Outlet-Diskussion im Radio

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Mai 042017
 

The show must go on - wann platzt die Bombe?

Foto: Gegenwind

Foto: Gegenwind

(iz) Ob Strandkorbstreit, Kunsthalle, Bismarck-Denkmal: Das Nordwestradio kommt immer wieder gern nach Wilhelmshaven, um sich in einer Livesendung lokaler Aufreger-Themen anzunehmen. Jetzt hat sich Redakteur Christian Erber das geplante „Wilhelms Outlet“ vorgeknöpft. Solch eine live übertragene Podiumsdiskussion unter Leitung eines externen Moderators bietet die Chance, mal offen und sachbezogen miteinander zu reden. Voraussetzung ist natürlich, dass die wesentlichen Akteure sich der Diskussion stellen …

Weit mehr als hundert Interessierte kamen ins Gorch-Fock-Haus mit der vagen Hoffnung, die wahren Gründe für den stockenden Fortgang des Outlet-Projektes zu erfahren. Allerdings war vorher schon klar gewesen, dass Jan Dieter Leuze, Geschäftsführer der „Kaiser Wilhelm Objektgesellschaft“, eine Teilnahme ablehnte. „Seine Erklärung für die Verzögerung: unter anderem Schwierigkeiten bei der Finanzierung, weil Banken nicht einsteigen wollen, und er deswegen auf private Investoren angewiesen ist, und bestimmte Baumaschinen nicht zur Verfügung stehen“, zitierte Stefan Pulß, der die Sendung routiniert moderierte. Ein paar hundert Meter weiter zieht Bodo Behnke unverdrossen ein neues Wohn- und Geschäftshaus hoch (Projekt „Alte Post“), sollte er etwa die erforderlichen Baumaschinen blockieren? Aber die dort ebenfalls erforderliche Pfahlgründung ist doch längst abgeschlossen?

Auch Oberbürgermeister Andreas Wagner schlug die Einladung aufs Podium aus. Stattdessen musste Baudezernent Oliver Leinert als städtisches Sprachrohr in die Bütt. Stefan Hellwig, CDU-Fraktionsvorsitzender im Stadtrat, erteilte der Redaktion eine Absage mit der Begründung, „man sähe keinen Diskussionsbedarf“, berichtete Pulß. Gelächter im Publikum.

„Dieses Wegducken ist ein desaströses Zeichen“. Christian Erber

Die Sendung war aber nun mal im Programm eingeplant, und so holte man aufs Podium:

  •  Michael von Teichman, Ratsherr, FDP Wilhelmshaven, bekannt für seine Scharfzüngigkeit
  • Howard Jacques, Fraktionsvorsitzender SPD Wilhelmshaven
  • Laura Kutsche, Einzelhändlerin, Wilhelmshaven
  • Marcus Jurk, Admin der Facebook-Gruppe “Wenn du Wilhelmshaven kennst“ mit fast 14000 Mitgliedern
  • Michael Konken, Chefredakteur Radio Jade, dessen Redaktion sich kritisch hinter heikle Themen klemmt

Freilich konnte dieses Podium kein Licht ins Dunkel bringen oder Neuigkeiten vermelden, aber immerhin die Vielfalt der Ungereimtheiten rund um das Outlet einmal geballt zusammentragen und die Sinnhaftigkeit eines Outletcenters inmitten der Stadt und dessen Auswirkungen auf den Einzelhandel erneut hinterfragen. Wir wollen hier aber nicht alles nochmal wiedergeben, was bereits vielfach in den Medien oder einschlägigen Facebook-Gruppen thematisiert wurde.

Der Bürger fühlt sich veräppelt

Marcus Jurk hat festgestellt, dass die anfängliche zustimmende Euphorie für das Outletcenter in seiner Facebook-Gruppe verflogen ist. „Mittlerweile glaubt man nicht mehr daran, der Bürger hat den Eindruck, er wird veräppelt“.

Wenig thematisiert wird in der Lokalpresse das Verkehrsproblem, das in der Diskussion unter anderem Laura Kutsche aufgriff: Wie ist die unmittelbare Nähe zu einer Grundschule mit dem zu erwartenden Lieferverkehr (LKW) und dem Kundenverkehr vereinbar? Über welche Straße werden die Autos der prognostizierten über 1000 Kunden täglich herangeführt und wo sollen sie parken?

Leinert bemühte sich zu erklären, dass die Stadt wenig Einfluss darauf habe, ob bzw. wann der Investor sein Vorhaben auf dem Grundstück realisiert. „Wir leben zum Glück in einem Rechtsstaat“. Dabei stellt sich die Frage, ob die Stadt ihre rechtlichen Möglichkeiten ausgeschöpft hat, um ihre Planungshoheit durchzusetzen. So besteht z. B. nach Baugesetzbuch grundsätzlich die Möglichkeit, ein Baugebot zu erlassen, dem Investor eine Frist zu setzen. Das hängt natürlich davon ab, ob es, wie in diesem Fall, schon einen gültigen Bebauungsplan gibt oder ob ein neuer aufgestellt wird, den man entsprechend ausgestalten kann, und wie die Eigentumsverhältnisse sind (hier kann die Stadt präventiv ihr Vorkaufsrecht nutzen). Das C&A-Gelände ist ja nicht das einzige Trümmergrundstück in der Stadt, auf dem nix passiert, und irgendwann sollte man aus Fehlern lernen.

In Gelnhausen, wo Leuze ein „Barbarossa-Outlet“ realisieren will, wurde ihm eine Frist gesetzt. Parallel zur Radiodiskussion tagte der Stadtrat in Gelnhausen und beschloss mehrheitlich, die ablaufende Frist um sechs Monate zu verlängern. Wenn nix läuft, ist er in absehbarer Zeit raus.

Leinerts Ausführungen, der Stadt seien die Hände gebunden, sind auch in anderer Hinsicht bemerkenswert: Spätestens vor den nächsten Wahlen, aber auch in Neujahrsansprachen und anderen Sonntagsreden, werden die Wagners und Hellwigs dieser Welt wieder aufzählen, welche Projekte dank ihres persönlichen Einsatzes bzw. der CDU realisiert wurden. Aber wenn sie doch, wegen des Rechtsstaates, gar keinen Einfluss darauf haben, was Investoren in der Stadt so treiben, wo liegt denn da ihr Verdienst?

„Der Oberbürgermeister möchte darüber derzeit gar nicht mehr sprechen, hat man den Eindruck.“
Stefan Pulß

Kritische Stimmen aus dem Publikum gab es bezüglich der Vorleistungen aus öffentlichen Kassen. Der Abriss des C&A-Gebäudes wurde zur Hälfte aus Bundes-, Landes- und städtischen Mitteln finanziert, sprich Steuergeldern, insgesamt eine halbe Million Euro. Laut Leinert eine „Ordnungsmaßnahme“ im Rahmen der städtebaulichen Sanierung. Da kamen Fragen im Publikum auf: War das alte Gebäude ein schlimmerer „Schandfleck“ als die jetzige Brache inmitten der City? Inwiefern profitiert der private Eigentümer von der Wertsteigerung des geräumten Grundstückes, z. B. bei einem Weiterverkauf? Welche Vorleistungen hat der Investor selbst denn bislang erbracht?

Inside out

Im Publikum sprang ein auswärtiger Teilnehmer (offenbar süddeutscher Herkunft) herum, der vor lauter Insiderwissen fast implodierte, dieses aber nicht am Mikrofon zum Besten geben wollte. Stattdessen schimpfte er fortwährend „die haben alle keine Ahnung, aber zu allem eine Meinung“. So ist das nun mal: Wenn Insider ihr Wissen nicht preisgeben, bleibt es Insiderwissen und dann darf man es der Öffentlichkeit nicht verübeln, wenn sie weiter grübelt und spekuliert.

Unterdessen soll, unbestätigten Gerüchten zufolge, draußen in der City eine Maybach-Limousine ihre Runden gedreht haben. Nebst „Gefolge“ aus Hannover. Wir zitieren hier nur, was da so halblaut die Runde machte – irgendwann wird sich alles zu einem Bild zusammenfügen. Am Ende blieb so eine Ahnung, dass in nicht allzu ferner Zeit die Bombe platzen wird. Wir haben drei Jahre gewartet, da machen ein paar Tage mehr auch nichts mehr aus. Unsere Empfehlung, die Zeit sinnvoll zu überbrücken:

Bei inhabergeführten lokalen Bekleidungsgeschäften mit netter persönlicher Beratung einkaufen.

Bei einer Tasse Tee im Internet surfen, z. B. unter den Suchbegriffen: (Jan Dieter) Leuze, Uwe Kleiner, Bauunion, Freiburg, Manfred Rietzler, Füssen, Gelnhausen. Da werden neben Zeitungsartikeln auch Einträge im Handelsregister zur spannenden Lektüre.

Hier gibt’s die Radiosendung zum Nachhören in der Mediathek

Siehe hierzu auch die Pressemitteilung der FDP

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