Flüchtlinge in der KKG-Sporthalle

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Okt 222015
 

Entspanntes Miteinander

Wilhelmshaven sagt Moin

(iz) Zwei Tage nach der Ankunft von über hundert Flüchtlingen in der kurzfristig zur Notunterkunft umfunktionierten Sporthalle des ehemaligen Käthe-Kollwitz-Gymnasiums schilderten heute Vertreter von Stadt und Polizei in einem Pressegespräch die Sachlage. Alle zeigten sich menschlich tief beeindruckt von der Begegnung mit den Gästen, die vorübergehend die Hilfe der WilhelmshavenerInnen benötigen.

„Diese ganze Geschichte berührt mich auch persönlich“, erklärt Kriminalhauptkommissar Andreas Kreye. „Meine Eltern stammen aus Ostpreußen und als Kind konnte ich irgendwann ihre Fluchtgeschichten nicht mehr hören“. Jetzt sieht er das unter einem anderen Blickwinkel. „Da kommen Menschen zu uns, die nichts mehr besitzen als das, was sie in ein paar Taschen bei sich tragen“. Manche haben gar kein Gepäck. Alles zurücklassen, eine gefährliche Reise auf sich nehmen – „das machen die nicht aus Langeweile. Für seine Kinder versucht man nun mal das Beste – und alles ist besser, als in der Heimat zu sterben“.

Kein Wort der Klage. „Wir haben viel zu tun in dieser Zeit, aber es geht uns gut dabei. Wir haben eine neue Aufgabe und wir tun das, was wir gut können“. Kreye und seine Kollegen „erleben historische Momente“ und sind mittendrin.

Auch Mitarbeiter der Stadt setzen sich über den Dienst hinaus bis in den Abend für die Flüchtlinge ein – freiwillig, wie OB Andreas Wagner betont. Darüber hinaus melden sich ehemalige städtische Bedienstete als ehrenamtliche Unterstützer. Und nicht zuletzt ist das bürgerschaftliche Engagement der Flüchtlingshilfe Wilhelmshaven um Ann Clausing eine tragende Säule des Aufnahmeprojektes. Eine Aufgabe, der sich die Stadt in Amtshilfe für das Land Niedersachsen stellen muss, die alle Beteiligten stark fordert, aber offenbar auch sehr bereichert.

Am 20. Oktober kamen 111 Flüchtlinge mit zwei Bussen aus Hannover in Wilhelmshaven an. Sie wurden zunächst registriert und einem Sicherheits- und Gesundheitscheck unterzogen. „Erst haben wir Handschuhe und Mundschutz angelegt“, erzählt Kreye, „aber schnell abgelegt, als wir erkannten, dass da nicht mehr Krankheiten zu erwarten waren als in jedem Kindergarten“. Auch sicherheitstechnisch gab es keine Beanstandungen. „Von der Unterkunft geht keinerlei Gefahr aus“. Doch die Polizei hat auch die Gefahren außerhalb der Unterkünfte im Blick. Am ersten Tag standen „einige Schaulustige“ herum, von denen gegebenenfalls “Schwierigkeiten zu erwarten“ waren. „Die kriegen von uns eine schnelle Ansprache“, so Kreye, „und da werden wir auch nicht nachlassen“. Das gelte auch für die geplante Unterkunft in der Albrechtstraße. Auch auf Facebook behalte die Polizei „Wilgida“ & Co stets im Blick.

Man habe sich vorab in Bramsche und anderen Unterkünften einen Eindruck verschafft, berichtete Carsten Feist, städtischer Referatsleiter für Jugend, Familie, Sport und Bildung. „Wir betrachten das Flüchtlingsthema nicht durch eine rosarote Brille und bleiben aufmerksam.“ Die Flüchtlingsgemeinschaft in der Sporthalle zeige sich jedoch bislang als ruhig, freundlich, dankbar, diszipliniert, solidarisch, verantwortungsbewusst und eigeninitiativ. Sie haben selbst einen Platzdienst organisiert, kümmern sich um die Reinhaltung der sanitären Anlagen und des Außenbereiches, packen mit an, wenn Lieferungen entladen werden müssen. „Die haben hier keine Hängematte erwartet“, so Feist. Wer vor dem Bombenhagel fliehe, empfinde die Übernachtung zusammen mit 50 Menschen in einem Raum nicht als Zumutung. Zur Nachtzeit herrsche rücksichtsvolle Disziplin, „das ist anders, als wenn die Sportjugend in Turnhallen übernachtet“.

Zum Austoben ist das Außengelände da. Die Kleinen fegen mit Bobbycars über den Schulhof. Schon legendär ist ein Fußballspiel einer Gruppe syrischer Mädchen gegen zwei Polizisten und vier Soldaten – das die Mädels gewonnen haben.

„Diese Menschen sind unsere Gäste, keine Gefangenen!“ betont Feist. „Wilhelmshaven ist nicht der Endpunkt ihrer Reise, aber sie können hier erstmal zur Ruhe kommen“. Und diese Zeit nutzen, um die Zukunft zu organisieren. 27 der Ankömmlinge sind bereits weitergereist zu Verwandten, die an anderen Orten untergekommen sind. Manche Familien wurden auf der Flucht getrennt. Mobiltelefone sind ein wichtiges Hilfsmittel, um den Kontakt zu Familie und Freunden nicht zu verlieren oder um verlorene Ehepartner oder Kinder wiederzufinden. Wer weiterreisen möchte, erhält von der Stadt kein Geld, keine Fahrkarten, aber logistische Unterstützung.

Derzeit sind noch 78 Menschen in der Sporthalle untergebracht, die meisten davon kommen aus Syrien, an zweiter Stelle stehen die Iraker, an dritter Afghanen. Das Gros stamme, so Feist, aus der bürgerlichen Mittelschicht, insgesamt sei es ein normaler Querschnitt durch die Gesellschaft, vereinzelt seien auch Analphabeten vertreten, auf der anderen Seite Hochqualifizierte.

Die Notunterkunft ist kein Gefangenenlager „und auch kein Zoo“, so OB Wagner. Gaffer seien unerwünscht, bisher aber auch nicht aufgetreten. Die Nachbarschaft verhalte sich sehr entspannt, gehe dort spazieren, einkaufen, Hunde ausführen wie immer. Der Zugang aufs Gelände ist nur authorisierten Helfern gestattet und wird durch Sicherheitskräfte kontrolliert.

Beim Bürgertelefon (04421-161616) gingen seit der Freischaltung am Dienstag etwa 40 Anrufe ein von Menschen, die den Flüchtlingen gern helfen möchten. Nörgler gab es auf dieser Leitung bislang nicht. Angebotene Bargeldspenden können im Rathaus nicht verwertet werden, da ist die Flüchtlingshilfe Wilhelmshaven der richtige Adressat (Kontakt über Facebook oder Bürgertelefon). An Sachspenden werden aktuell Kinderbekleidung und –buggies benötigt.. Das Engagement von Pflegepersonal, Ärzten und Sprachkundigen ist bereits groß, weitere Unterstützung ist jedoch willkommen. Insbesondere werden DolmetscherInnen für Farsi benötigt, das im Iran und in Afghanistan gesprochen wird.

Marion Fiedelak, Referatsleiterin für Bürgerangelegenheiten und Recht, bestätigte den Eindruck ihrer Kollegen, dass die Stimmung in der Notunterkunft angenehm und entspannt ist. Somit haben nicht nur die vielen HelferInnen, sondern auch die Flüchtlinge selbst zu einem „hervorragend geglückten Ablauf“ dieses anspruchsvollen Projektes beigetragen.

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