Theater im Oceanis eröffnet

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Feb 102016
 

Rettung im Doppelpack

Die Junge Landesbühne zieht um – und ein historisches Gebäude wurde erhalten

Foto: Landesbühne

Foto: Landesbühne

(iz) Am 13. Februar wird das neue „Theater im Oceanis“ (TheOs“) offiziell eröffnet. Ab 19 Uhr werden Intendant Olaf Strieb und Eigentümerin Angelika Reichelt alle Gäste am Eingang begrüßen. Der Festakt beginnt um 19 Uhr 30 (alle müssen dann sitzen!!). Auch Ministerin Gabriele Heinen-Kljajic (Wissenschaft und Kultur) ist als Gastrednerin dabei. Um 20 Uhr beginnt dann die Eröffnungspremiere des Musicals „The Fantasticks“.

Mehr als ein Vierteljahrhundert war die Junge Landesbühne als Mieter in der Rheinstraße 91 zuhause und das Bistro „Spectakel“ das Wohnzimmer (nicht nur) der Ensemblemitglieder. Durch Renovierungsstau fiel Ensemble und Publikum zunehmend – im wahrsten Sinne des Wortes – die Decke auf den Kopf, ein Umzug war unausweichlich. Strieb ist trotz Abschiedsschmerz überglücklich, dass nicht IRGENDEIN Ersatz gefunden wurde, sondern die wohl denkbar schönste Spielstätte: lichte Räume in einem historischen Gebäude direkt am Hafen.

Ein schönes Beispiel für „Erhalt durch Nutzung“. Frau Reichelt wusste zuerst nichts mit den 6 Meter hohen Räumen im „Oceanis“-Erdgeschoss anzufangen, in erster Linie hatte sie am Standort Wohnraum geplant. Die Ratsmehrheit hatte Ende 2013 schon den Weg für den Abriss des fast 100 Jahre alten Gebäudes (früher Torpedohalle, später Kammgarnspinnerei) und Neubau geebnet.

Glückliche Fügung: Im März 2014 trafen sich der spielstättensuchende Intendant und die nutzungssuchende Investorin. Die Junge Landesbühne ist gerettet, das historische Gebäude ist gerettet, der Bontekai wird belebt.

„Unsere Vision war, das Jahre stillliegende Gebäude, welches mit seiner Lage am Großen Hafen geschichtsträchtig, aber auch zukunftsorientiert ist, und somit ein Stück Kultur am Leben zu erhalten. Wir wollten verhindern, dass aus dem Oceanis eine zweite Südzentrale wird.“
Angelika Reichelt

Dem Anlass angemessen, wurde zur Eröffnung ein besonderes Stück ausgewählt: „The Fantasticks“ lief seit der Uraufführung in New York 1960 ununterbrochen 42 Jahre lang an amerikanischen Bühnen, ein Rekord in der Theatergeschichte. Auch wenn fast jede/r den oft gecoverten Song „Try to remember“ summen kann: In Deutschland blieb das Musical weitgehend unbekannt. Das muss sich ändern, fand Strieb, der sich als Regisseur auf seine Wurzeln im „gepflegten Unterhaltungstheater“ besinnt.

„The Fantasticks“ ist eine Hommage an das Theater schlechthin, spielt – wie die mittelalterlichen Bänkelspiele – auf einer nackten Bretterbühne, zieht alle Register von urkomisch bis todtraurig, und immer wieder lugt der gute alte Shakespeare hervor. Mit dabei ein echter Pantomime und musikalische Untermalung ohne Einspieler vom Band. Zur Vorbereitung hat das Ensemble Kapazitäten mobilisiert, die eigentlich so schon ausgeschöpft sind, betont der dankbare Intendant.

Die Liebesgeschichte zwischen Matt und Luisa passt irgendwie auch symbolisch zur Liebesheirat zwischen dem Jungen Theater und dem alten Gebäude am Bontekai. Die Dinge sind nicht immer so, wie sie auf den ersten Blick scheinen; eine trennende Mauer kann eine Verbindung auch stärken; und oftmals braucht es Phantasie und Erfindungsgeist, um den Lauf der Dinge voranzubringen … mehr wird nicht verraten.

Die Vorstellungen bis Ende März sind bereits ausverkauft (wenige Restkarten), für die weiteren Aufführungen am 2., 6., 7., 9. und 23. April (jeweils 20 Uhr) sollte man sich ranhalten.

Am 18. Februar (um 21 Uhr) gibt’s den ersten „Roten Salon“ im TheOs: „A propos Krieg“ – Ein Abend gegen den Krieg – mit Schauspielern und Mitarbeitern der Landesbühne und Gästen.

 

Rettung in letzter Minute: Die Geschichte der Halle am Bontekai

Das Klinkergebäude am Bontekai 63 wurde um 1917 erbaut. Bis Ende des 2. Weltkrieges diente es als Torpedolager. Von 1951 bis 1993 beherbergte es die Kammgarnspinnerei Müller & Raschig. Zur „Expo am Meer“ im Jahr 2000 wurde es saniert, für 10 Jahre zog dort die Unterwasser-Erlebniswelt „Oceanis“ ein. Die Nachnutzung mit „Nordseewelten“ und 4-D-Kino floppte, auch die Gastronomie machte dicht, seitdem stand das Gebäude leer.

Im Dezember 2013 beschloss der Rat mit großer Mehrheit der Stadt den Abriss, zugunsten eines dreigeschossigen Neubaus. Nur FDP-Ratsherr Dr. Michael von Teichman sprach sich dagegen aus, „ein weiteres historisches Gebäude abzureißen“. Auch viele BürgerInnen zeigten sich empört und betroffen. Das Gebäude steht zwar formal nicht unter Denkmalschutz, ist aber trotzdem stadtbildprägend und erhaltenswert. Immerhin gab es mit Angelika Reichelt eine Investorin, allerdings schien es schwierig, ihre Planungen – Wohnen und Gewerbe – bei einer Raumhöhe von sechs Metern im Erdgeschoss im bestehenden Gebäude umzusetzen. Die Statik war immerhin solide und so wurde von verschiedenen Seiten an Reichelt herangetragen, zumindest die Außenhülle zu erhalten und nur das Innenleben umzubauen.

Etwa zur gleichen Zeit sah sich die Landesbühne gezwungen, sich nach einer neuen Studiobühne umzusehen. Seit 1989 war das Junge Theater als Mieter in der damals frisch renovierten Rheinstraße 91 beheimatet. Mittlerweile war der Saal war stark sanierungsbedürftig und nur noch begrenzt bespielbar. Im März 2014 kamen dann Intendant Olaf Strieb und Angelika Reichelt zu einem Gespräch zusammen mit einem für alle Seiten erfreulichen Ausgang: Für einen Theatersaal erwiesen sich die baulichen Gegebenheiten als ideal – das „Oceanis“-Gebäude wurde erhalten, das Erdgeschoss wurde zur neuen Studiobühne umgebaut – das „Theater im Oceanis“, kurz TheOs, war geboren.

 

 

 

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