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Dez 192006
 

Wie wird man Amokläufer?

Über eine interessante Diskussionsveranstaltung

(noa) „Virtuelle Welt – soziale Wirklichkeit – eine tödliche Begegnung?“ – so lautete der Titel einer besonderen Veranstaltung am 13. Dezember. Die linke alternative wilhelmshaven (LAW) und der Wilhelmshavener Kinder- und Jugendpsychiater und –psychothrerapeut Michael Schlicksbier-Hepp hatten eingeladen zu einer Diskussion des Abschiedsbriefes von Sebastian B.

Sebastian B., das war der Amokläufer von Emsdetten. Seit seiner Tat in seiner ehemaligen Schule, der Geschwister-Scholl-Schule in Emsdetten, vergeht kaum ein Tag, an dem nicht über Maßnahmen gegen „Killerspiele“ nachgedacht wird. Dabei wird unterstellt, Sebastian B., der einige Menschen verletzt und am Ende sich selbst getötet hat, sei durch solche Spiele zu seiner Tat veranlasst worden.
Mittlerweile gab es im Internet Ankündigungen zu weiteren solchen Taten – und entsprechende Reaktionen von Politikern. Diese Vorschläge reichen von der Indizierung dieser Spiele über Verbot des Vertriebs bis hin zur Idee (aus Bayern), der Besitz eines solchen Spiels solle mit bis zu zwei Jahren Haft geahndet werden. Auch einige „Trittbrettfahrer“ – Menschen (um es genauer zu sagen: Männer), die im Internet Amokläufe an Schulen ankündigten, um ihrer Freundin einen schulfreien Tag zu verschaffen, um zu schocken oder auch ohne irgendeinen nachvollziehbaren Grund – wurden ermittelt und zum Teil blitzschnell ins Gefängnis geworfen.
Sebastians B.’s Abschiedsbrief ist unmittelbar nach seinem Amoklauf aus dem Internet beseitigt worden. Was er direkt vor seinem „Rachefeldzug“ schrieb, belegt keineswegs, dass er durch Gewaltspiele zu Mordversuchen und Selbstmord getrieben worden wäre. Sein Abschiedsbrief zeugt von tiefer Verzweiflung, die ähnlich von vielen anderen Jugendlichen empfunden wird, und enthält außerdem einiges an Gesellschaftskritik.
Das war für die LAW der Grund, einen Fachmenschen auf dem Gebiet von Seelenzuständen junger Menschen zur Diskussion dazuzubitten, und nach vierstündigem Gespräch waren sich alle Beteiligten – die LAW-Mitglieder, die dabei waren, und die Gäste, die nicht der LAW angehören – einig, dass es sich gelohnt hatte, weil sie alle Denkanstöße bekommen haben.
AmokHerr Schlicksbier-Hepp war erst durch die LAW-Anfrage auf den Abschiedsbrief von Sebastian B. gestoßen, hatte ihn durchgearbeitet und passagenweise nicht nur aus psychologischer und psychiatrischer, sondern auch aus gesellschaftspolitischer Sicht reflektiert und kommentiert. Der Brief und Schlicksbier-Hepps Gedanken dazu sind zusammen so umfangreich, dass sie den Rahmen eines Gegenwind-Artikels weit überschreiten würden. Sie sind jedoch unter www.ganzheitlichesicht.de nachzulesen.
Einige der größtenteils längst nicht mehr jugendlichen männlichen LAW-Mitglieder berichteten von ihren damaligen Erfahrungen mit Gewalt und Aggressivität und reflektierten sie unter dem Eindruck der Sichtweise des Täters von Emsdetten. Fragen nach den Lebensumständen von Kindern und Jugendlichen heute – angesichts von immer mehr Ein-Eltern-Familien, von wachsender Armut und sozialer Perspektivlosigkeit – wurden aufgeworfen und erwogen. Die aktuelle Frage nach dem Zusammenhang von Gewaltspielen für den PC und die Spielkonsole mit tatsächlicher Gewalt war ebenfalls Thema. Es gibt einen Zusammenhang zwischen Dissozialität und dem Konsum von Gewaltspielen, so eine Kinderärztin. Doch ob es sich dabei um einen kausalen Zusammenhang handelt und, wenn ja, in welche Richtung dann die Kausalität ginge, ist nicht nachgewiesen. Schlicksbier-Hepp berichtete von einer Vielzahl von Faktoren, die zusammenwirken müssen, bevor ein junger Mann (Mädchen machen so etwas nämlich nicht) einen suizidalen Amoklauf unternimmt, und davon, dass nicht nachweisbar ist, wie sich die Lage beim Fehlen auch nur eines einzigen dieser Faktoren darstellen würde.
Diese Frage war eines der vorrangigen Anliegen der LAW gewesen: Hat es irgendeinen Sinn, die „Killerspiele“ zu verbieten, so wie es jetzt mal wieder von zahlreichen Politikern gefordert wird? Wie würde man im Falle einer Strafandrohung für den Besitz solcher Spiele sicherstellen wollen, dass man jemanden „erwischt“? Ist es nicht viel notwendiger, all die anderen gesellschaftlichen Bedingungen, die dazu beitragen, dass junge Menschen in einen psychischen Zustand geraten können, der sie zum Gewalttäter oder Amokläufer werden lässt, zu verändern? Und wie könnte das aussehen?
Johann Janssen, LAW-Ratsherr, sagte so ziemlich gegen Ende des langen Abends, ihm sei jedenfalls eines klar geworden: Es gibt neben der politischen Arbeit noch eine Menge anderes zu tun – der Sozialismus alleine wird es nicht richten.

 

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