Gefährdete Stadtnatur

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Jun 142017
 

Wilhelmshaven: (K)ein Platz für wilde Tiere?

BUND-Kreisgruppe bemängelt den fahrlässigen Umgang mit städtischen Naturschätzen – „Natur als Chance wahrnehmen und nicht als Bedrohung“

Kiebitzpaar. Foto: Gegenwind

Vor dem Bagger konnte der Kiebitzpapa seine Küken nicht beschützen. Foto: Gegenwind

Flussseeschwalben, Steinwälzer, Zwergtaucher, Seehunde, Schweinswale: So manche Kommune könnte neidisch sein auf diese und weitere Naturschätze, die rund ums Jahr im maritimen Herzen unserer Stadt präsent sind und Einheimischen ein großes Stück Lebensqualität und ihren Gästen einmalige Urlaubserlebnisse vermitteln.

In diesem Frühjahr bahnte sich am Handelshafen eine kleine Sensation an: Gleich zwei Kiebitzpaare hatten sich das brachliegende Gelände des ehemaligen Schlachthofes als Kinderstube ausgesucht. Ein ideales Bruthabitat mit flachen Tümpeln und niedrigem Bewuchs, wie es diese scheuen Wiesenbrüter in der freien Landschaft immer seltener finden. Ein naturliebender Anwohner nahm die werdenden Vogeleltern unter seine Fittiche, die Naturschutzbehörde setzte den Eigentümer in Kenntnis mit der Auflage, vor Ende der Brutzeit dort keine Bautätigkeiten vorzunehmen, was dieser laut Aussage in einem Zeitungsbericht sowieso nicht beabsichtigte.

Auf der anderen Seite des Hafens, an der Kaikante der Firma Alba, brütete derweil ein Paar Austernfischer. Auf Höhe des ehemaligen Jadebades kann man jetzt die fürsorglichen Eltern mit den mittlerweile geschlüpften zwei Küken beobachten.

Für die Kiebitze und weitere Brutvögel am Schlachthof gab es leider kein Happy End: Ende Mai beauftragte der Grundstückseigentümer eine Baufirma, die Tümpel zu verfüllen, und bevor von Anwohnern alarmierte Ordnungskräfte am Tatort eintrafen, war es um die Küken geschehen.

Laut WZ-Bericht hat der Eigentümer den Eingriff so gerechtfertigt: „Weil Kinder immer wieder den Bauzaun überwunden oder niedergelegt haben und auf das Gelände gegangen sind, habe ich entschieden, die Tümpel zu verfüllen, um Gefahrenstellen zu beseitigen. Das hat für mich einen höheren Stellenwert. Gegen die Kiebitze war die Maßnahme nicht gerichtet. Mir war die Problematik nicht so bewusst, weil es so ein Riesengrundstück ist.“

Problembewusstsein hin oder her, ein Bescheid der städtischen Fachbehörde ist auch für einen Investor bindend und er kann nicht autonom eine abweichende Entscheidung fällen und umsetzen. Warum die Wasserpfützen auf dem Gelände eine größere Gefahr für Kinder sein sollen als das völlig ungesicherte, benachbarte tiefe Hafenbecken, bleibt sein Geheimnis. Vor allem aber: Wären ständig Kinder dort unterwegs gewesen, hätten die besonders störungsempfindlichen Kiebitze dort gar nicht erst gebrütet bzw. hätten die Brut aufgegeben.

Ein Mitglied der BUND Kreisgruppe stand Tage später reglos vor dem (intakten!) Bauzaun und beobachtete ein verwaistes Kiebitzelternpaar, das sich dem letzten verbliebenen flachen Tümpel wenige Meter vorm Zaun annäherte. In dem Moment schossen vier kleinere Hunde unterm Zaun durch auf die Vögel zu, die sofort von der Bildfläche verschwanden. „Die Hunde machen ja nichts und sind auch gleich wieder hier und die Gelege sind ja sowieso futsch“, sagten die darauf angesprochenen Hundehalter.

Die zitierten Äußerungen belegen, dass es vielfach am Bewusstsein und Verständnis für die bemerkenswerten Naturschätze unserer Stadt fehlt. Es ist ja nicht das erste Mal, dass ausgerechnet eine Vogel-Kinderstube mit einem Handstreich vernichtet wird. Vor drei Jahren schob ein Bagger während der Brutzeit einen Tümpel zu, der sich auf dem „Kartoffelgrundstück“ am Grodendamm entwickelt hatte. Passanten mussten hilflos zuschauen, wie der Nachwuchs mehrerer Entenpaare unter dem Bagger verschwand. So wurde Parkraum für das wenig später stattfindende Wochenende an der Jade geschaffen.

Aus Eigennutz argumentiert der Eigentümer des Schlachthofgeländes mit „Natur als Gefahr für Kinder“. Wie schön ist stattdessen die Vorstellung, dass ganze Schulklassen aus respektvollem Abstand, vom Zaun aus, die Chance gehabt hätten, die Kiebitzfamilien zu beobachten?

Gerade wurde mit Stolz verkündet, dass eine 14-jährige aus Wilhelmshaven im Rahmen der „World Oceans Conference“ vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen in New York sprechen durfte. Es ist großartig, dass sich junge WilhelmshavenerInnen als Junior Ranger oder anderweitig für die Natur engagieren und sogar global in Aktion treten, aber es geht doch nicht an, ihr Beifall zu klatschen und im gleichen Atemzug die Werte, die sie vertritt, auf lokaler Ebene zu ignorieren und zu vernichten.

Nur ein Vogelküken? Nur ein Baum? Nur ein Tümpel? Wilhelmshaven ist Mitglied im „Bündnis der Kommunen für biologische Vielfalt“. Soll dies kein Lippenbekenntnis bleiben, muss es auch gelebt werden. Der BUND und andere Naturschutzverbände und die Naturschutzbehörde allein können es nicht richten. An der häppchenweisen Vernichtung von Tieren, Pflanzen und ihren Lebensräumen wird sich nichts ändern, solange nicht alle VertreterInnen von Rat und Verwaltung, UnternehmerInnen, GrundstückseigentümerInnen und BürgerInnen ein wirkliches Bewusstsein für die Natur entwickeln, Achtung und Empathie für ihre Mitgeschöpfe empfinden und in der Konsequenz auch nach diesem Bekenntnis handeln.

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