Elektrifizierung
Mai 292002
 

Eine unendliche Geschichte

Wie lange Politiker schon versuchen, elektrische Strippen über eine Bahnstrecke zu ziehen

(red) Dreierlei haben sie gemeinsam, die Eisenbahnstrecke von Makuyuwi nach Nansio und die von Wilhelmshaven nach Oldenburg: Beide Strecken sind eingleisig, beide haben Langsamfahrstrecken, beide sind nicht elektrifiziert.

Der große Unterschied: Die eine Bahnstrecke befindet sich im afrikanischen Tansania und die andere in Niedersachsen. Auf der tansanischen Bahnstrecke werden meist nur Güter befördert, auf der niedersächsischen Strecke auch Menschen und vielleicht auch später mal viele, viele Container.
Während die Tansanier in den nächsten Jahren sicher nicht daran denken, auf dieser Strecke, die durch Ödland zur Küste führt, elektrische Oberleitungen zu installieren, wird von Politikern unserer Region eine Elektrifizierung der Strecke Wilhelmshaven – Oldenburg seit über einem Jahrzehnt immer wieder vehement und wortreich gefordert.

Nur – getan hat sich noch nichts.

Es war einmal – so fangen auch Märchen an – im November des Jahres 1989. Da schrieb Wilfrid Adam, seit 1986 Mitglied des Landtags Niedersachsen, damals noch nicht restlos hafenfixiert, an den Präsidenten der Bundesbahndirektion Hannover, Werner Remmert, einen Brief. Darin stand u.a.: „Wilhelmshaven muss als Oberzentrum der Nordwestregion und als einziger deutscher Tiefwasserhafen eine optimale Erschließung durch die Bundesbahn erhalten. Das schließe die Elektrifizierung ebenso ein wie die Beseitigung der Langsamfahrstrecken“.
Diese Forderung war Futter für andere Politiker, die meinten, sich mit diesem Thema profilieren zu können, und so war das folgende Jahr 1990 voll von Versprechungen und scheinbaren Bemühungen.
Im Januar 1990 sprach Dr. Engstler, damals CDU-Landtagskandidat, mit dem Niedersächsischen Ministerpräsidenten Dr. Ernst Albrecht (CDU )über die geforderte Elektrifizierung der Strecke. Albrecht: „Die Landesregierung unterstützt ausdrücklich die Forderung nach Elektrifizierung der Bahnstrecke Wilhelmshaven – Oldenburg“.
Auch Manfred Carstens, zu diesem Zeitpunkt CDU-Staatssekretär und MdB, stieß im gleichen Monat flugs in des Landesvaters Horn und versprach, „sich für die Bahnstrecke Wilhelmshaven – Oldenburg einzusetzen“. Und gleichfalls in diesem Monat nahm sich auch Dr. Herbert Ehrenberg als SPD-MdB des Themas an und sandte einen Brief an Dr. Albrecht. Er regte darin u.a. an, „…Albrecht möge zusätzliche Strukturhilfemittel für die Elektrifizierung der Bahnstrecke bereit stellen“.
Als Ehrenbergs Schreiben öffentlich gemacht wurde, brüstete sich MdL W. Adam bei einem Genossentreff – nicht ohne Stolz: Das habe ich doch schon 1986 gefordert“.
Im Juni des Jahres wandte sich der Oldenburger SPD-MdB Dietmar Schütz in gleicher Sache direkt an das Bundesverkehrministerium. Von dort bekam er bald die ernüchternde Antwort: „Der Ausbau der Strecke Wilhelmshaven – Oldenburg wird als nicht gerechtfertigt bezeichnet“.
Trotz dieses Bescheids forderte MdB Erich Maaß im Oktober 1990 in einem WZ-Gespräch: „…Zwingend für eine Verbesserung der Wirtschaftsstruktur in unserer Region sei nach wie vor die Elektrifizierung der Bundesbahnstrecke Wilhelmshaven – Oldenburg“.
Als im März 1991 der Kanzleramtsminister Seiters (CDU) unseren Politprofis mitteilte, „die Bundesbahn sei derzeit nicht in der Lage, den Ausbau und Elektrifizierung der 52 km langen Strecke aus eigenen Mitteln zu finanzieren“, war das Thema erst einmal vom Tisch.
Doch nur für kurze Zeit. Im Februar 1992 griff der Niedersächsische Verkehrsminister die Elektrifizierung der besagten Strecke wieder auf und verkündete den Wilhelmshavener Politikern, „die Vereinbarung der Elektrifizierung der Strecke sei auf einem guten Wege“.
Am 7. Dezember 1993 titelte die WZ – wohl als vorgezogenes Weihnachtsgeschenk: „Bund und Land einig: Elektrifizierung bis 1999“.
Zwei Jahre später eine weitere frohe Botschaft. „Geld für Elektrifizierung fließt“, so die Überschrift eines WZ-Artikels vom 24. Juni 1995. Der Grund: Der Verkehrsminister Peter Fischer hatte in einem Gespräch mit W. Adam verkündet, „…dass die Elektrifizierung der Strecke von Wilhelmshaven nach Oldenburg vereinbarungsgemäß bis 1999 unter Draht kommt.“
Fischers Aussage nutzten flugs die Christdemokraten der Jadestadt, in ihrem Wahlprogramm für die Kommunalwahl 1996 auf ihre Meriten daran aufmerksam zu machen. So war da zu lesen: „Die Elektrifizierung der Bahnstrecke nach Oldenburg ist unter maßgeblicher Beteiligung der CDU in Bund, Land und Kommune beschlossen worden … Deshalb fordern wir, die Elektrifizierung zu forcieren, damit … sie noch vor dem Jahr 1999 fertiggestellt wird.“
Da durften auch die SPD-Politiker nicht hintanstehen, und so bekundete MdL Peters kurz nach Veröffentlichung des CDU-Wahlprogramms: „Die Abgeordneten der Region werden es nicht zulassen, dass der Ausbau der Bahnstrecke Oldenburg – Wilhelmshaven nicht zeitgerecht erfolgt“.
Wasser auf die Mühlen für die Parteistrategen aller Couleurs war dann die Ankündigung des damaligen Bahnchefs Dürr im Januar 1997: „Das Planfeststellungsverfahren für die Elektrifizierung werde noch in diesem Jahr eingeleitet, so dass die Bauarbeiten 1998 und 1999 ausgeführt werden können.“

„Nun geht’s los“,

hätte man jetzt jubeln können. Denkste! Im Jahr 1997 nahm sich auch die Wirtschaft dieses Themas an. Johan van Weelden, Beta-Chef und passionierter Querdenker, schockte die Politiker, indem er anregte, „die vorgesehenen Gelder für die Elektrifizierung der Strecke Wilhelmshaven – Oldenburg besser für die Bahnverbindung Wilhelmshaven – Varel – Brake zu verwenden“.
Den Nagel auf den Kopf traf jedoch im März 1997 Manfred Adrian als Vorsitzender des Allgemeinen Wirtschaftsverbandes Wilhelmshaven mit seiner Feststellung: „Die Politiker benutzen das Thema der Zukunft und Qualität der Bahnstrecke zwischen Wilhelmshaven und Oldenburg vor allem zu ihrer eigenen Profilierung.“

Und in der Tat: Außer vollmundigen Ankündigungen unserer Politiker hat sich bis heute rein gar nicht getan.

Wenn heute ein Wilhelmshavener Bahnfahrgast während der Fahrt in Richtung Oldenburg aus dem Abteilfenster nach oben schaut, so sieht er nur den – meist grauen – Himmel und vielleicht mal eine Möwe, aber keine elektrische Oberleitung. Noch immer wird der Zug an verschiedenen Streckenteilen aus Sicherheitsgründen abgebremst.
Nun konnte man in den letzten Wochen der örtlichen Presse entnehmen, dass eine Elektrifizierung erst nach 2004 vorgesehen ist. Und dann auch nur, wenn Bedarf besteht.
Und Bedarf besteht frühestens dann, wenn die ersten Container vom JadeWeserPort ins Hinterland befördert werden müssen. Und da streiten sich die Gelehrten, wann dieser Zeitpunkt gekommen sein wird: Die „Macher“ gehen von 2008 bis 2010 aus, benötigt wird der Hafen (wenn überhaupt) nach Ansicht von Branchenkennern frühestens 2020.
Für den Personenverkehr spielt die Elektrifizierung überhaupt keine Rolle. Wilhelmshaven wird von keinem Zug der Deutschen Bahn mehr angefahren. Die NordWestBahn, die den Personenverkehr Richtung Oldenburg/Osnabrück und Ostfriesland mit ihren dieselgetriebenen Schienenbussen durchführt, wird kaum Interesse an einer Elektrifizierung haben. Und bevor die Innenstadt noch mehr verschandelt wird, sollten wir hoffen, dass die 10 Container, die pro Woche in den Wilhelmshavener Bahnhof einfahren, auch zukünftig noch von Dieselloks gezogen werden.

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