine Gruppenarbeit mit uns eingehen. Ich meine, manche Leute urteilen, aber möchten nicht verurteilt oder vorverurteilt werden. Das hat ja auch Jesus gesagt: Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet. Und das möchte keiner, keiner möchte gerichtet werden – aber die richten. Ich werde weiterhin das Gespräch mit den anderen Parteien suchen, damit die mich bei irgendwelchen Anfragen oder Anträgen unterstützen. Ich kann nur dafür plädieren, mit uns zusammenzuarbeiten – das wäre ein Gewinn für alle und kein Verlust, kein Imageverlust für irgendjemanden. Ich möchte im Rat arbeiten, und das ist das Ausschlaggebende.

Haben Sie konkrete Forderungen zum Bereich der Südstadt?

Wir haben Eckpunkte für Wilhelmshaven, wir haben ein Wahlprogramm. Wir fordern z.B. ein selbstverwaltetes Jugendzentrum für die Südstadt – ich weiß, das wird nicht einfach, das zu verwirklichen. Die Südstadt ist ein Brennpunkt, es gibt hier sehr viele Jugendliche und für die gibt es kein Jugendzentrum. Jetzt sagt man: Okay, wir haben das Point – aber wir brauchen etwas direkt hier, hier, wo die Jugendlichen sind, da wo es wirklich brennt, wo die Konzentration bestimmter sozialer Schichten und Probleme ist. Das ist ja die generelle Politik, das ist ja nicht nur dieses selbstverwaltete Jugendzentrum, da laufen ja mehrere Schienen nebeneinander, damit dann für die Migranten, aber auch für die deutschen Jugendlichen etwas erreicht wird, sich etwas ändert. Ich habe gehört, dass die Migrationsberatungsstelle der Stadt abgeschafft werden soll, wenn Frau Janss in Rente geht – das finde ich unmöglich. Wir reden über Integration und wollen die Migrationsberatung abschaffen – wie geht das denn? Sitzt dann da nur noch Herr Paesler?

Wie wollen Sie Ihre Schwerpunkte im Rat deutlich machen?

Mich interessiert zum Beispiel die Mitarbeit im Ausschuss Soziales/Gesundheit und Jugendpflege. Ich arbeite gerne mit Jugendlichen. Man muss sich austauschen, was wollen die Jugendlichen, was sind deren Hoffungen, was sind deren Ängste, was kann man mit denen machen, was kann man nicht machen. Viele Jugendliche mit Migrationshintergrund fallen ja auch auf – es gibt dieses Vorurteil „Ausländer gleich Kriminelle“. Ich möchte gegen Vorurteile arbeiten und versuchen, das auf eine gerade Schiene zu bekommen. Ich bin kein Missionar, aber wir leben hier, unser Leben ist hier, unsere Familien sind hier, meine Familie ist hier, meine Eltern, meine Schwestern, meine Nichten – wir sind hier in unserer Heimat. Meine ganze Familie lebt hier. Ich weiß nicht, was man noch mehr sagen und beweisen soll, damit man sagt, ich bin hier beheimatet und ich bin hier integriert. Ich verstehe unter Integration z.B. nicht, das ich mich total anpasse und mir die Haare blond färbe, um manchen Leuten zu gefallen – nein, ich kann eine Bereicherung sein, wir können alle füreinander eine Bereicherung sein, können voneinander lernen. Ich bringe ein Stück von meiner Kultur mit rein in die deutsche Kultur.

Integration wird ja nun nicht ständiges Thema im Rat sein. Da geht es um Bebauungspläne, Straßenbau, Schulschließungen, Industrieansiedlungen. Wie wollen Sie da ran gehen?

Da werde ich natürlich erst einmal die Anträge, die Vorgänge lesen, hinterfragen und dann entscheiden. Ich bin zwar unabhängig, aber ich lasse mich da natürlich beraten, ich höre mir die anderen Meinungen an, aber ich selbst entscheide dann letztendlich.

Wie sieht es mit der Unterstützung durch die Partei aus?

Ich habe die Partei hinter mir, das ist mir zugesichert worden. Unser Ziel, unsere Motivation ist weiterhin, mit den Menschen auf der Straße zusammenzuarbeiten. Das sind die Linken: Auf der Straße präsent sein, ansprechbar sein. Auch wenn wir vielleicht im Rat nicht viel bewirken können, ich möchte den Leuten eine Stimme geben, die keine Stimme haben.

Vielen Dank für das Gespräch.
 

Al Chafia Hammadi ist 39 Jahre alt, stammt aus dem Libanon und wohnt seit 23 Jahren in Wilhelmshaven. Er hat die IGS besucht und sein Abitur gemacht, konnte danach aber keinen Beruf erlernen, weil er als Asylbewerber nicht arbeiten durfte. Er unternahm mehrere Versuche, im Pflegebereich Fuß zu fassen, scheiterte aber immer an bürokratischen Hindernissen, die meist in Zusammenhang mit seinem Migrantenstatus standen. Nachdem er vor knapp 5 Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft bekam, versuchte er erneut in einen Pflegeberuf einzusteigen. Aber auch hier gab es wieder Schwierigkeiten, so dass er auch heute noch ohne Beruf ist, sich aber ständig um einen Job bemüht.

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