Gedenken zur Reichspogromnacht

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Nov 112015
 

Über 100 Menschen versammelten sich zum Jahrestag der Reichspogromnacht (9. November 1938) am Synagogenplatz zum Gedenken an die Wilhelmshavener MitbürgerInnen, die von den Handlangern des Nazi-Regimes im 3. Reich ermordet wurden. Vier weitere Namen sind in diesem Jahr auf den Gedenktafeln hinzugefügt worden. Angesichts der Angriffe gegen Flüchtlinge, die aktuell in Deutschland Schutz suchen, fand Oberbürgermeister Andreas Wagner in seiner Ansprache klare Worte.

„Es ist eine gute und eine wichtige Tradition, an die Angriffe der Nationalsozialisten und ihrer Helfer auf die jüdischen Mitbürger in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 zu erinnern. Die gleichzeitige Brandstiftung an ihren Gebetshäusern, den Synagogen, hat leider einen aktuellen Bezug, brennende Unterkünfte für Flüchtlinge sprechen die gleiche Sprache.
Hinter beidem steckt die Angst vor Fremden und Fremdem, die sich oft aus einer eigenen prekären Lage speist und die ein Ventil für die persönliche Unzufriedenheit sucht. Da ist es dann leicht, anderen so etwas wie „Schuld“ zuzuweisen und sie als Sündenböcke zu nutzen. In diese Rolle haben die Nationalsozialisten die Juden gedrängt, heute wird versucht, die Flüchtlinge, von denen viele als Vertriebene aus der Heimat gelten müssen, dazu zu machen.

‚Haben wir denn aus unserer Geschichte nichts gelernt?‘ Diese Frage muss leider für einige Mitbürger deutlich mit NEIN beantwortet werden.
Und was macht die Mehrheit? So sehr Sorgen und Ängste über die gewaltigen Herausforderungen an unseren Staat, an unsere Gesellschaft nachvollziehbar sind, so eindeutig erfordern sie eine demokratische, eine menschliche Lösung der Aufgabe. Die Grenzen zwischen den Nationen werden weiter schwinden, die Migrationskrise mit Wellen von vertriebenen Menschen wird sie weiter verwischen.
Dem werden wir uns jetzt und verstärkt in Zukunft stellen müssen.
Dafür gibt es durchaus einen globalen Werte-Konsens, wenn auch die Quellen der jeweiligen Moral verschieden sein können. Ein Wert vereint verschiedene Perspektiven und liefert das umfassendste Motiv zur Kooperation: das ist der Wert der Fürsorge, das Kümmern um Andere. Doch trotz gemeinsamer Werte bleiben Konflikte nicht aus, weil wir als Menschen – noch – verschiedene Gemeinschaften bilden.
Selbst die Nazis hatten ein Wertegerüst, es galt aber nur für sie und nicht für alle Menschen! Denn sie wendeten es nicht auf die Juden an; im Gegenteil, sie grenzten sie aus bis hin zu ihrer Ermordung.
Damals wie heute ist es für uns einfacher, uns in eine Gruppe einzubringen, als andere in unsere Gruppe aufzunehmen. Abhilfe kann ein neues Weltbild schaffen, in dem wir eben nicht national denken, sondern global. Konkret bedeutet das, Normen, Gesetze und Institutionen zu entwickeln, die über die Vereinigten Staaten von Europa hinausgehen. Unsere Fürsorge darf nicht allein das nationale „Ich“ mit kulturellen und religiösen Traditionen im Blick haben, sondern diesen Wert müssen wir ausdehnen auf die Welt als Ganzes, auf alle Menschen. …Vor uns liegt ein langer Weg, es ist ein Prozess, der große Anforderungen an uns alle stellt. Die Geschichte kann nur als Lehrmeister dienen, wenn wir negative Abläufe und Handlungen als solche wahrnehmen und künftig vermeiden. Die Namen auf den Stelen erinnern uns täglich an einen ideologischen Irrweg, vor kurzem sind vier neue Namen hinzugekommen. Sie fordern uns in ihrer Gesamtheit auf, unsere Werte wie Toleranz, Fürsorge und Humanität auch auf ‚die Anderen‘ anzuwenden.“

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