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Mai 142014
 

Flashmob versus Lynchmob

Wilhelmshaven gegen Gewalt – und gegen Gegengewalt

Menschenkette gegen Gewalt (Valoisplatz). Foto: Imke Zwoch

Menschenkette gegen Gewalt (Valoisplatz). Foto: Imke Zwoch

(iz) Etwa 300 Menschen haben heute auf dem Valoisplatz ein Zeichen gegen Gewalt gesetzt. Zunächst formierten sich die Demonstranten zu einem Schriftzug, der ihre Botschaft bekundete, dann bildeten sie einen Kreis und fassten sich an den Händen. Die Botschaft: Zusammenstehen, nicht wegschauen, Zivilcourage zeigen. Und: ein klares Bekenntnis gegen Gegengewalt und Selbstjustiz.

Entgegen begründeter Befürchtungen verlief die Veranstaltung friedlich, es tauchten keine Störer auf, um die Intention der Veranstalter zu unterlaufen. Die Aktion war sehr kurzfristig im kleinen Kreis entstanden. Das Megafon war von der Polizei ausgeliehen und knarzte, es gab keine Ansprache und kein offenes Mikro-/Megafon, um allen Teilnehmer/innen einen persönlichen Wortbeitrag zu ermöglichen. Wäre schön gewesen, aber es hatte auch was Erfrischendes, dass nicht „die üblichen Verdächtigen“, sondern ganz neu politisierte Menschen die Initiative ergriffen hatten. Und die Medienpräsenz aus ganz Niedersachsen war beeindruckend.

Via Facebook hatten die Veranstalter zu diesem Flashmob aufgerufen. Anlass war die brutale Attacke gegen eine 14jährige am 5. Mai. Eine Gruppe Jugendlicher hatte sich auf der Eisenbahnbrücke in Bant getroffen. Ein 17jähriger und ein gleichaltriges Mädchen schlugen das Mädchen erst ins Gesicht und traten sie dann mehrfach gegen den Kopf, als sie sich bereits auf der Treppe krümmte. Der Rest der Gruppe schritt nicht ein, stattdessen filmten sie die Szene und posteten sie später im Internet.

Aus der Gewalt erwuchs Gegengewalt. Gegen Abend sammelte sich vor dem Haus der einen Täterin ein aufgebrachter Mob, die Polizei konnte rechtzeitig einschreiten. Der Ruf nach Lynchjustiz pflanzt sich jedoch in den „sozialen“ Netzwerken ungebremst fort. Auf mehreren Facebookseiten sind Namen und Fotos der beiden Haupttäter veröffentlicht sowie die Smartphone-Videos, auf denen Täter und Opfer „unverpixelt“ zu erkennen sind. Die geposteten Kommentare triefen vor Haß und Schreien nach Selbstjustiz, mit wenigen Ausnahmen („Wenn wir hier zur Selbstjustiz aufrufen katapultieren wir uns damit selbst ins Mittelalter zurück!“). Dieser Gruppe ist schwer zu vermitteln, dass auch die Täter Persönlichkeitsrechte besitzen. Was sie dem Opfer damit antun, die Videos immer und immer wieder zu posten und zu teilen, geht ihnen aber ebensowenig in den (Hohl)Kopf. Empathie sieht anders aus.

Foto: Imke Zwoch

Foto: Imke Zwoch

Die Täter sitzen längst in Untersuchungshaft (da die Staatsanwaltschaft von Tötungsabsicht ausgeht), nach Aussage der Staatsanwaltschaft erwartet sie eine Haftstrafe zwischen 6 Monaten und bis zu 10 Jahren. Die Gaffer werden von der Polizei vernommen, auch sie könnten wegen unterlassener Hilfeleistung zu Haftstrafen verurteilt werden. Die Videos liegen der Justiz vor. Sie jetzt noch weiter zu verbreiten, ist reine Sensationsgier. Sie zurückzuholen: unmöglich.
Jeder Versuch, solche Beiträge – ob die Filme oder ganze „Wanted“-Seiten mit Täterangaben – als unangemessen bei Facebook zu melden, scheitert. „Wir haben deine Meldung von … geprüft … Danke, dass du dir die Zeit nimmst etwas zu melden, was eventuell gegen unsere Gemeinschaftsstandards verstößt. Meldungen wie deine sind ein wichtiger Beitrag zur Sicherheit auf Facebook und tragen zu einer einladenden Umgebung bei. Wir haben die von dir wegen Belästigung gemeldete Seite geprüft und festgestellt, dass sie nicht gegen unsere Gemeinschaftsstandards verstößt.“ Ein Klick auf die „Gemeinschaftsstandards“ zeigt, dass die fraglichen Beiträge gleich mehrfach gegen die Standards verstoßen: „Wir entfernen die entsprechenden Inhalte und ergreifen gegebenenfalls rechtliche Maßnahmen, wenn wir ein echtes Risiko physischer Gewalt oder eine Bedrohung der öffentlichen Sicherheit wahrnehmen. Es ist dir untersagt, anderen glaubhaft Gewalt anzudrohen oder Gewalttaten in der echten Welt zu organisieren … Facebook toleriert weder Mobbing noch Belästigung … Facebook erlaubt keine Hassbotschaften, unterscheidet allerdings zwischen ernsthaften und humorvollen Botschaften … Wir fordern dich auf, das Veröffentlichen von persönlichen Informationen anderer ohne deren Zustimmung zu unterlassen … Wir nehmen die Sicherheit unserer Mitglieder ernst und sind bestrebt, Angriffsversuche auf ihre Privatsphäre oder Sicherheit zu unterbinden …“ Danke, Mr. Zuckerberg, dass Du Posts wie „ich ficke deine Mutter, ich ficke deine Schwester“ (gerichtet an den Täter von der Eisenbahnbrücke) oder „Bei solchen fotzen ist Gewalt die beste Lösung“ (gerichtet an die zweite Täterin) mit Humor nimmst. „Bitte denke daran, dass durch das Melden eines Inhalts nicht garantiert wird, dass er von Facebook entfernt wird.“ Auf Facebook ist nur eines sicher: Dass solche Inhalte NICHT entfernt werden.

Richtig Spaß hatte auch ein älterer Herr, der zufällig den gleichen Nachnamen trägt wie der Haupttäter. Fix postete die Community seine Adresse und Telefonnummer. „Dies reicht aus, dass Leute bei dieser Hetzjagd meinem Vater Morddrohungen und Anderes aussprechen“, schrieb sein Sohn, dem nichts übrig blieb, als den Wahnsinn durch Posts auf den zweifelhaften Plattformen zu stoppen.

Das Mädchen, das auf der Brücke zusammengetreten wurde, muss nicht nur mit dem Trauma der erfahrenen Gewalt weiterleben, sondern, „dank“ all dieser Pseudo-Gutmenschen, auch mit dem Wissen, dass die Bilder, die sie selbst mit psychologischer Hilfe aus dem Kopf kriegen muss, auf ewig im digitalen Gedächtnis der Welt verankert sind.

Zurück bleibt tiefe Erschütterung: Die Tat als solche. Die Gaffer, die nicht einschreiten, auch keine Hilfe rufen. Die zugucken, Sprüche machen („wer ruft den Krankenwagen“?), filmen, posten. Die Facebook-Helden, die Blutrache fordern und nicht merken, dass sie keinen Deut besser sind als jene, die sie anprangern.
Es bleibt aber auch ein kleines bisschen Hoffung: Junge Menschen, die weiter denken. Die nicht zugucken, nicht nur Sprüche absondern, sondern selbst etwas tun wollen, um die Gewaltspirale an der Wurzel zu stoppen.

P.S.: Bei der Recherche zu diesem Bericht machten wir eine Entdeckung, die uns zu folgender Mail veranlasste:
„Liebe Kolleg/innen vom FRF,
ich frage mal etwas robust: „Geht’s noch?“ Wärt Ihr bitte so gut, das (zudem noch UNVERPIXELTE!) Video von der Gewalttat vom 5. Mai sofort aus dem Netz zu nehmen? Wenn zehntausende Spacken es auf Facebook teilen, ist das eine Sache. Wenn Journalisten es veröffentlichen, ist das NO GO. Die Persönlichkeitsrechte der Täter sind vielen egal (mir übrigens nicht). Zumindest aber nehmt doch bitte Rücksicht auf das Opfer. Das Mädchen ist genug traumatisiert durch die Tat.
Die Staatsanwaltschaft hat die Videos, die Täter sind in U-Haft, es gibt keine Rechtfertigung dafür, diese Bilder weiterhin durch die Medien zu veröffentlichen. Zumal ohnehin nur Organe der Justiz solche zu Fahndungszwecken nutzen dürfen.
Grüße
Imke Zwoch
Redaktion GEGENWIND, Wilhelmshaven“

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