(Anti)Kriegsdrama

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Sep 062015
 

Never ending Alptraum

„Im Westen nichts Neues“ in eigener Fassung der Landesbühne

Soldatengräber auf dem Ehrenfriedhof, Wilhelmshaven. Foto: I. Zwoch

Soldatengräber auf dem Ehrenfriedhof, Wilhelmshaven. Foto: I. Zwoch

(iz) Mit seinem 1928/29 erschienenen Anti-Kriegs-Roman „Im Westen nichts Neues“ schuf Erich Maria Remarque einen Klassiker der Weltliteratur. Mit einfacher Sprache entfacht er ein Kopfkino, das sich nicht 1:1 für die Theaterbühne dramatisieren lässt. Es gibt bereits zahlreiche Bühnenfassungen, in denen auch mit Lärm, Nebel, Staub, Matsch und Kunstblut gearbeitet wird. Eva Lange (Regie), Lea Redlich (Dramaturgie) und Gabriela Neubauer (Bühne & Kostüme) fanden für die Inszenierung an der Landesbühne eigene Stilmittel. Sie verzichten weitgehend auf technische Effekte und setzen auf die Gewalt der Worte; die Bildsprache tritt, mit Ausnahme einiger plakativer Szenen, in den Hintergrund.

Zunächst bestand die Kunst darin, die dichte Romanvorlage auf eine spielbare Länge einzukürzen und darüber hinaus Freiräume für aktuelle Bezüge zu schaffen. Remarque beschreibt nicht nur das konkrete Grauen im Stellungskrieg, sondern auch die Folgen für die „lost generation“ der Kriegsteilnehmer. Was damals als „Kriegszittern“ bezeichnet wurde, ist ein Synonym für das heute diagnostizierte posttraumatische Belastungssyndrom (PTBS). Eva Lange: „Heimkehr ist wie Sterben. Die Heimkehrer sind lebendige Tote – ein never ending Alptraum“.
Allein in Deutschland haben über 100.000 Soldat/innen an den Einsätzen im Kosovo und in Afghanistan teilgenommen. Die Fotografin Sabine Würich und die Journalistin Ulrike Scheffer haben 80 von ihnen porträtiert und sie nach Erfahrungen befragt, die sie nachhaltig geprägt haben – im Einsatz und nach ihrer Rückkehr. Die Ergebnisse wurden unter dem Titel „Operation Heimkehr“ als Buch und als Wanderausstellung veröffentlicht. Die Ausstellung war im vergangenen Jahr im Deutschen Marinemuseum zu sehen. Lange und Redlich haben sich davon inspirieren lassen. Zitate zeitgenössischer Kriegsheimkehrer fügen sich fast nahtlos in den Plot aus dem Ersten Weltkrieg ein.
Ich-Erzähler des Romans ist Paul Bäumer, der mit seiner Kompanie – darunter einige seiner Klassenkameraden – an der Westfront liegt. Die Darsteller Ben Knop, Robert Lang, Vasilios Zavrakis, Mechthild Grabner, Sarah Horak und Aida-Ira El-Eslambouly verkörpern in fliegendem Wechsel Paul Bäumer und sechs seiner Kameraden – als Mensch jeder ein Individuum, als Soldat austauschbar. Im ersten Teil sinnieren sie noch in der recht kommoden Atmosphäre ihrer Stube oder ihres Unterstandes, die ihnen aber nach und nach – in Form herabstürzender Bühnenteile – um die Ohren fliegt. Im zweiten Teil erwecken Accessoires wie Sandsäcke schon mehr den Anschein, auf freiem Feld im Schützengraben oder „Trichter“ zu liegen. Bis zum Schluss sehen sie aber alle, mit geschniegelten Haaren und unversehrter Uniform, noch ganz passabel aus, so wie man sich in der Heimat den adretten Soldaten vorstellt.

Foto: Landesbühne

Foto: Landesbühne

Einzig Christoph Sommer darf als Randfigur (Koch, toter Soldat, Todesengel) den Zombie spielen, der wohl eher der Realität des „Frontschweins“ entspricht. Nicht nur äußerlich – zerlumpt, ungepflegt, gealtert -, auch sprachlich und mimisch ist er ein Bündel geballter, verzweifelter Emotionen, ein Kontrapunkt zu der eher cool-distanzierten Truppe seiner Mitspieler.
Damals wie heute leiden SoldatInnen darunter, ihre traumatischen Erlebnisse nicht mit anderen teilen zu können. Sie wollen die Lieben daheim nicht mit der grauenvollen Realität belasten, die zudem schier unglaublich scheint, wenn man nicht selbst dabei war. Frei nach Ernst Jünger: Sie finden keine Worte für das Unaussprechliche. Die Diskrepanz zwischen der Wahrnehmung an der Front und in der Heimat und die Unfähigkeit, dies zu kommunizieren, bringt Remarque in der Episode über Bäumers Heimaturlaub erschütternd auf den Punkt. (In der Landesbühnen-Inszenierung wird auf diese Schlüsselszene verzichtet.)
Würich und Scheffer haben es im Laufe ihrer Interviews für „Operation Heimkehr“ allerdings erlebt, dass die Gesprächspartner ihre Seele öffneten – manchmal mehr, als die Journalistinnen verkraften bzw. psychologisch abfangen konnten.

»Nach dem Einsatz ging es mir zunächst gut. Krank wurde ich erst Monate später. Es ist schwer, diesen Einschnitt hinzunehmen. Ich hatte Angst davor, wertlos zu sein und eine Last für meine Familie. Früher war ich jemand, der immer alles hinbekommen hat, einer, auf den man sich hundertprozentig verlassen konnte. Und plötzlich schaffte ich es nicht einmal mehr, morgens aufzustehen. Ich wollte aber nicht als Weichei dastehen. Deshalb habe ich jede Therapie zunächst abgelehnt. Was sollte ich mit Entspannungsübungen? Allein dieses Wort „Selbstfürsorge“. Ich wollte auch nicht in eine Selbsthilfegruppe. Das war für mich etwas für Leute mit langen Haaren, die Matetee trinken. Inzwischen habe ich selbst eine Selbsthilfegruppe gegründet. Und ich kann jedem Soldaten nur raten, Hilfe anzunehmen. Sich zu einer psychischen Erkrankung zu bekennen, ist keine Schwäche, denn es erfordert viel Mut.« Holger Roßmeier (Jahrgang 1971), Hauptfeldwebel, Interview für „Operation Heimkehr“.
»Die Ärzte haben mir gesagt, dass ich dem Tod in der ersten Nacht teilweise näher war als dem Leben. Danach habe mir gesagt, jetzt mache ich das Beste daraus. Ich verstecke meine Prothese auch nicht und gehe im Sommer wie früher in kurzen Hosen auf die Straße. Im Kindergarten meiner Tochter bin ich der Papa mit dem Roboterbein. Ob sich die Leute bewusst machen, dass ich für sie im Einsatz war, darüber mache ich mir eigentlich keine Gedanken. Wie soll die Gesellschaft ihre Verantwortung mir gegenüber auch zum Ausdruck bringen?« Tino Käßner, Oberfeldwebel a.D. Er wurde bei einem Anschlag in Afghanistan schwer verletzt und verlor einen Unterschenkel. Interview für „Operation Heimkehr“.

„Im Westen nichts Neues“ ist 2016 Thema der schriftlichen Abiturprüfung im Fach Deutsch in Niedersachsen. Die Bühnenfassung (in der letzten und der laufenden Spielzeit auch an anderen Theatern wie Braunschweig, Hannover, Göttingen) bietet den SchülerInnen zusätzliche Möglichkeiten zur Analyse und Auseinandersetzung mit dem Thema, auch mit aktuellen Bezügen.

Literatur:

 „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque. Redaktionstipp: Neuauflage von 2013 bei Kiepenheuer & Witsch, in der Fassung der Erstausgabe von 1929, mit Anhang und Nachwort von Thomas F. Schneider. ISBN 978-3-462-04581-9. (ausleihbar in der Stadtbücherei Wilhelmshaven)

Die Textauszüge im Anhang – Erster Entwurf Remarques von 1917, Erste unvollendete Fassung von 1927, Typoskript-Fassung von 1927 sowie Vorabdruck in der „Vossischen Zeitung“ von 1928 – belegen im Vergleich mit der dann veröffentlichten Buchfassung, wie stark sich Remarque der Zensur des Verlages unterwarf.
Der Fischer-Verlag hatte das Manuskript abgelehnt mit der Begründung, 10 Jahre nach Kriegsende wolle keiner mehr etwas darüber wissen. Vermutlich der schwerste Fehler in der Verlagsgeschichte. Der Ullstein-Verlag nahm das Manuskript an, brachte aber den Autor dazu, den Text in Hinblick auf politische kriegskritische Aussagen abzumildern.

Foto: Landesbühne

Foto: Landesbühne

Besonders deutlich wird dies im so genannten „Kaisergespräch“ – nach dem Truppenbesuch von Wilhelm Zwo geraten Bäumer und seine Freunde in eine sehr grundsätzliche Diskussion: „Bevor ich hierher kam, habe ich noch nie einen Franzosen gesehen, und so wird es den meisten Franzosen auch mit uns gehen. Ich käme gar nicht auf die Idee einen totzuschlagen, wenn ich nicht müßte. Wißt Ihr, weshalb wir hier sind? Für nichts, für gar nichts! Das kann einen verrückt machen“ … „Weißt Du, weshalb immer noch Krieg ist? Weil diejenigen, die ihn angefangen haben, nie gesehen haben, was Krieg eigentlich ist … Wir wissen es, die wir hier vorn liegen. Glaubst Du, der Kaiser weiß, was tatsächlich Krieg heißt? Glaubst Du, die Generäle wissen es und die Leute, die Aufrufe erlassen, dass der Krieg weiterdauern muss? … Wenn sie ein Jahr hier vorn bei uns wären, dann wüßten sie was davon. Und dann würden sie wahrscheinlich aufhören.“ „Das glaube ich nicht … Sie wissen es, sage ich dir, sie wissen alles ganz genau, sie kennen Krieg und Lazarette und Massengräber, sie wissen, dass wir alle nichts anderes sind als Kanonenfutter für eine Anzahl Ehrgeiziger und Verdiener und Quatschköpfe; – und sie hören trotzdem nicht auf. Dieser Gedanke ist es erst, der mich kaputt macht!“ … Wenn dieser Krieg zuende ist, können wir nichts anderes tun, als die Welt in Stücke schlagen. Einfügen können wir uns nicht mehr … „Es ist besser, über den ganzen Kram nicht zu reden“ … „Wird ja nicht anders dadurch“. Diese kritische Reflexion des Krieges durch einfache Soldaten war dem Verlag wohl zu revolutionär, in der Buchfassung tauchen die stärksten Dialogpassagen nicht mehr auf.

„Ich dachte immer, jeder Mensch sei gegen den Krieg, bis ich herausfand, daß es welche gibt, die dafür sind, besonders die, die nicht hingehen müssen.“ E. M. Remarque im Fernsehinterview mit Friedrich Luft, 1963

Der Verlag unternahm zudem den zweifelhaften Versuch, den Roman als autobiografisches Werk zu vermarkten, mit dem sich Remarque den Krieg von der Seele geschrieben habe. Tatsächlich war Remarque „nur“ sechs Wochen (im Sommer 1917) an der Front und verbrachte den Rest des Krieges verletzungsbedingt im Lazarett, wo dann auch der erste Entwurf entstand. Tatsächlich hat er wohl Kriegserlebnisse anderer Soldaten verarbeitet und das in einem so komplex strukturierten Werk, dass es sich kaum um eine spontane Niederschrift handeln kann. Sein Trauma konnte er damit nicht verarbeiten, zeitlebens wurde er von kriegsbedingten Depressionen verfolgt.

„Ich war außerordentlich überrascht über die politische Wirkung … Mein eigentliches Thema war ein rein menschliches Thema, dass man junge Menschen von 18 Jahren, die eigentlich dem Leben gegenübergestellt werden sollten, plötzlich dem Tode gegenüberstellt … Ich wurde immer wieder gefragt: Was wird aus uns werden? Wie werden wir nachher leben können, nachdem wir alles dieses mitgemacht haben, nachdem wir uns mit dem Tode haben auseinandersetzen müssen? Wie wird es sein, wenn man uns nun wieder in das Leben hineintut, und was wird mit uns geschehen?“ E. M. Remarque im Fernsehinterview mit Friedrich Luft, 1963

Sabine Würich & Ulrike Scheffer: Operation Heimkehr. Bundeswehrsoldaten über ihr Leben nach dem Auslandseinsatz, Christoph Links Verlag, 2014. ISBN 978-3-86153-759-5. (ausleihbar in der Stadtbücherei Wilhelmshaven)

Weitere Aufführungen im Stadttheater Wilhelmshaven: Mi, 23.09.2015 / 20.00 Uhr; So, 27.09.2015 / 15.30 Uhr; Fr, 16.10.2015 / 20.00 Uhr; Sa, 14.11.2015 / 20.00 Uhr; Di, 24.11.2015 / 20.00 Uhr.

Es ist an der Zeit

Soldatengrab, 1. WK, Ehrenfriedhof Wilhelmshaven. Foto: I. Zwoch

Soldatengrab, 1. WK, Ehrenfriedhof Wilhelmshaven. Foto: I. Zwoch

Weit in der Champagne im Mittsommergrün
Dort wo zwischen Grabkreuzen Mohnblumen blüh’n
Da flüstern die Gräser und wiegen sich leicht
Im Wind, der sanft über das Gräberfeld streicht

Auf deinem Kreuz finde ich toter Soldat
Deinen Namen nicht, nur Ziffern und jemand hat
Die Zahl neunzehnhundertundsechzehn gemalt
Und du warst nicht einmal neunzehn Jahre alt

Ja, auch Dich haben sie schon genauso belogen
So wie sie es mit uns heute immer noch tun
Und du hast ihnen alles gegeben:
Deine Kraft, Deine Jugend, Dein Leben

Hast du, toter Soldat, mal ein Mädchen geliebt?
Sicher nicht, denn nur dort, wo es Frieden gibt
Können Zärtlichkeit und Vertrauen gedei’n
Warst Soldat, um zu sterben, nicht um jung zu sein
Vielleicht dachtest du Dir, ich falle schon bald
Nehme mir mein Vergnügen, wie es kommt, mit Gewalt
Dazu warst du entschlossen, hast dich aber dann
Vor dir selber geschämt und es doch nie getan

Ja, auch Dich haben sie schon genauso belogen
So wie sie es mit uns heute immer noch tun
Und du hast ihnen alles gegeben:
Deine Kraft, Deine Jugend, Dein Leben

Soldat, gingst du gläubig und gern in des Tod?
Oder hast zu verzweifelt, verbittert, verroht
Deinen wirklichen Feind nicht erkannt bis zum Schluß?
Ich hoffe, es traf dich ein sauberer Schuß?
Oder hat ein Geschoß Dir die Glieder zerfetzt
Hast du nach deiner Mutter geschrien bis zuletzt
Bist Du auf Deinen Beinstümpfen weitergerannt
Und dein Grab, birgt es mehr als ein Bein, eine Hand?

Ja, auch Dich haben sie schon genauso belogen
So wie sie es mit uns heute immer noch tun
Und du hast ihnen alles gegeben:
Deine Kraft, Deine Jugend, Dein Leben

Es blieb nur das Kreuz als die einzige Spur
Von deinem Leben, doch hör‘ meinen Schwur
Für den Frieden zu kämpfen und wachsam zu sein:
Fällt die Menschheit noch einmal auf Lügen herein
Dann kann es gescheh’n, daß bald niemand mehr lebt
Niemand, der die Milliarden von Toten begräbt
Doch finden sich mehr und mehr Menschen bereit
Diesen Krieg zu verhindern, es ist an der Zeit.

Es ist an der Zeit ist die von Hannes Wader getextete und gesungene Version von Eric Bogles No Man’s Land

 

 

 

 

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