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Sep 192017
 

Besser spät als nie

Dank Carsharing kann man das eigene Auto in die Wüste schicken. Foto: Imke Zwoch

Dank Carsharing kann man das eigene Auto in die Wüste schicken. Foto: Imke Zwoch

(iz) Viele Menschen möchte auf ein eigenes Auto vor der Tür nicht verzichten. Dort verbringt das Auto auch die meiste Zeit, nämlich durchschnittlich 23 Stunden am Tag. Die Unterhaltskosten laufen derweil unabhängig von der Nutzung durch. Viel günstiger ist es, sich Fahrzeuge mit anderen zu teilen und nur im tatsächlich genutzten Umfang dafür zu zahlen. Carsharing entlastet gleichzeitig Umwelt und Klima. Bundesweit gibt es schon in etwa 600 Kommunen entsprechende Angebote. Jetzt will auch Wilhelmshaven nachziehen.

Eigentlich hätte Wilhelmshaven zu den Pionieren des Carsharings gehören können. Engagierte BürgerInnen, die in den 90er Jahren eine Ökosiedlung planten, wollten in diesem Zusammenhang auch eine Carsharing-Initiative auf den Weg bringen. Das scheiterte daran, dass die Stadt nicht einmal die erforderlichen öffentlichen Stellplätze zur Verfügung stellen wollte1. Seitdem hat sich der hiesige Autowahn eher noch verschlimmert. Immer mehr Stadtlandschaft ist unter Asphalt verschwunden, bis heute schwelt der Streit um den Durchbau der Friedenstraße, deren Verlängerung Wohngebiete und Grüngürtel durchschneiden würde.

Fast 20 Jahre später bringt nun Wilhelmshavens Klimaschutzmanager André Lachmund, gerade vier Monate im Amt, ein „Aktionsbündnis Carsharing“ auf den Weg. Etwa 80 Interessierte folgten seiner Einladung zur Auftaktveranstaltung im Pumpwerk, darunter sowohl Privatpersonen als auch MitarbeiterInnen von Firmen und Behörden und lokale VertreterInnen von Umweltorganisationen wie Greenpeace oder BUND. Lachmund zeigte sich „überwältigt“ von dieser positiven Resonanz, denn: „Im Vorfeld haben mir viele gesagt, Carsharing sei eine tolle Idee, aber in Wilhelmshaven funktioniere das nicht“.

„Autos sind ein Garant für sichere Arbeitsplätze, Wohlstand, Freiheit und Flexibilität“, erklärte Stadtbaurat Oliver Leinert. So wird es von der Autoindustrie und ihren Steigbügelhaltern in der Politik immer noch gepredigt. Gerade bei jungen Leuten, vor allem in den Großstädten, vollzieht sich aber ein Wertewandel. Sie definieren Wohlstand, Freiheit und Flexibilität völlig anders und haben deshalb kein Auto, sondern ein Stadtrad-Flatrate und eine Bahncard nebst Mobilitätsapp.

Die ersten Carsharing-Vereine in Deutschland entstanden (unter anderem in Bremen) vor mehr als 25 Jahren. Mittlerweile wurde diese Idee professionalisiert und kommerzialisiert, mehrere große Anbieter dominieren den Markt mit derzeit 1,7 Millionen registrierten TeilnehmerInnen bundesweit. Zu den größten Carsharing-Anbietern zählen DriveNow, car2go, die DB-Tochter Flinkster und die cambio-Gruppe. Auch große Autofirmen wie BMW, die ihre Felle davonschwimmen sehen, haben inzwischen eigene Carsharingportale aufgebaut.

Der Oldenburger cambio-Geschäftsführer Klaus Göckler (48 Fahrzeuge, 1400 KundInnen) war eingeladen, um einen Überblick über das Carsharing-System zu geben – unabhängig davon, ob sich ein hiesiges Aktionsbündnis für cambio oder einen anderen Anbieter entscheidet. Beispielhaft stellte er das Carsharing in Flensburg vor; die Stadt ist strukturell Wilhelmshaven vergleichbar und das Carsharingbündnis dort noch jung.

In Flensburg zahlt jede/r FahrerIn im Standardtarif eine einmalige Anmeldegebühr von 30 Euro, hinzu kommt eine monatliche Grundgebühr von 10 Euro. Nutzungsabhängig zahlt man einen Zeitpreis von 1,70 Euro / Stunde (nachts 0,50 Euro) bzw. 21 Euro pro Tag, der Kilometerpreis inkl. Treibstoff beträgt 22 ct (ab 100 km 15 ct). Um Stellplatz, Steuern, Versicherung, Reparaturen kümmert sich der Anbieter. Wer weniger als 15000  km im Jahr fährt, kommt damit günstiger weg als mit einem eigenen Auto.

Reservieren kann man das Fahrzeug im Internet, per App oder telefonisch. Man kann es für eine Stunde buchen bis hin zu (mit ausreichender Vorlaufzeit) einer Urlaubsreise (bis zu 30 Tage). Mit der Anmeldung erhält man eine Chipkarte, die Zugang zu Fahrzeug und Schlüssel ermöglicht. Im Prinzip kann man sofort losfahren, sollte aber auch zur verabredeten Zeit zurück sein, damit andere Nutzer nicht warten müssen.

Man muss natürlich zeitlich etwas flexibel sein bzw. frühzeitig buchen, um innerhalb des gesamten Nutzerkreises verlässlich mobil zu bleiben, wenn man eben wirklich mal ein Auto braucht und nicht auf Fahrrad oder ÖPNV ausweichen kann. Die Anbieter können erfahrungsbasiert abschätzen, wie viele Fahrzeuge für eine bestimmte Nutzerzahl erforderlich ist. Die Stellplätze sollte so verteilt sein, dass jede/r das Fahrzeug problemlos erreichen kann. Auch sollte ein Teilnehmerkreis unter verschiedenen Fahrzeugtypen auswählen können, vom Kleinwagen bis zum Transporter.

Nicht nur Privatpersonen oder Familien können sich einem Carsharing-Bündnis anschließen. Firmen, Behörden und andere Organisationen können sogenannte Ankerkunden werden, die eine rentable Ausnutzung der Fahrzeuge sicherstellen. Markus Wortmann, Vizepräsident der Jadehochschule, berichtete über positive Erfahrungen am Hochschulstandort Oldenburg, der seit 10 Jahren dabei ist: Carsharing ist deutlich günstiger als eigene Dienstwagen, die den größten Teil der Zeit nur rumstehen. In Wilhelmshaven wäre ein Zusammenschluss mit dem Klinikum und dem gegenüberliegenden Hotel möglich, um geteilte Fahrzeuge optimal auszulasten. Auch die private Nutzung durch Mitarbeiter wäre denkbar.

Auf einer Karte konnten die TeilnehmerInnen der Veranstaltung ihrer Ansicht nach sinnvolle zentrale Stellplätze für Fahrzeuge einzeichnen, dazu gehörte der Theaterplatz, der Valoisplatz und auch der Rathausplatz, zumal die Stadtverwaltung selbst ein naheliegender Ankerkunde wäre.

Kommentar:

Wilhelmshaven hat sich in Sachen Klimaschutz hohe Ziele gesteckt. Derzeit kommen auf 1000 Einwohner etwa 500 private PKW, da ist noch viel Luft nach oben auf dem Weg zu einer klimafreundlichen Stadt. Neben der Optimierung des ÖPNV- und Radverkehrssystems (inkl. eines Stadtrad-Verleihsystems) ist die Abkehr vom motorisierten Individualverkehr ein wichtiger Baustein auf diesem Weg. Außer den oben genannten und weiteren kommerziellen Carsharing-Anbietern gibt es bundesweit über 100 privat organisierte Carsharing-Vereine. Wilhelmshaven ist allerdings, so ein Teilnehmer der Auftaktveranstaltung bei einem Randgespräch, in Sachen ökologische Modernisierung träger als andere Kommunen. Tatsächlich gibt es hier immer noch zu viele Betonköpfe unter den Meinungsführern und Entscheidungsträgern, die für einen Parkplatz noch den letzten Baum fällen würden. Mit der Gründung eines lokalen Carsharing-Vereins, der sich erst durch einen Wust rechtlicher und finanzieller Stolperfallen quälen muss, müssten die Befürworter eine zusätzliche Hürde überwinden. Insofern wäre der Anschluss an ein kommerzielles, aber etabliertes und bereits funktionierendes Carsharing-System möglicherweise der richtige Weg, damit Wilhelmshaven den Anschluss an eine lebenswerte Zukunft nicht nochmal um 20 Jahre verpasst.

Imke Zwoch

Ansprechpartner für weitere Infos zum lokalen Carsharing-Aktionsbündnis und zum Klimaschutz: André Lachmund, Klimaschutzmanager, Tel. (04421) 16-2550, andre.lachmund (at) wilhelmshaven.de
Weitere Infos zu Funktion und Konditionen professioneller Carsharing-Anbieter z. B. unter www.cambio-carsharing.de

1 Auch die Ökosiedlung als solche scheiterte an einer Ratsmehrheit, der ein solches Konzept abwegig-elitär erschien. Heute stehen auf der Fläche hochpreisige konventionelle Villen – siehe Artikel „Wieder eine Chance vertan“ vom September 1998.

 

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