Trübe Aussichten am Banter See

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Sep 172015
 

Sind die Freistrahlanlagen endgültig vom Tisch?

Banter See, September 2015. Foto: Gegenwind

Banter See, September 2015. Foto: Gegenwind

Algenblüte erinnert an eigentlichen Handlungsbedarf

Während „GroKo“ und Verwaltungsspitze sich, ungerührt vom Bürgerprotest, weiter mit hochtrabenden Planungen am Banter See beschäftigen, bleibt das Grundproblem, nämlich der ökologische Zustand des Sees, weiterhin ungelöst. Auch jetzt im September gab es wieder eine mehrtägige Algenblüte. Aus diesem Anlass fassen wir das Dilemma einmal zusammen und erinnern wir daran, dass der bisher einzige konkret erprobte Lösungsversuch, der Einsatz von Freistrahlanlagen, nicht einfach ad acta gelegt werden sollte. Wir holen die Ergebnisse aus der Schublade.

Im Sommer 1990 wurde zum ersten Mal eine Blüte von giftigen Cyanobakterien im Banter See festgestellt. Regelmäßige Massenentwicklungen dieser auch „Blaualgen“ genannten Kleinstlebewesen treten seit dem Sommer 2000 im Banter See auf. Die schleimig-grünen, übelriechenden Schlieren im Wasser sind nicht nur ein rein ästhetisches Problem, das Einheimischen und Gästen das Baden und wassersportliche Aktivitäten im See verleidet: Beim Verschlucken entfalten die Bakterien eine toxische Wirkung, die für kleinere Organismen wie Kinder oder Hunde lebensbedrohlich werden kann. Wenn bei sommerlichen Temperaturen die Bakterienkonzentration im Wasser zu stark ansteigt, muss immer wieder ein Badeverbot verhängt werden.

Dies nur als einführende Zusammenfassung – all das ist nicht neu, wir haben schon vielfach über das Problem, seine Untersuchungen und Lösungsansätze berichtet. Doch gerade das ist erschütternd: Nach 15 Jahren ist die Stadt in dieser Angelegenheit immer noch nicht weiter.

Es gibt eine beeindruckende Zahl von Gutachten und unterschiedliche Vorschläge verschiedener Wissenschaftler (wie auch von Laien) wie Einbringen von Bentophos, Wasseraustausch mit dem Großen Hafen oder direkt mit dem Jadebusen bis hin zur Öffnung des Grodendammes.

Umgesetzt wurde bisher nur der Einsatz von Freistrahlanlagen. Auf Initiative von Professor Jürgen Michele und einigen seiner Kollegen von der Jadehochschule wurden in den Jahren 2008 bis 2013 zwei solcher Freistrahler eingesetzt, die den Wasserkörper umschichten und mit Sauerstoff anreichern. Nach Abschluss des 5jährigen Projektes wurden die Freistrahler demontiert, Rat und Verwaltung nahmen die Ergebnisberichte entgegen und legten sie in die Schublade. Im Rahmen der „Banter See Konferenz“ und bis heute beschäftigen sie sich eher damit, die Ufer des Banter Sees mit ihrer traditionellen Nutzung grundlegend zu überplanen: Private Freizeitgärten sollen weitgehend verschwinden, neue Wohn- und Gewerbebauten sollen entstehen und das kostenlose öffentliche Freibad „Klein Wangerooge“ mit Ausnahme eines kleinen Uferbereiches einem Wohnmobil-/Campingplatz weichen. Die Konferenz war eigentlich als „Bürgerbeteiligung“ deklariert, doch die Bedenken und bis heute anhaltenden Proteste der betroffenen Nutzer halten den Planungswahnsinn nicht auf.

Auch jetzt im September erinnerte wieder mal eine mehrtägige „Algenblüte“ daran, dass das Kernthema, die ökologische Sanierung des Banter Sees, immer noch nicht abgearbeitet ist. Die Führung der CDU-SPD-Mehrheitsfraktion im Rat thematisiert vor allem die Öffnung des Grodendamms. Der See, ein ehemaliges Hafenbecken, ist nach Abtrennung durch den Damm über Jahrzehnte ausgesüßt, seine Flora und Fauna an Brackwasser angepasst. Die ökologischen Folgen einer schlagartigen Vermischung mit dem salzhaltigeren Hafenwasser sind unabsehbar.

Zudem fürchten Kritiker, dass die Dammöffnung vor allem einer „gehobenen“ Entwicklung dienen soll, sprich die Eigentümer der geplanten schicken Wohnbauten bekommen eine ebenso schicke Marina vor die Tür gebaut mit direktem Zugang zur Seeschleuse. Um die schicke Optik nicht zu stören, wurde – unter Nutzung einer halben Million Euro aus EU-Mitteln – einer der beiden historisch wertvollen Bunker am „Banter See Park“ (ehemaliges Kasernengelände am Nordostufer) abgerissen. Der Bunker ist futsch – und der Investor für die Wohnbebauung auch: abgesprungen. Plötzlich fällt der Stadt wieder ein, dass es ja sowieso schwierig wäre mit der Wohnbebauung, weil direkt gegenüber die lärmintensive Recyclingfirma Alba (ehemals Jadestahl) ansässig ist und eher an diesem Standort expandieren möchte als umsiedeln.

Derweil wird die Freifläche mit dem verbliebenen Bunker für und durch die breite Öffentlichkeit genutzt, ob Osterfeuer, Flohmarkt, NDR-Open-Air-Konzert, Theater oder Kundgebungen des Bürgerfördervereins Banter See. Das bietet den Verantwortlichen im Rathaus auch Raum für Überlegungen, welche Form der Nutzungen an einem solch attraktiven Standort dem „Image“ der Stadt und der Lebensqualität eher dient: öffentlicher Freiraum oder Wohnungen für wenige Privilegierte?

FREISTRAHLanlage260609

So sahen die Freistrahlanlagen aus. Foto: Hufenbach

Zurück zum Kernproblem: Aus aktuellem Anlass ist Professor Michele der Bitte interessierter BürgerInnen nachgekommen, seine Veröffentlichung „Lake Bant“: A five year project to solve cyanobacterial problems“ (Banter See: Ein 5-Jahres-Projekt zur Lösung von Cyano-Bakterien-Problemen) in Teilen ins Deutsche zu übersetzen. Auszug: „Das Ziel der Entschichtung wurde erreicht, der Seegrund wurde bis in 10m Tiefe mit Sauerstoff versorgt, die Artenvielfalt wurde erhöht – Cyanobakterien-Blüten wurden deutlich reduziert, der Sauerstoffgehalt am Boden machte auch die Zersetzung (Geruchsprobleme) zu einem geringeren Problem, der Phosphorgehalt in der Wassersäule nahm ab, der See war auf dem Weg zu einer Gesundung.“ Der komplette Text hier zum Nachlesen:

Freistrahler Bericht Prof. Michele Zusammenfassung deutsch

Man könnte dieser optimistischen Bewertung natürlich entgegenhalten, dass ein Wissenschaftler, der über Jahre intensiv an einer Methode forscht, sehr auf die Erfolge fixiert und subjektiv zu begeistert davon ist. Es mischen ja weitere Wissenschaftler mit, die jeweils ihre eigenen Auffassungen vertreten, so wie Professor Manzenrieder, der bereits diverse Gutachten im Auftrag der Stadt erstellt hat, oder Professor Gerd Liebezeit. Jeder reklamiert für sich, der Wahrheitsfindung am nächsten zu sein. Manzenrieder glaubte schon bei der 1. Banter See Konferenz Anfang 2011 zu wissen, dass die Freistrahlanlagen keine signifikante Wirkung erzielten, und sprach sich für den Wasseraustausch durch Öffnung des Grodendammes aus. Anders als die Freistrahler hätte dieses Großexperiment unabsehbare und unumkehrbare Folgen.

Freistrahler waren bereits zuvor erfolgreich im Accumer See zum Einsatz gekommen. Selbst wenn man von Micheles Begeisterung Abstriche macht, so war der Einsatz im Banter See doch nicht vergebens. Und selbst wenn sie allein und innerhalb von fünf Jahren nicht das 100%ige Wunder gegen Cyanobakterien bewirkt haben, der See profitiert von Sauerstoffanreicherung und Phosphatabbau und so richten sie selbst bei schwankender Wirkung keinen Schaden an. Auch ökonomisch nicht: Betriebskosten von etwa 1000 Euro pro Monat sind ein Bruchteil dessen, was bereits für allerlei theoretische Gutachten ausgegeben wurde.

Aktuell ist ein weiteres Verfahren im Gespräch, das andernorts Cyanobakterien in Schach halten konnte, allerdings noch auf mögliche unerwünschte Nebenwirkungen auf andere Organismen überprüft werden muss: Ultraschall. (siehe Bericht in dieser Ausgabe)

Ausführliche Berichte zum Ergebnis des Freistrahler-Einsatzes kann man hier nachlesen:

Abschlussbericht Technik

Abschlussbericht Ökologie

 

 

 

 

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